Schluss mit dem Hokuspokus

31. Mai 2011, 18:42
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Skeptiker wollen mehr Aufklärung leisten und sagen dem Glauben an wissenschaftlich nicht nachweisbare "Ergebnisse" den Kampf an

Ziel ihrer Analysen sind nicht nur Astrologen. Auch die alternative Medizin wird kritisch unter die Lupe genommen.

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Die Infotafel in einem Biosupermarkt: Broschüren werben für Cranio-Sacrale-Therapie, Wasser-Shiatsu, Jademassage und Matrix Energetics. Vielfältige Heilung in einer magischen Wunschwelt. Das Angebot boomt, die Nachfrage auch.

Kritischen Geistern ist das ein Dorn im Auge. Rund um den Globus treten Forscher immer wieder gegen den Glauben an Unbeweisbares an. Mit erstaunlich wenig Erfolg. Auch in Europa beherrscht das Irrationale weiterhin das Leben von Millionen Menschen. Und oft bedeutet das: Angst. Manche fürchten sich vor ominösen Strahlungen, negativen Schwingungen, andere wiederum plagen Sorgen um mutmaßliche Manipulationen der Erdatmosphäre oder einfach nur die mysteriöse Störwirkung von normalem Leitungswasser.

Hat die Aufklärung also versagt, ist uns das Erbe von Voltaire und Kant abhanden gekommen? Nein, ganz so schlimm ist es nicht, aber in Sachen Aberglaube scheint das Mittelalter noch längst nicht besiegt zu sein, meint der deutsche Biologe Martin Mahner im Gespräch mit dem Standard. "Wir sind da kaum besser." Mahner leitet das Informationszentrum der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) im südhessischen Roßdorf. "Unser Ziel ist es, die Bereiche Parawissenschaft, Esoterik und auch Alternativmedizin kritisch unter die Lupe zu nehmen, zu schauen, was da alles nicht stimmt, und Aufklärung zu leisten, Volksbildung und auch Verbraucherschutz." Das sieht nicht jeder gern. Skeptiker wie Mahner werden selbst oft zum Ziel scharfer Kritik und mitunter gar heftiger Anfeindungen. Den Wissenschafter wundert dies jedoch eigentlich nicht. "Wenn Sie Leute desillusionieren, dann sind die in aller Regel nicht dankbar."

Regelmäßige Tests

Die GWUP setzt sich nicht nur in der Theorie mit parawissenschaftlichen Themen auseinander, sondern testet auch regelmäßig die behaupteten Fähigkeiten von Wünschelrutengängern, Telekinetikern, Energetisierern, Astrologen und ähnlichen Experten mit streng wissenschaftlichen Methoden. Die Ergebnisse gleichen sich immer wieder in zumindest einem Punkt. Die "Erfolge" der Probanden gehen nie über rein statistisch begründbare Zufallstreffer hinaus. Was zu erwarten ist.

Solche Widerlegungen sind indes nichts Neues, aber warum kann sich der Glauben an wundersame Vorgänge und Methoden trotzdem so hartnäckig halten? Eine der Hauptursachen ist ein häufiger Wahrnehmungsfehler, erklärt Martin Mahner. "Man erinnert sich in erster Linie an positive Erlebnisse." Wer zum Beispiel regelmäßig bestimmte homöopathische Globuli schluckt, wann immer ihm der Magen unangenehm grummelt, der wird jede darauf folgende Besserung im Gedächtnis behalten. Die Male, bei denen es noch viele Stunden lang weiterrumorte, werden dafür leicht vergessen. So schafft sich das Gehirn selbst seine erwünschten Bestätigungen. Psychologen bezeichnen diesen Effekt als Confirmation Bias.

Nachweise fehlen

Für Ulrich Berger, Mathematiker an der Wiener Wirtschaftsuniversität und Vorsitzender der hiesigen Gesellschaft für kritisches Denken (GkD), die zusammen mit ihrer GWUP-Dachorganisation vom 2. bis 4. Juni in Wien eine Skeptikerkonferenz veranstaltet, beginnt das Problem auch schon im Klassenzimmer. "Das Bildungssystem versagt in einem Punkt bereits in der Schule", sagt Berger. "Es werden vor allem Wissen und Fakten gelehrt, aber nicht wissenschaftliche Methoden und, wie man Selbsttäuschungen vermeidet."

Besonders interessante Beispiele für die breite gesellschaftliche Akzeptanz von wissenschaftlich fragwürdigen Praktiken finden sich im Gesundheitswesen. "Homöopathie und anthroposophische Medizin wandern mittlerweile schon in die Hochschulen ein. Das ist skandalös", klagt Martin Mahner. Es gebe bereits Lehrstühle für solche Fächer, und die Studierenden stünden dem oft unkritisch gegenüber. Homöopathie ist aber definitiv nicht wissenschaftlich, betont Mahner. "Es gibt keine empirischen Nachweise ihrer Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus, und auch der theoretische Hintergrund ist vollkommen absurd." Dieser widerspreche sämtlichen Erkenntnissen der modernen Chemie und Physik.

Wer sich in den wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed und Biosis kundig macht, findet Mahners Kritik schnell bestätigt. Keine umfassenden Studien zum Thema Homöopathie, und die wenigen einzelnen Untersuchungsberichte, die es in der Fachliteratur gibt, zeigen bei genauerem Hinsehen gravierende methodische Mängel. Oder die Datenmengen sind schlichtweg zu gering, um statistisch relevant zu sein. Die Anhänger der Lehre kümmert das wenig. Sie berufen sich auf ihre persönlichen Erfolgserlebnisse. Am schlimmsten, sagt Martin Mahner, sind Ärzte, die gleichzeitig schulmedizinisch und homöopathisch behandeln. Logisch, dass der Heilerfolg dann meistens den Globuli zugesprochen wird. "Gegen solche subjektiven Erfahrungen ist kaum anzuargumentieren."

Der Tarnanstrich

Manch erfolgreicher Esoteriker bemüht sich allerdings sehr wohl um einen wissenschaftlichen Tarnanstrich wie zum Beispiel der Tiroler Geschäftsmann Johann Grander, der "Erfinder" der Wasserbelebung. "In Österreich ein Klassiker", meint Ulrich Berger verärgert. Das "Granderwasser" wurde bereits vielfach für die diesjährige Verleihung des "Goldenen Bretts vor dem Kopf", die GWUP-Auszeichnung für den größten pseudowissenschaftlichen Unfug, nominiert. Wissenschaftliche Belege dafür, dass die Grandermethode überhaupt irgendeine Wirkung hat, fehlen komplett.

Auf seiner Homepage prahlt der Unternehmer mit einer Auszeichnung der Russischen Akademie der Naturwissenschaften (nicht zu verwechseln mit der renommierten Russischen Akademie der Wissenschaften), eine Organisation, der auch Kontakte zu Scientology nachgesagt werden. Seit dem Jahr2001 ist Johann Grander Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2011)


Die GWUP-Konferenz 2011 "Fakt und Fiktion" findet von Donnerstag, den 2. Juni, bis Samstag, den 4. Juni 2011, im Naturhistorischen Museum Wien und im Kuppelsaal der Technischen Universität Wien statt. Vortragsthemen sind unter anderem: Energie in der österreichischen Heilerszene, Erdbebenmaschinen und Cern-Mythen.

Link
www.gwup.org

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