Eltern sind im europäischen Vergleich gut gebildet - 40 Prozent der Befragten besuchten keinen Kindergarten
Wien - Dass in Österreich das Bildungsniveau der Eltern
jenes ihrer Kinder mitbestimmt, wurde bereits in vielen Studien
belegt. Migranten der zweiten Generation, deren Eltern aus der Türkei
stammen, können von dem im europäischen Vergleich sehr hohen
Bildungsgrad ihrer Eltern allerdings nicht profitieren: Sie haben in
Österreich ein vergleichsweise geringeres Bildungsniveau. Das besagen
erste Ergebnisse der seit zehn Jahren laufenden, in acht Ländern
durchgeführten Studie "The Integration
of the European Second
Generation", aus der die Bildungsforscherin Barbara
Herzog-Punzenberger bei den "Wiener Bildungsgesprächen" am Dienstag
Abend erste Ergebnisse präsentiert hat.
In Österreich wurden dafür persönliche Interviews mit rund 700
Personen zwischen 18 und 35 Jahren geführt, deren Eltern aus der
Türkei stammen, die aber selbst bereits in Österreich geboren wurden.
Die gesamte Studie erscheint Ende des Jahres im Band "The European
Second Generation Compared. Does the Integration
Context Matter?" bei
Amsterdam University Press.
Nur 14 Prozent mit Hochschulausbildung
Ein Drittel der türkischen Migranten der zweiten Generation in
Österreich schließt maximal die Sekundarstufe I ab, bis zur Matura
schaffen es 22 Prozent, eine postsekundäre (Kolleg etc.) oder
Hochschulausbildung machen nur 14 Prozent. In Schweden haben hingegen
lediglich zehn Prozent nur einen Pflichtschulabschluss, 57 Prozent
maturieren und 33 Prozent machen danach eine weitere Ausbildung.
Ähnlich schlecht wie Österreich schneiden hingegen Deutschland und
die Schweiz ab, in denen es ein ähnliches Bildungssystem gibt.
Das hohe Bildungsniveau der türkischen Migranten der ersten
Generation war für die Forscher selbst eine Überraschung: In
Österreich ist bei den Vätern der untersuchten Gruppe der Anteil
derer, die eine mittlere Schule
abgeschlossen haben am höchsten (50
Prozent), der Anteil derer mit maximal Volksschulabschluss hingegen
am geringsten (28 Prozent). Zum Vergleich: In Schweden sind es 29
bzw. 48 Prozent. Auch die Mütter der Türken der zweiten Generation
haben in Österreich ein vergleichsweise besseres Bildungsprofil.
"Rückkehrorientierung" forciert worden
Für ihre berufliche Position können sie das allerdings nur
schlecht nutzen, so Herzog-Punzenberger. Stattdessen wurden Personen
mit Lehrabschluss oft als Hilfsarbeiter eingesetzt und bleiben es für
den Rest ihres Berufslebens. Dazu komme, dass die Politik in den
vergangenen 40 Jahren bei Migranten in Österreich im Gegensatz zu
anderen Ländern weniger stark auf Weiterqualifikation gesetzt habe.
So wurden etwa in Schweden schon vor 40 Jahren angeworbene
Arbeitskräfte in der Arbeitszeit kostenlos in Sprachkurse geschickt,
was sich wiederum positiv auf die Aufstiegsmöglichkeiten ausgewirkt
hat.
Österreich habe bewusst niedrig qualifizierte Arbeitskräfte
gesucht, "sie wurden als konjunkturabhängige Verschubmasse gesehen",
so Herzog-Punzenberger. Dementsprechend sei auch nicht deren
Integration, sondern
"Rückkehrorientierung" forciert worden, damit
diese bei schlechterer Konjunktur wieder in ihre Heimat
zurückgeschickt werden konnten. Während Schweden schon in den 70ern
klar wurde, dass diese Menschen im Land bleiben würden, sei in
Österreich noch in den 90ern eine Rückkehrorientierung erwünscht, in
Deutschland über Prämien sogar aktiv gefördert worden. "Das sind
schlechte Rahmenbedingungen für Spracherwerb", so die Forscherin.
Dazu komme, dass langansässige Drittstaatsangehörige in Österreich
nach wie vor nicht rechtlich gleichgestellt seien.
Kein Kindergarten
In Österreich haben - entsprechend der damaligen
gesellschaftlichen Normalität - 40 Prozent der Befragten keinen
Kindergarten besucht. Dementsprechend habe ihnen der Sprachkontakt
und die Förderung in einer sehr sensiblen Phase gefehlt. Dazu komme
die frühe Selektion: Während etwa in Schweden alle Kinder zwölf bis
13 Jahre gemeinsam in eine außerfamiliären Institution wie Schule
oder Kindergarten gehen, sind es wegen des differenzierten
Schulsystems in Österreich nur fünf bis sechs und damit die kürzeste
Dauer in allen untersuchten Ländern. Zusätzlich haben durch die
Halbtagsschule das Lernen zu Hause, Hilfe der Eltern bei der
Hausübung und der Kontakt mit den Lehrern in Österreich wesentlichen
Einfluss auf die Bildungskarriere der Kinder.
Dass in Schweden weder der soziale Hintergrund noch die
Herkunft
der Eltern die Bildungschancen wesentlich beeinflussen, stimmt
Herzog-Punzenberger auch für Österreich optimistisch. "Es gibt
Handlungsspielraum jenseits der Herkunftskultur." Gleichzeitig warnte
sie davor, Aufgaben des Staates an die Eltern zu delegieren: "Solange
es nicht optimale Förderbedingungen für alle Kinder gibt, sollten wir
die Eltern ihre Schichtarbeit machen lassen, ohne dass sie abends
müde aus einem Buch vorlesen, das sie selbst nicht verstehen." (APA)