Mladic vor dem Richter, Bosnien vor dem Abgrund

Kommentar der anderen | 31. Mai 2011, 20:26

Die apokalyptische Troika des Balkans gibt es nicht mehr - Bosnien-Herzegowina steht dennoch vor der Implosion. Die Konföderation könnte dabei durchaus Zukunft haben, Mut in den Staatskanzleien vorausgesetzt - Von Wolfgang Petritsch und Christophe Solioz

Mehr als 15 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina wurde endlich einer der in Europa meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher festgenommen. Da mit Radko Mladić auch der Letzte der apokalyptischen Troika Bosniens - nach Slobodan Milošević (2001 festgenommen) und Radovan Karadžić (2008) - an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgeliefert wird, ist eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den einstigen Kriegsnationen möglich. Der gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte und Versöhnung steht nur noch wenig entgegen.

Serbien kann sich nun auf den EU-Kandidatenstatus vorbereiten, Bosnien jedoch ist noch immer im Netz einer nicht enden wollenden Nachkriegsordnung verstrickt. Wiederkehrende Krisen bestimmen den Alltag der desillusionierten Bürger.

Der Gesamtstaat hat nach den Wahlen im Oktober 2010 noch keine Regierung; die Regierungsbildung in der muslimisch-kroatische Föderation wurde angefochten - von der Partei der bosnischen Kroaten wie von der Wahlkommission, überdies wurde überdies wurde die separatistisch orientierte "kroatische Nationalversammlung" wiederbelebt.

Unweit der Gedenkstädte, die im Ort Potocari an den Genozid in Srebrenica erinnert, 1995 wurden dort bis zu 8000 muslimische Bosnier umgebracht, wird eine orthodoxe Kirche errichtet.

Drohung aus der Provinz

Und schließlich drohte Milorad Dodik, die seit langer Zeit dominierende Figur in der Republika Srpska, ein Referendum über das Justizwesen abhalten zu lassen, das den Gesamtstaat Bosnien und Herzegowina gefährdet hätte. Die EU sandte Catherine Ashton aus, um dieses Vorhaben zu stoppen. Die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik musste sich also höchstpersönlich in das bosnische Hinterland begeben, um einen Provinzpolitiker zur Vernunft zu bringen. Diese Manöver haben als Hauptziel den bosnischen Staat zu destabilisieren und Reformen zu verhindern. Der Transitionsprozess zur Demokratie scheint deshalb keinen Fuß auf den Boden zu kriegen.

Zu den inneren Widerständen kommen die Ungeschicklichkeiten, wenn nicht die Absenz, der "Internationalen Gemeinschaft" hinzu. Die USA sind anderweitig beschäftigt und zeigen wenig Lust, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die EU spricht noch immer nicht mit einer Stimme. Der Auswärtige Dienst der EU muss selbst erst seinen Weg finden.

Es ist jetzt höchste Zeit aus dem bosnischen Labyrinth herauszukommen. Erstens, die Föderation Bosnien und Herzegowina, also die muslimisch-kroatische Entität (Teilrepublik), ist seit 2006 bankrott und steht kurz vor der Implosion. Es wird unumgänglich sein, eine der drei Körperschaften (Entität, Kantone, Gemeinde) abzuschaffen, um rationalere Institutionen aufzubauen, die den Gemeinden und Städte mehr Spielraum einräumen. Eine Regionalisierung auf diese Ebene sollte es ermöglichen, die Ansprüche der bosnischen Kroaten zu erfüllen, ohne eine dritte Teilrepublik zu schaffen. Es geht also darum, ein leckes Schiff wieder flottzubekommen und so die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Entitäten auszugleichen.

Zweitens, das Büro des Hohen Repräsentanten, das seit einigen Jahren an Schlagkraft verloren hat, muss jetzt umgewandelt werden, sich von der bosnischen Tagespolitik entfernen und sich ausschließlich mit der Staatssouveränität beschäftigen. Die bosnischen Behörden müssen endlich alle Kompetenzen übertragen bekommen, die ihnen jetzt noch vorenthalten werden. Ferner, die gegenwärtige Krise zeigt, dass die Überzeugungskraft der EU (Soft Power) die sogenannten Bonner Verfügnisse ersetzen können.

Drittens, das Dayton-Abkommens, das den Krieg in Bosnien und Herzegowina im Jahr 1995 beendete, muss auf den Stand der heutigen Entwicklungen gebracht werden. Man sollte sich nicht davor scheuen, die Büchse der Pandora zu öffnen, um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ans Licht zu bringen. Das Ziel der Verhandlungen muss ein Staat sein, der anstrebt, Mitglied der Europäischen Union zu werden.

Der Kompromiss lebt

Das ist unrealistisch, werden Zweifler einwenden. Bosnische Politiker haben jedoch bewiesen, dass sie zu Kompromissen fähig sind, beispielsweise, als es im Übereinkommen von Mrakovica-Sarajevo 2002 gelang, Verfassungsgesetze gegen ethnische Diskriminierung zu schaffen. Daher schlagen wir ein "Konklave" unter der Führung der EU mit allen relevanten bosnischen Kräften und der Teilnahme Serbiens, Kroatiens, sowie jedenfalls der USA und der Türkei vor.

Die rote Linie, die nicht überschritten werden darf, ist bekannt: Man kann weder eine völlig Unabhängigkeit der Entitäten anstreben, noch eine radikale Zentralisierung. Zwischen diesen beiden Extremen, muss das Verhandlungsziel ein konföderales System sein.

Zwischen den Anhängern eines Interventionismus, die glauben, dass alleine das Handeln der Internationalen Gemeinschaft die Implosion in Bosnien verhindern kann, und jenen, die im Gegensatz dazu alleine die Bosnier für ihre Zukunft verantwortlich sehen, sind wir überzeugt, dass es einen Mittelweg gibt: jenen der geteilten Verantwortung, einer Partnerschaft, die die Irrtümer der Vergangenheit überwindet, um das Land Brüssel näherzubringen. (Kommentar der anderen/DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2011)

Wolfgang Petritsch, der ehemalige Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, ist derzeit Leiter der ständigen Vertretung Österreichs bei der OECD in Paris.

Christophe Solioz ist Generalsekretär des Zentrums für Europäische Integrationsstrategien (CEIS) in Genf.

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Der_Klingone
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>>Eine "apokalyptische Troika". Dazu eine (böse?) orthodoxe Kirche im Bau. Die "unbelehrbaren" Kroaten ziehen auch nur wieder ihr Ding durch. Und überhaupt eine Frechheit, daß sich Politiker des "zivilisierten" Westens überhaupt dazu herablassen müssen, um mit irgendeinem hinterwäldlerischen Provinzialpolitiker zu sprechen. Am besten neue Gespräche mit den USA und der Türkei. Die Russen lassen wir lieber aussen vor, denn die blockieren ja nur unseren Willen, ähhh, den konstruktiven Gesprächsprozess.<<

So lässt sich das Geschreibsel oben kurz zusammenfassen.

Man sieht wessen Geistes Kind dieser Herr Petritsch ist. Komisch das er und Konsorten bei Jugoslawien 1991 nicht den selben Einsatz zeigten, war es doch eigentlich nur Bosnien XXL.

Nutze den Tag
02
Alternativvorschlag:

Wintersportgebiete wieder aufbauen, Waldwirtschaft optimieren, Wasserkraftwerke bauen - kurzum: Einkommensmöglichkeiten schaffen.
Wenn man genug verdient dann ist multikulti cool, sonst Zirkus Maximus.

Allmächtiger Satan
10

Bosnien doof. Serbien doof. Christen doof. Moslems doof. Alles doof.

Drago+
01

Kühl dich ab, Nihilist..

hec1
13
Serben in EU

Also, wenn ich hätte wählen können, Mladic wird verurteilt, die Serben kommen trotzdem nicht in die
EU.

Goran Markovic
01

P.s.: Wieso ist Serbien wieder daran schuld das die bosnischen Sturrschädl sich nicht einig werden ?

Sind die Bosnier nicht fähig sich wie Menschen auf einen Tisch zu setzen und zu reden ? Braucht Ihr immer einen Babysitter ?

Goran Markovic
01

Sie können in der EU eh wählen. Damit man Ihnen die österreichische Staatsbürgeschaft gibt, müssten Sie aber zuerst Deutsch lernen.

StSteiner
00
16.6.2011, 22:38
Wer im Glashaus sitzt...

Lieber Herr Markovic, ich will ja nicht kleinlich wirken, aber "Staatsbürgeschaft" ist ebenso wenig korrektes Deutsch wie ein Posting weiter oben "Sturrschädl". Nebst weiteren Rechtschreib- und Grammatikfehlern, die ich Ihnen hier nicht alle aufzählen will.

Ausserdem setzt man sich, mit Verlaub, nicht "auf", sondern _an_ einen Tisch, wenn's denn bedeuten soll, etwas gemeinsam auszuschnapsen... ;-) Und: einen Widerspruch zwischen Bosniern und Menschen herbeizuschreiben, ist einfach nicht sehr nett...

st p
00

Wieso wird das Projekt Bosnien und Herzegowina weiter geführt?
Wieso nimmt man sich kein Beispiel an der Schweiz oder dem GB - im Bezug auf die politische Gliederung?
Wieso erwartet man, dass Menschen - dreier Ethnien und Konfessionen - die sich im Krieg gegenseitig beschossen haben, unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" gemeinsam weiterleben sollen?

Bestes Beispiel zur derzeitigen Situation in Bosnien und Herzewogina ist die (jetzt wieder aufgehobene) Suspension des nationalen Fußballverbandes. Genau diese Unstimmigkeiten, die zur Suspension geführt haben, beherrschen das politische "Miteinander" auf fast allen Ebenen!! Von einfach Bürgermeisterwahlen bis hin zur Wahl des dreiköpfigen Staatspräsidiums.

Why??

Kathrin1980
111
Doktrin statt Realität

Sie fragen warum man am gescheiterten Projekt "Bosnien" festhält?

Der Autor des Textes gibt die Antwort selbst:
Die Wortwahl "apokalyptische Troika" lässt schließen, dass er ausschließlich die drei Politiker und die Serben für das Scheitern Bosniens verantwortlich macht.

Dabei war Bosnien schon eine Totgeburt des Alija Izetbegovic, mit der Ideologie: Jugoslawien funktionert nicht, aber ein Bosnisches Mini-Jugoslawien schon.

In Mostar kämpften Moslems erbittert gegen Kroaten ohne dass ein Serbe dort lebte. In Westbosnien kämpften Nato-treue Moslems gegen Jugoslawisch orientierte Moslems des Fikret Abdic.

Natürlich wissen die Autoren um die wahren Probleme, aber wegen der Nato-Linie wird das nicht öffentlich gesagt.

Fritz Wunderlich
00

gerade in der westbosnischen angelegenheit muss ich ihnen recht geben
die wurde im westen völlig verschwiegen
bis heute

st p
00

*..Schweiz oder an Großbritannien

marcel81
00
Bosnien

Nachdem ich selbst beruflich oft dort zu tun habe, das ärgste was man sich als "Ausländer" dort leisten kann ist dass man Bosnien sagt und nicht Bosnien und Herzegowina. Weil wenn man nur Bosnien sagt kann man gleich wieder heimfahren.

Und solange selbst solche Kleinigkeiten eine Rolle spielen ist es noch ein langer Weg.

apoptosis
04

naja wenn sie sowas in der herzegovina sagen wunderts mich nicht aber sonst ist mir das absolut neu und ich bin auch des öfteren in bosnien ;)

Der sich den Wolf tanzt
16
äh...

es gibt ein westeuropäisches land, dass ortstafeln niederreisst, wenn der ortsname zweisprachig draufgeschrieben wird.

wirklich! das gibts!

archiv
01
apokalyptische Troika des Balkans?! nicht ein Trio, zu mindest ein Quintett (+ Tudjman und Izetbegovic)

der gute Hr. Petritsch sollte es wissen!

derrabe
412

hier mal zahlen von 1910 der bevölkerungsstruktur bosniens

43,6 serbisch orthodox
32,7 muslime
22,9 katholiken

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%... .B6lkerung

der link ist von der österr.ungar. monarchie

bosnien gehört nicht nur den muslimen, wir serben in bosnien nenne uns auch bosnier, aber wir wollen lieber die unabhängigkeit, weil wir uns mit dem muslimischen teil nicht identifizieren können

wer kann uns dieses recht wegnehmen?

bosnien war einmal ein fleckentepich jetzt nicht mehr, wenn damals die ustascha nicht so viele serben abgeschlachtet hätte, wären wir noch immer die mehrheit in bosnien, aber das schicksal meinte es nicht gut mit uns

bosnien ist jetzt das kleine jugoslawien und das ende kennen wir alle

derrabe
10

1
ich wollte mit diesem komment nur zeigen, dass die serben ein teil bosniens sind und schon immer waren und das die serbischen bosnier genau die gleichen rechte hahen wie die anderen, deshalb muss auch kein sebischer bosnier nach serbien ziehen, nur weil ihm was in bosnien nicht passt

ich sage ja auch nicht muslimische bosnier sollen sich in die türkei schleichen, nur weil ihnen was nicht passt

wenn ich mir die komments von den anderen durchlese bekomme ich das gefühl serbische bosnier gehören zu bosnien gar nicht dazu und sie müssten immer die gleiche meinung wie die muslimischen bosnier teilen

2
realität ist
dass bosnien geteil ist,
kosovo nicht mehr serbisch ist
und ohne einen weiteren krieg wird sich das auch nicht änderen

North Ace
01

Sollen wir lieber wieder die kaiserlichen Truppen runterschicken, um die aufmüpfigen Untertanen zurechtzuweisen?

Goran Markovic
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Sie meinen doch nicht etwa die Paar Maxerln an der Burgenländischen Grenze...... ja die könnens ruhig runterschicken, mit denen wird selbst die Polizei fertig, da muss die bosnische Armee nicht einmal anrücken.

luquas
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Sorry, dass ich mich einmische, aber mit einer Statistik aus dem Jahre Schnee irgendwelche Rechte oder Pflichten für die Zukunft abzuleiten, finde ich in einer Welt, die erst durch Veränderung beginnt zu funktionieren, gelinde gesagt grenzwertig. Sind es nicht Ewiggestrige wie du, die die ganze Schei##e zu verantworten haben?

Der Ruhestifter
 
03
1910? Spinner!

1910 war ich noch nicht auf der welt. Nicht mal mein vater. Und mein ur-urgroßvater war zwar auf der welt, ist aber dafür jetzt tot. Und wird auch nicht wieder belebet werden. So, wie ich nicht verschwnden werde.

Und die bewohner des heutigen bosnien, die 1910 lebten, werden auch nicht wiederbelebt werden. Jene aber, die jetzt leben, werden nicht verschwinden.

Woraus sich ergibt: irgendwelche statistiken von 1910 können sie in dreifacher ausfertigung beim salzamt einreichen.

Nikola Makavelicki
10
14.12.2011, 14:16
Spinner?

Es sind die muslimischen Bosnier die seit über 10 Jahre eine neue Volkszählung verhindern, weil Sie das "Ergebnis von Genozid und ethnischer Säuberung nicht bestätigen" wollen. Sie bestehen noch heute auf einen Schlüssel der Volkszählung von 1991 - dies ist aber die direkte folge eines grausamen Genozids an den Serben! In Kozara gab es bis 18 Jahre nach dem 2. Weltkrieg keinen einzigen Rekruten für die JVA, weil die serbischen Kinder und Männer dort systematisch ausgelöscht wurden!

Goran Markovic
11

Sehr schön, dann können wir also Ihrer Meinung nach Ottakring von "echten" Österreichern "reinigen" und einen Türkisch-Serbischen Staat dort ausrufen, weil was kümmern uns die Statistiken von 1998....

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