Ungarische Fremdwährer

Stütze für das ungarische Kartenhaus

András Szigetvari, 31. Mai 2011, 19:25

Jeder zehnte Eigenheimbesitzer in Ungarn kann seinen Kredit nicht abbezahlen. Die Regierung will Betroffenen unter die Arme greifen

Wien - Wer den weiten Weg zu Mariann Lénárd antritt, ist am Ende. Lénárd leitet einen Verband für geschädigte ungarische Kreditnehmer. Tagtäglich pilgern dutzende Menschen in ihre Beratungsstelle auf dem alten Fabriksgelände am Rande von Budapest. Sie haben alle dasselbe Problem: Sie können ihren Bankkredit nicht mehr bezahlen. Zunächst waren es die typischen Krisenopfer, die Arbeitslosen, die Lénards Rat suchten.

Inzwischen hat sich das Problem der überbordenden Verschuldung tief in die Mittelschicht hineingefressen. "Uniprofessoren sind ebenso betroffen wie Kindergärtner", erzählt Lénárd.

Der Grund ist simpel: Fast 70 Prozent der ungarischen Hypothekenkredite wurden in Fremdwährungen, allen voran Schweizer Franken, vergeben. Weil der Franken erstarkt ist und der Forint sein Vorkrisenhoch noch nicht erreicht hat, stecken über zehn Prozent der ungarischen Eigenheimbesitzer in der Schuldenfalle. 130.000 Haushalte leisten seit über 90 Tagen keine Zahlungen mehr auf ihre Hypothek. Weitere 130.000 sind in Zahlungsverzug.

Hilfe für die Schuldner

Die Regierung von Premier Viktor Orbán hat am Montagabend ein Programm vorgestellt, das Abhilfe schaffen soll. Das Paket dürfte in Europa einzigartig sein. Darüber, wem nun geholfen wird, gingen die Meinungen schon Dienstag weit auseinander.

Konkret haben sich Banken und Regierung darauf geeinigt, die Wechselkurse bei einem fiktiven Wert zu fixieren. Für einen geliehenen Franken müssen die Schuldner demnach nicht den Marktpreis von 217 Forint bezahlen sondern nur 180, für einen Euro 250, statt 266 Forint.

Für den Differenzbetrag zwischen realem und fiktivem Wechselkurs der sich jeden Monat ergibt, erhält der Schuldner einen neuen Kredit von seiner Bank. Bis 2015 werden die Beträge auf einem Konto verbucht. Danach muss der Kunde beginnen das Geld mitsamt rund sieben Prozent Zinsen retour zu zahlen. Ungarns Regierung haftet für die Rückzahlung dieses Betrages, die Banken zahlen dafür eine Gebühr an den Staat. Gleichzeitig wird ein seit 2009 geltendes Moratorium, wonach Hausbesitzer von ihrer Bank nicht gepfändet werden dürfen heuer endgültig auslaufen. In letzter Konsequenz könnten damit Zigtausende delogiert werden.

Die österreichischen Kreditinstitute taten sich mit einer Einschätzung des Paketes schwer. Die Erste wollte sich nicht äußern. Bei der Raiffeisen Bank International sprachen Analysten davon, dass den Banken in Ungarn de facto neue Kreditvergaben aufgezwungen würden. Gianni Franco Papa, Bank Austria Vorstand für das Osteuropageschäft, sprach von einer "ausgewogenen Lösung", die allen Beteiligten nütze.

Begrenzte Nachfrage erwartet

Klientenbetreuerin Lénárd widerspricht dem heftig: "Für die Menschen bringt diese Lösung fast nichts. Ihre Schulden steigen weiter, das Fremdwährungsrisiko bleibt auf ihnen langfristig lasten." Ein zusätzliches Risiko ist, dass der ungarische Staat nun auf dem Fremdwährungsrisiko mit drauf sitzt. Derzeit sind die Gefahren überschaubar, aber was, wenn der Forintkurs abstürzt?

Der ungarische Analyst Dávid Németh rechnet zudem mit einer "begrenzten Nachfrage" beim neuen Modell. Maximal 100.000 Bankkunden würden es annehmen. "Wer sich für die verspätete Rückzahlung entscheidet, muss dafür schließlich teuer bezahlen."

Für die in Schweizer Franken verschuldeten Kreditnehmer in Österreich käme die Lösung in Ungarn übrigens nicht in Frage, denn hier sind die Kredite endfällig. Durch den extremen Euro-Abfall haben sich auch die heimischen Kredite verteuert. Ein Ausweg ist, die Laufzeiten zu verlängern, um eine Rückzahlung zu sehr ungünstigem Kurs zu verhindern. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 1.6.2011)

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kärntna
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Mitte der Neunziger Jahre wurden die ersten Fremdwährungskredite so richtig populär. Bei einer Laufzeit von 20 Jahren, würden ein paar nun in den nächsten 5 Jahren fällig werden.

Das könnte spannend werden für so manchen Eigenheimbesitzer und CHF-Kreditnehmer. Die Zinslast ist noch ok, aber der Tilgungsträger und der Kurs des Schweizer Franken -->

http://www.bankkonditionen.info/service/k... ehrung=CHF

ist alles andere als optimal. Ob sich das in den nächsten 5 Jahren noch ergeben wird? Man darf gespannt sein und hoffen, dass man nicht selbst in dieser misslichen Lage ist!

Was da in Ungarn passiert: Schwer zu beurteilen - aber sie sind nun schon mal in der "rue de la gack" und nun versucht man mit dem Zeitfaktor zu spielen.

Nestor Machno
 
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Natürlich auch eine Zwickmühle für die Regierung

Läßt sie den Dingen ihren rechtlichen Lauf, so muß sie Gerichtsvollzieher für mehr als 100.000 Delogierungen zur Verfügung stellen, ihr geliebter Mittelstand steht großflächig auf der Straße, und die 2-Drittel-Mehrheit kann sie sich in die Haare schmieren.

Auch die Banken stehen blöd da. Schreiben sie die non-performing Kredite ab, so ist das ein Mords-Loch in ihrer Bilanz, und dafür sitzen sie auf einem Haufen Eigenheimen, für die erst recht niemand ein Geld hat.

Das Umschuldungsprogramm könnte wiederum zu einem Mißtrauen in den Forint führen, ihn zum Absturz bringen und damit auch das Umschuldungsprogramm kippen.

Es geht doch nichts über die Segnungen der freien Marktwirtschaft!

Böse Tussi
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Lol, ob es in Ungarn auch welche gibt, die behaupten:

1. es ist langfristig und der derzeitige Kurs interessiert mich überhaupt nicht
2. mit dem Zinsvorteil bin ich immer noch in der Gewinnzone
3. ist mein Fond sowieso überdeckt
4. jetzt wäre ein SFK sowieso am besten.

:))))))))))

büro-krater
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die böse uberraschung wird für die österreicher auch kommen, 2015-16 werden die ertsen grösseren endfälligen hypotheken fällig. mal sehen wie skandia und die anderen geldvernichter dann stehen werden.

sociovation
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Letztlich muss ja den Kurssteigerungen des SFR jemand verdienen

Diese Gewinne ließen sich mit staatlichen Eingriffen durchaus im Rahmen halten.
Mann könnte sie auch mit 100% besteuern, dann hätten alle was davon.
Aber es zeigt sich wieder der "moderne" Staat:
Er schützt die Abcasher und lässt die Bürer im Stich.

Tiannanmen
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Wer sind den die Abcasher? Die Spekulanten?

buff flyer
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dann triffts eh die richtigen

ein fremdwährungskredit ohne kongruente bedeckung ist ja wohl der inbegriff der spekulation.

Tiannanmen
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Stimmt. Sehen aber offenbar nicht alle so.

sonne-licht
 
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nur ungarn?

ich bin mir sicher, daß dies auch viele eigenheimbesitzer in österreich betrifft!

ich frage mich was für einen ausgleich dafür wieder bekommen auf steuergeld?

wie wärs wenn die banken diese kredite einfach für ein oder zwei jahre raten/zinsenfrei stellen und die banker auf ihr boni verzichten, bzw. auf steuergeld.

oder sind die banken generell so marod, daß nicht einmal soviele rücklagen haben, wie sie sollten um das gewährte geld abzudecken! basel 3 läßt grüssen / die immobilienhaie und bauträger haben ja ihre kosten schon bezahlt bekommen!

mittlerweile ist der erweiterungswahnsinn immer größer und überschaubarer der banken das damoklesschwert der finanz-/wirtschaft.

Andreeeas
02

Auch wenn die Schicksale, die dahinter stehen bedauernswert sind:

Jeder weiß, oder sollte wissen, worauf er sich bei einem Fremdwährungskredit einlässt. Mein Mitleid hält sich sozusagen in Grenzen.

Sol´kanar -The Swamp King
00
in österreich wäre das nicht möglich...

ähm, switch? bekommt man bei uns teilweise 3 mal gratis

diamant
12
'Für die Menschen bringt diese Lösung fast nichts....Fremdwährungsrisiko bleibt auf ihnen langfristig lasten'

Nona, wer einen Vertrag abgeschlossen hat muss ihn auch einhalten!
Wieso sollte die Bank oder gar der Staat das persoenliche Risiko einer Kreditaufnahme abdecken?

Kennmichaus
00

Tja, Menschen glauben an Wunder und wollen diese Warnungen der Berater gar nicht hören. Irgendwann gibt natürlich der Berater auch auf die "Geschäftspartner" über alles zu informieren.

Das ändert nichts an der Tatsache, das ein Vertrag von beiden Seiten erfüllt werden muss. Schließlich kommt die Bank auch nicht her und sagt, "Sorry, ich brauche das Geld wegen der Kriese jetzt schon zurück".

J4ReD
03
Die Tabelle ?!?!

Bitte bitte bitte, das ist keine Tabelle, ohne Beschriftung sind das nur wirre Linien ><

curieux
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Eine Grafik sagt mehr als 1000 Worte.

Ja, aber nur, wenn sie gut ist!

Hallo, Standard, nur copy - paste ist zu wenig!

curieux
03
Im Endeffekt wird den Banken geholfen.

Ich halte jede Hilfe für Opfer von Fremdwährungskrediten für eine weitere Verstaatlichung von Verlusten.
Die Leute, deren Fremdwährungskredite abgezahlt sind, haben sich (und den Banken) einen schönen Gewinn gemacht gegeenüber denen, welche altmodisch und sicher im eigenen Land den Kredit genommen haben. Jetzt treten Verluste auf, welche vorerst einmal von der Allgemeinheit bezahlt werden.

Anscheinend haben alle diese Konstruktionen, mit denen die Banker viel Geld verdienen, so einen Hintergrund.

globetrottel
01

Nein, die Verluste aus den Kursänderungen werden eben nicht von der Allgemeinheit bezahlt. Die Kreditnehmer dürfen vorübergehend niedrigere Kreditraten zahlen, als das normalerweise beim gegebenen Franken-(Euro-)Kurs der Fall wäre. Damit häufen sie jedoch zusätzliche Schulden auf, die sie mit Zins und Zinseszins ab 2015 bezahlen dürfen.

curieux
00
Das habe ich schon verstanden!

Es gab (und gibt) aber auch bei uns die Diskussion, dass man den ach so armen Opfern von Fremdwährungskrediten doch helfen muss. Die Gewinner von Fremdwährungskrediten haben jedoch keine Steuern bezahlt. Den Opfern soll der Steuerzahler helfen.

Da ist Lotto weit gerechter!

globetrottel
00

Einverstanden. Einigen wir uns aber darauf, dass den Banken hiermit NICHT geholfen wird, und dass die Allgemeinheit NICHT die Verluste bezahlt. Das ist im Prinzip auch in Ordnung so. Sinnvoll wäre eine Staatshilfe in wenigen speziellen sozialen Härtefällen. Und die Banken könnten entgegenkommend sein, da sie in Ungarn weit höhere Aufschläge auf die Franken-Refinanzierung verrechnet haben als etwa in Ö.

Adolf Ogi
00
31.5.2011, 22:31
alles in allem

eine gar nicht so dumme Maßnahme von der ungarischen Regierung. Findet sogar der Herr Szigetvari.

globetrottel
02

Ja, gar nicht dumm. Die Regierung tönt, dass SIE den MENSCHEN das grosse HILFSpaket spendiert - und in Wahrheit spendiert sie absolut gar nix, die Leute haben das grosse Vergnügen, sich die grosszügige Orbán-Spende selber zu bezahlen.
Auch die Banken (die es bei Kreditvergabe verabsäumt haben, den Kreditnehmern klarzumachen, was für Risken so eine Fremdwährungssache haben kann) sind fein raus - sie kriegen Zusatzgeschäft, ohne Risiko und ohne Investment.

Anderswo nennt man sowas Besxhiss, nicht Wohltat des Viktor ex machina...

Adolf Ogi
00
die meisten Banken dort

sind eh österreichische: Raiffeisen, Erste, Bank Austria, etc.

globetrottel
00

Richtig. Sie haben das Vergnügen, im Durchschnitt etwa 70 % ihres Gewinnes (letzte bekannte Ergebnis-Zahlen von 2009) als Bankensondersteuer zu zahlen, während die bei weitem grösste und gewinnträchtigste ungarische Bank, die ungarische OTP, mit etwa 10% des Gewinnes davonkommt.

Nestor Machno
 
00
Quelle?

Also, kannst du diese Behauptung irgendwie belegen?

globetrottel
00

Ja, kann ich, habe ich hier im Forum bereits vorigen Herbst getan - mit präzisen Sondersteuerbeträgen und Gewinnen (VOR Sondersteuer) pro Bank.
Nehmen Sie sich die Zeit uns recherchieren Sie - ich habe die Zeit jetzt nicht, es noch einmal zu tun, da ich in 20 Minuten abfliege.

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