Gelungene Tricks und Brüche

31. Mai 2011, 17:25
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Am Donnerstag wird der österreichische Pavillon eröffnet - Markus Schinwald hat ihn in eine begehbare Skulptur verwandelt: Mit "Raumprothesen", die den Hoffmann-Bau völlig neu proportionieren

Zwar ist es schon zwei Jahre her, dass der damalige Biennale-Leiter Daniel Birnbaum den Künstlern das Weltenbauen abverlangte; nun sollten sich nach Vorgabe der diesjährigen Biennale-Direktorin Bice Curiger Kunst und Künstler um den Begriff "Illuminations" kümmern. Aber auf dem Weg zum österreichischen Pavillon fällt auf: In den Giardini wurde so tüchtig an Welten aller Art gebaut wie kaum zuvor.

Thomas Hirschhorn beispielsweise, der kürzlich in der Wiener Secession für ein vergleichsweise harmloses Durcheinander sorgte, verwandelt den Schweizer Pavillon gleich neben dem Eingang der Giardini mit Allerwelt und deren Relikten und Müll und Heiligtümern in ein atemberaubendes Gruselkabinett. Es schaut bestürzend aus in diesem Kosmos aus stanniolumwickelten Fitnessgeräten, in Plastik eingeschweißten und auf Plastiksessel drapierten Handys, aus übereinandergetürmten und mit Klebeband umwickelten TV-Geräten. Spätestens angesichts dieser Lichtquellen weltweiter Wohngemütlichkeit wird das Biennale-Motto erkennbar. Fotos: belichtetes Papier. Barbiepüppchen: Synonym intellektueller Unterbelichtung. Und überall in dieser vollgerammelten Versuchsstation für den Weltuntergang: Quarze. Alles verbindende, beleuchtende, illuminierende Kristalle.

Kontrastprogramm total am entgegengesetzten Ende der Giardini, wo der gebürtige Salzburger Markus Schinwald in den Österreich-Pavillon ein höchst ästhetisches Labyrinth aus Licht und Schatten, aus Nischen, Irrwegen und Sackgassen eingebaut hat, nicht unähnlich dem Gassengewirr der Lagunenstadt.

Der multimedial arbeitende Künstler verwandelt, tatkräftigst unterstützt von seiner Kuratorin Eva Schlegel, den Hoffmann-Bau in eine begehbare Skulptur; gibt dem Pavillon, der damals in nur 30-tägiger Bauzeit realisiert wurde (und daher einige bauliche Flüchtigkeitsfehler aufweist) ein völlig neues Erscheinungsbild: schnörkellos, schlicht, luftig-schön und voller überraschender Ein- und Ausblicke.

Beinfreiheit für Besucher

Hoch oben an den Wänden hat er einige seiner Tischbein-Skulpturen angenagelt. Manche erinnern an Kruzifixe oder Hirschgeweihe, andere scheinen um die Ecke zu huschen wie davonspringende Tiere. Sparsam und in Nischen versteckt, um nur ja nicht den Eindruck einer Malerei-Ausstellung zu erwecken, hängen acht seiner beklemmend abgründigen, dunkelschattigen Prothesenbilder: Dem Stil des Originals angepasst, übermalt er Porträts aus dem 19. Jahrhundert, verhüllt da einen Frauenkopf mit weißem Schleier; verpasst dort einer Frau eine Kinnprothese, belässt einer dritten nur Hände, während Kopf und Körper mit dem Hintergrund verschmelzen.

Pathos, um Pathos zu durchbrechen: Schinwald tut dies raffiniert und mit höchster (architektonischer) Präzision. "Der Pavillon ist schön, aber auch problematisch. Ich würde nicht so weit gehen wie etwa Achleitner, der diese Architektur als postfaschistisch bezeichnet. Aber dieses erdrückende Tor, unter dem alle Besucher geradezu winzig wirken; Die Aufteilung in rechts und links, die Symmetrie, die enorme Höhe, der Durchgang hinaus in den Garten: Das alles kann man mit kleinen Tricks umgehen und brechen."

Also trickst und bricht er schon vor dem Pavillon mit (Besucher-) Routine und (Seh-)Gewohnheiten. Zwei Wände mit schmalen, asymmetrischen Schlitzen verstellen die Eingänge. Und Durchblicke. Wer flüchtig in den Pavillon hinschaut, dem eröffnet sich: nichts. Räume, zumal die für Kunst, wollen erforscht sein.

1200 Quadratmeter Wandflächen hat Schinwald eingezogen, "Raumprothesen" nennt er die weiß gestrichenen Aluminiumkuben, die er von der Decke herab bis auf Nabelhöhe hängen lässt: Es herrscht Beinfreiheit, auch wenn die Durchgänge und Wegschläuche mitunter nur 90 Zentimeter schmal sind.

Vermutlich wird es also eine dichtgedrängte Nabelbeschau, wenn der Pavillon am Donnerstag von Bundesministerin Claudia Schmied eröffnet wird. Und wenn man dem Sound folgen wird wollen, der durchs Labyrinth lockt. Er gehört zu den beiden Performance-Filmen, die Schinwald in einer ehemaligen Wiener Brauerei gedreht hat und die, reizvoller Kontrast zu den scharfkantigen Kuben im Pavillon, an einen utopischen Ballsaal erinnert.

Einmal versucht ein Mann, sein Bein aus einem engen Wandschlitz zu zerren. Schinwald ließ für diese Szene die Venedig-Wand in Wien aufbauen. Ein bis ins Detail durchkomponierter, gelungener Biennale-Auftritt. (Andrea Schurian aus Venedig/DER STANDARD, Printausgabe, 1. 6. 2011)

  • Markus Schinwald braucht sich nicht zu verstecken: Sein Biennale-Beitrag
 ist perfekt durchkomponiert.
    foto: annablau

    Markus Schinwald braucht sich nicht zu verstecken: Sein Biennale-Beitrag ist perfekt durchkomponiert.

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