100 wird bald jeder sein

  • Jeanne Calment wurde 122 Jahre - das höchste Lebensalter, das je erreicht wurde.
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    foto: apa/georges gobet

    Jeanne Calment wurde 122 Jahre - das höchste Lebensalter, das je erreicht wurde.

  • Die Grenzen des Alterns haben sich verschoben. Die Rumänin Adriana Iliescu wurde mit 66 Jahren nach künstlicher Befruchtung Mutter.
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    Die Grenzen des Alterns haben sich verschoben. Die Rumänin Adriana Iliescu wurde mit 66 Jahren nach künstlicher Befruchtung Mutter.

  • Nicht jeder schaut mit 114 Jahren noch so gut aus wie der US-Amerikaner Walter Breuning, der im April dieses Jahres verstarb.
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    Nicht jeder schaut mit 114 Jahren noch so gut aus wie der US-Amerikaner Walter Breuning, der im April dieses Jahres verstarb.

Die durchschnittliche Lebenserwartung soll auch in Zukunft kontinuierlich ansteigen - Für ein gesundes Altern kann jeder Einzelne etwas tun

Dorian Gray wünschte sich nichts mehr, als für immer jung und schön zu sein. Der Hauptfigur in Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" gelingt die Verwirklichung dieses Traums durch einen Pakt mit dem Teufel: Anstelle des jungen Schönlings altert ein Gemälde seiner selbst, das all die Spuren seines ausschweifenden Lebensstils aufnimmt.

Der Wunsch nach Jugend und Schönheit, ist so alt wie die Menschheit selbst. Oscar Wildes Roman und dessen unzählige Verfilmungen treffen ein Zeitgefühl, das den Mediziner Burkhard Brosig im Rahmen einer Fachtagung im Jahr 2000 zum Ausdruck "Dorian-Gray-Syndrom" inspirierte. Das Syndrom bezeichnet die geistige Unfähigkeit zu altern und den Wunsch, den Prozess des Älterwerdens aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen. "Die Anti-Aging-Pille gibt es bis dato noch nicht", sagt Bernd Kleine-Gunk, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging Medizin, einer Gesellschaft, die sich dem gesunden Altern verschrieben hat. "Durch allgemeine Lebensstil-Maßnahmen lässt sich der Körper allerdings länger jung halten und die Wahrscheinlichkeit für ein gesundes Altern deutlich steigern", so der Mediziner. Dazu würden vor allem die ohnehin bekannten Präventionsmaßnahmen zählen: Nicht rauchen, Übergewicht vermeiden, eine ausgewogene Ernährung, ausreichende Bewegung und ein moderater Alkoholkonsum.

Junge Alte und alte Alte

Menschen werden immer älter und bleiben dabei auch immer länger gesund. Aber von welchem Alter sprechen wir nun genau, wenn von "alt" die Rede ist? Für ein Kind mag ein 40-Jähriger alt sein, 50-Jährige werden 70-Jährige als alt einstufen. Die Grenzen des Alterns haben sich verschoben. Was noch vor Jahrzehnten unvorstellbar war, ist jetzt bereits Realität: Über 60-Jährige Frauen bekommen Kinder und 70-Jährige finden am Bungee-Jumping Gefallen.

Demografen schlagen vor, Menschen ungefähr 15 Jahre vor der erwarteten Lebensspanne als alt zu bezeichnen. Mit einer derzeitigen Lebenserwartung von um die 80 Jahre, würde das 65 sein. "Es wird aber mittlerweile zwischen den jungen Alten, die zwischen 65 und 80 Jahren sind, und den alten Alten über 80 unterschieden", erklärt Bernd Kleine-Gunk. Von den jungen Alten seien viele noch relativ gesund, ab 80 würden sich gravierendere altersabhängige Erkrankungen häufen. Diese Einteilung orientiert sich am chronologischen Alter, also dem Alter laut Personalausweis. Die Frage, ab wann eine Person biologisch als alt gilt, ist wesentlich schwieriger zu beantworten. "Medizinisch gibt es keine Definition für alt", so der Präventionsmediziner. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das biologische Alter betreffend eine sehr große Heterogenität herrscht. Es gibt Menschen, die mit 70 ausschauen wie 50 und es gibt auch umgekehrt Personen, die frühzeitig altern und krank werden", betont Beatrix Grubeck-Loebenstein, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung in Innsbruck.

So würde etwa die bisher älteste Frau der Welt, Jeanne Calment (1875-1997), die 122 Jahre alt wurde und angeblich noch mit über 100 Jahren Fahrrad fuhr, biologisch wesentlich jünger sein als ihr kalendarisches Alter. Die Französin ist bisher der einzige Mensch, der die magische Marke von 120 Jahren überschritt - jenes Alter, das Wissenschafter als maximal mögliche Lebensdauer angeben.

Auch bei Sportlern divergiert das chronologische Alter häufig vom biologischen. So weisen ehemalige Marathon-Läufer häufig ein biologisch "junges" Herz auf, das nicht ihrem Alter in Jahren entspricht. Maßgeblich für das biologische Alter ist die gesamtgesundheitliche Konstitution sowie der Zustand der einzelnen Organe.

Alternde Organe

Die Haut als sichtbarstes aller Organe bereitet altersempfindlichen Menschen die größten Probleme, dabei altern auch alle anderen Organe mit nicht minder schwerwiegenden Auswirkungen. Sind Altersflecken und Falten im Normalfall ein rein ästhetisches Problem, bereiten andere Körperteile schon wesentlich häufiger Grund zur Sorge. "Es altern alle Organsysteme, aber mit unterschiedlichen Konsequenzen. Während eine alternde Niere auch für einen 90-Jährigen normalerweise kein Problem darstellt, sind das Herz-Kreislauf-System oder der Bewegungsapparat deutlich anfälliger für altersspezifische Krankheiten", erklärt Kleine-Gunk. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich die Todesursache Nummer eins. "Das Altern der Organe ist ein individueller Prozess. Ein Mensch kann mit 70 Jahren physisch noch total fit sein und kognitiv ein großes Problem haben - umgekehrt kann jemand früh Probleme mit dem Bewegungsapparat aufweisen aber geistig noch komplett jung geblieben sein", so Grubeck-Loebenstein. Dennoch ist der Alterungsprozess der Risikofaktor schlechthin. Je älter man ist, desto größer ist das Risiko, krank zu werden.

Gene und Lebensstil

Die Lebenserwartung der Menschen in den Industriestaaten ist in den vergangenen 170 Jahren kontinuierlich um zwei bis drei Jahre pro Dekade gestiegen und Forscher prognostizieren diesen Anstieg auch weiterhin. Hochrechnungen von Demografen und Alternsforschern präsentieren den Kinder von heute ein erfreuliches Bild: Jedes zweite Mädchen aus einem Industrieland, das im Jahr 2000 geboren wurde, wird 100 Jahre alt werden, jeder zweite Bub 95. Ein steigender Lebensstandard, bessere Ernährung, Bildung und Fortschritte in Medizin und Hygiene tragen wesentlich dazu bei, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung nach oben verlagert. Die Genetik spielt in punkto Altern zwar ebenfalls eine Rolle, aber Umwelt, Umfeld und Lebensstil deutlich mehr. "Wir sind nicht die Marionetten unserer Gene. Selbst wenn wir eher ungünstige Gene mitbekommen haben, können wir durch Lebensstil eine Menge verändern", so Bernd Kleine-Gunk. (Ursula Schersch, derStandard.at, 01.06.2011)

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