"Wir sind nicht die Marionetten unserer Gene"

1. Juni 2011, 16:39
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Die genetischen Einflüsse auf das Altern werden oft überschätzt - Ein Großteil geht auf den Lebensstil zurück - derStandard.at-Interview

Die Grenzen des Alterns haben sich verschoben. "Jemand der heute 70 ist, befindet sich biologisch in einem Zustand wie es in den 1970er Jahren ein 60-Jähriger war", erklärt Bernd Kleine-Gunk, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg in den vergangenen 170 Jahren kontinuierlich an - ein Ende ist nicht in Aussicht. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass jedes zweite im Jahr 2000 geborene Mädchen bereits 100 Jahre alt wird. Im Interview mit derStandard.at spricht der Mediziner über das Alter als Risikofaktor für Krankheiten schlechthin, die unterschiedlich schnell alternden Organe und verrät, was jeder von uns selbst tun kann, um solange wie möglich fit und jung zu bleiben.

derStandard.at: Sehen Sie das Altern als eine Krankheit an?

Kleine-Gunk: Sagen wir so: Altern ist auf jeden Fall nicht gut für die Gesundheit (lacht). Altern ist der Prozess, der mit einem erhöhten Sterblichkeits- und Krankheitsrisiko einhergeht. Für Krankheiten wie Arteriosklerose, Osteoporose oder Demenz gibt es unterschiedliche Risikofaktoren, etwa ein zu hoher Cholesterinspiegel oder Rauchen. Aber es gibt einen einzigen Risikofaktor, der bei den meisten Krankheiten durchgängig ist und auch den Hauptrisikofaktor darstellt und das ist ein höheres Lebensalter.

derStandard.at: Was verstehen Sie unter Anti-Aging?

Kleine-Gunk: Wichtig ist die Unterscheidung in medizinisches Anti-Aging, dem unsere Gesellschaft angehört und ästhetisches Anti-Aging. Der Begriff wird vielfach von der kosmetischen Industrie für Anti-Falten-Cremes und dergleichen verwendet - das hat ja auch seine Berechtigung. Jünger auszusehen hilft vielen dabei, sich jünger zu fühlen. Das medizinische Anti-Aging hat einen anderen Ansatz: Die medizinische Aufgabe in einer immer älter werdenden Gesellschaft ist es in Zukunft dafür zu sorgen, dass die älter werdenden Menschen gesund bleiben.

derStandard.at: Ab welchem Alter spricht man von alt?

Kleine-Gunk: Medizinisch gibt es keine Definition von alt. Soziologisch gibt es ab einem Alter von 60 den Senior, aber medizinisch nicht.

derStandard.at: Die Weltgesundheitsorganisation definiert alt ab einem Alter von 65.

Kleine-Gunk: Auch das ist keine medizinische Definition. 65 Jahre ist ein Begriff aus dem Soziologischen, der oft übernommen wird. Es wird mittlerweile auch bereits zwischen den jungen Alten, die zwischen 65 und 80 Jahren sind, und den alten Alten über 80 unterschieden. Von den jungen Alten sind viele noch relativ gesund, ab 80 häufen sich dann gravierendere altersabhängige Erkrankungen. Diese Einteilung orientiert sich am chronologischen Alter, also dem Alter in Jahren. Daneben gibt es noch das biologische Alter. Biologisch können Menschen jünger oder älter sein als ihr chronologisches Alter.

derStandard.at: Hat sich das biologische Alter in den letzten Jahren verschoben? Sind 70-Jährige heute jünger?

Kleine-Gunk: Ja, das zeigen alle Studien: Wir werden immer älter und bleiben dabei auch immer länger gesund. Das ist eine durchaus positive Entwicklung. Jemand der heute 70 ist, ist biologisch in einem Zustand wie es in den 1970er Jahren ein 60-Jähriger war.

derStandard.at: Bei welchem Alter liegt die maximale Lebensspanne eines Menschen?

Kleine-Gunk: Biogerontologen sind sich ziemlich einig, dass dieses Alter bei 120 Jahren liegt. Es gibt für jede Spezies ein durchschnittliches Lebensalter, beim Menschen steigt das seit 170 Jahren kontinuierlich an. Und es gibt für jede Spezies auch ein maximal erreichbares Alter, das für den Menschen bei ungefähr 120 Jahre. Die bisherige Rekordhalterin, die Französin Jeanne Calment, wurde übrigens 122 Jahre und verstarb im Jahr 1997.

Wir haben eine steigende durchschnittliche Lebenserwartung, die derzeit bei rund 80 Jahren liegt - da ist bis zur maximalen Lebensspanne immer noch Spielraum nach oben gegeben. Die WHO geht davon aus, dass jedes zweite Mädchen, das im Jahr 2000 geboren wurde, 100 Jahre werden wird.

derStandard.at: Könnte sich auch die maximale Lebenserwartung nach oben verlagern?

Kleine-Gunk: Die maximale Lebensspanne wird sich erstmal nicht nach oben verlagern, es sei denn wir machen ganz radikale Eingriffe, verändern die Genetik oder setzen Stammzellen ein. Im angloamerikanischen Raum gibt es Vertreter der sogenannten "Radical Life Extension", die Alter überhaupt abschaffen wollen und prognostizieren, dass wir 1.000 Jahre alt werden. Aber wenn man auf realistischem Boden bleibt: maximal 120 Jahre - und auch das werden immer nur Einzelpersonen erreichen.

derStandard.at: Wo sieht man die Alterungsprozesse am deutlichsten?

Kleine-Gunk: Nachdem die Haut am sichtbarsten ist, sieht man die Alterungsprozesse dort am deutlichsten. Andere Organsysteme sind zwar weniger exponiert, aber auch sie altern mit unterschiedlichen Konsequenzen. Das Herz-Kreislauf-System ist im Alter sehr anfällig. Die Hälfte der Deutschen und Österreicher sterben an Herz-Kreislauf-Krankheiten. Auch das Skelett macht im Alter oft Probleme, Osteoporose ist eine klassische Alterserkrankung. Und natürlich Morbus Alzheimer als Erkrankung des höheren Lebensalters. An diesen Erkrankungen sieht man ganz klar, wie sehr zunehmendes Altern einen Risikofaktor darstellt.

Die alternde Niere ist hingegen normalerweisen kein großes Problem. Wenn keine spezifische Nierenerkrankung oder Diabetes vorliegen, dann hat auch ein 90-Jähriger keine Nierenprobleme, während das Herz-Kreislauf-System oder das Skelett schon einem deutlichen Alterungsprozess unterzogen wird.

derStandard.at: Ist das Altern beeinflussbar? Wie kann man sich selbst jung halten?

Kleine-Gunk: Die "Anti-Aging-Pille" wurde noch nicht erfunden, aber wir können den Alterungsprozess durch ganz allgemeine Lebensstil-Maßnahmen beeinflussen. Die "Big Five" der Altersprävention sind:

  1. Nicht rauchen: Wer gesund altern will, soll natürlich jene Maßnahmen bleiben lassen, die ihn vorzeitig krank machen und sterben lassen - und da steht Rauchen immer noch an erster Stelle.
  2. Übergewicht vermeiden: Wer massiv übergewichtig ist, verkürzt seine Lebenserwartung.
  3. Ausgewogene Ernährung: Es spricht viel für eine mediterrane Diät mit mehr Fisch als Fleisch, mehr Obst und Gemüse als Sättigungsbeilagen.
  4. Ausreichende Bewegung: Mindestens dreimal pro Woche eine halbe Stunde Bewegung.
  5. Moderater Alkoholkonsum: Das ist aktive Gesundheitsprävention. Der Schwerpunkt liegt auf moderat, wenn man es übertreibt, geht das Ganze schnell ins Gegenteil über.

derStandard.at: Viele schieben ihre gesundheitliche Konstitution auf die Gene. Wie viel bestimmt die Genetik tatsächlich mit?

Kleine-Gunk: Altern ist genetisch mitbestimmt - aber nicht so sehr wie viele meinen. Durch Zwillingsstudien aus Dänemark lassen sich genetische Faktoren ziemlich gut beurteilen. Diese Studien zeigen, dass für den Alterungsprozess die Genetik ungefähr zwanzig bis dreißig Prozent ausmacht. Alles andere ist Lebensstil. Wir sind daher nicht die Marionetten unserer Gene. Selbst wenn wir eher ungünstige Gene mitbekommen haben, können wir durch Lebensstil wirklich eine Menge verändern.

derStandard.at: Welche Herausforderungen sind medizinisch mit einer älter werdenden Bevölkerung verbunden?

Kleine-Gunk: Durch die steigende Lebenserwartung befürchten viele, dass die älter werdende Gesellschaft auch kränker wird und Kosten verursacht, etwa durch Pflegebedürftigkeit. Daher ist es wichtig, beim Altern gesund zu bleiben. Es ist nicht so sehr das Altern, das Kosten verursacht, sondern die Krankheiten im Alter. Wichtig ist daher eine Medizin, die Menschen im Alter gesund hält.

derStandard.at: Aus welchem Grund wurde die Gesellschaft für Anti-Aging Medizin gegründet?

Kleine-Gunk: Es gibt andere Anti-Aging-Gesellschaften, die im ästhetischen Bereich angesiedelt sind. Uns geht es um die Beeinflussung des Alterungsprozesses an sich, nicht um die Kaschierung von äußeren Merkmalen dieses Prozesses. Unsere Gesellschaft setzt sich aus Mitgliedern verschiedener medizinischer Fachrichtungen zusammensetzen. Altersassoziierte Erkrankungen wie Arteriosklerose, Osteoporose, Diabetes und Demenz sind für uns sind die großen medizinischen Herausforderungen. Wir müssen die Biologie des Alterns erforschen und auf diesen Erkenntnissen aufbauend mit gezielten Strategien gegen das Altern im Sinne von Degeneration vorgehen. Das ist die Aufgabe der Anti-Aging-Medizin. Was wir brauchen ist eine Präventionsmedizin, keine Reparaturmedizin.

(Ursula Schersch, derStandard.at, 01.06.2011)

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    Gesundes Altern kann jeder bis zu einem bestimmten Grad durch allgemeine Lebensstil-Maßnahmen selbst in die Hand nehmen.

  • Bernd KLEINE-GUNK (geb. 1959) ist Facharzt für Gynäkologie und Präsident
 der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin 
(GSAAM). Kleine-Gunk beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen 
Menopause, Endokrinologie und Anti-Aging.
    foto: privat

    Bernd KLEINE-GUNK (geb. 1959) ist Facharzt für Gynäkologie und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin (GSAAM). Kleine-Gunk beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Menopause, Endokrinologie und Anti-Aging.

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