Rentiere können in der nordischen Nacht ihre Umgebung ausmachen - Auf ultraviolettes Licht empfindliche Augen ermöglichen es, geschädigt werden sie offenbar nicht, sagen Forscher
Sollte der Weihnachtsmann tatsächlich nachts mit seinem Rentierschlitten die Geschenke ausliefern, ist nun endlich die Frage geklärt, wie seine Vierbeiner den Weg zu den Kindern finden. Die arktische Dunkelheit hat deren Augen so weit gestählt, dass sie selbst in der tiefsten Schwärze noch sehen können. Das ergibt erstmals eine in der neuen Ausgabe des Journal of Experimental Biology publizierte Untersuchung.
Ganz im Gegensatz zu uns nachtblinden Zweibeinern können Rentiere demnach auch in ultraviolettem Licht gut sehen. Davon gibt es gerade in der schneeweißen arktischen Region reichlich, und es ermöglicht den Tieren in der monatelangen Dunkelheit Nahrung zu finden und rechtzeitig gefährliche Raubtiere auszumachen. Die Wellenlänge von UV-Licht ist mit zwischen 400 bis 10 Nanometern viel kürzer als die von gewöhnlichem Licht.
Die Forscher strahlten unterschiedliche Konzentrationen von UV-Licht auf ausgewählte Objekte. Dabei ergab sich, dass das UV-Licht bis zu einer Wellenlänge von 350 Nanometern durch Rentieraugen und Hornhaut dringt. Bei Menschen und vielen anderen Säugetierarten wird das UV-Licht bereits auf der Linse abgefiltert, um Sehschäden durch die energiereiche Strahlung zu vermeiden.
Die Rentierforscher untersuchten, ob das UV-Licht, das durch die Augen dringt, von den Tieren gesehen wird. Dazu wurde die elektronische Reaktion der Rentierhornhaut gemessen, indem die Forscher den Augen der Tiere kontaktlinsenähnliche Goldfolien verpassten. Fotorezeptorzellen auf der Hornhaut reagierten bei Wellenlängen von 320 bis 400 nm. Menschen sehen ohne die etwa bei der Armee benutzten technischen UV-Nachtsichtgeräte nur Wellenlängen zwischen etwa 400 und 700 nm.
Damit können die Tiere laut Forschern des an der internationalen Studie beteiligten University London College tatsächlich in der Dunkelheit sehen. So können sie ihre Mahlzeiten wie etwa das pflanzliche Flechtengestrüpp Lichen auch in nächtlicher Schwärze erkennen. Denn Lichen absorbiert UV-Licht.
Gefeit gegen Schneeblindheit
Auch die schlimmsten Feinde der Rentiere, die Wölfe, sollen sie, laut Annahme der Forscher, in der Dunkelheit sehen können. Denn die Raubtierfelle absorbieren UV-Licht und heben die Tiere so dunkler vom Schneeboden ab. Frühzeitig ausweichen sollen die Rentiere ihren Feinden auch, indem sie über frische Urinspuren von Raubtieren deren Nähe bemerken. Ganz allgemein sollen sie dank UV viel kontrastreicher sehen können als Menschen.
Zudem sind sie gegen die in früheren Zeiten für Polarforschungsreisende oft fatal endende Schneeblindheit offenbar resistent. Warum dies so ist, blieb für die Forscher bisher ein Rätsel. Mit seiner Lösung, so Studienleiter Glen Jeffery, könne man lernen, neue Wege zum Schutz vor UV-Schäden am menschlichen Auge zu entwickeln oder bereits entstandene und bisher unbehandelbare Schäden wieder zu heilen.
Die UV-Leistungsfähigkeit von Rentieraugen gilt als weiteres Indiz dafür, dass das menschliche Säugetier viel blinder ist als ein großer Teil seiner Artgenossen.
"Die Rentier-Studie liefert einen weiteren Beweis für die Verbreitung von UV-Empfindlichkeit bei Tieren", kommentierte Bienenforscher Lars Chittka von der Queen Mary Universität London die Studienergebnisse seiner Kollegen im BBC-Radio. "Und ebenso dafür, dass gewisse andere Säugetiere eher zur Minderheit gehören, indem sie nicht diese UV-Empfindlichkeit haben."
Auch Bienen können mit UV-Licht sehen. Nun wollen die Forscher noch einen weiteren UV-Sehtest an Robben durchführen. (André Anwar aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2011)