Sexuelle Fortpflanzung

"Männer sind teuer und schwierig herzustellen"

5. Juni 2011, 11:56

Doch ihre Existenz vermittelt Vorteil im Wettlauf mit Parasiten - Wiener Anthropologen enthüllen Mysterien der Geschlechter-Evolution

Grado - Die Entwicklung von zwei unterschiedlichen Geschlechtern, in der Folge Kampf um den Partner, die Befruchtung, Schwangerschaft, Geburt und Brutpflege - sexuelle Fortpflanzung ist eine komplizierte und aufwändige Angelegenheit. Allerdings hat sie einen gewaltigen Vorteil: Sie treibt die Evolution so schnell voran, dass Arten, die sich ihrer bedienen, neuen Gefahren und Umweltbedingungen früher und damit besser begegnen können.

"Es gibt Liebe, weil es Parasiten gibt", lautet das Fazit aktueller Forschungsarbeiten von Karl Grammer und Elisabeth Oberzaucher von der Abteilung für Anthropologie der Universität Wien. Sie stellten ihre aktuellen Erkenntnisse auf diesem Gebiet bei den 20. Ärztetagen der Österreichischen Ärztekammer in Grado (29. Mai bis 4. Juni) vor.

Evolution der Liebe

Das Thema des Festvortrages der Anthropologen: "Die Evolution der Liebe". Und die gibt es nicht ohne Grund, sie ist Teil von Evolution und Selektion. Grammer: "Süßwasserpolypen lassen sich ihre Kinder aus dem 'Knie' wachsen." Das sei wohl am einfachsten. Umgekehrt müsse es also einen Grund geben, warum sich die sexuelle Fortpflanzung entwickelt habe.

Elisabeth Oberzaucher: "Das Problem ist, dass wir in der Evolution schnell laufen müssen. Wir haben große Gegenspieler - Parasiten, Bakterien und Viren. Sie können sich so schnell anpassen. Das müssen auch wir. Die Mutationsrate (ohne sexuelle Vermehrung, Anm.) ist fixiert. Mit der sexuellen Fortpflanzung aber haben wir einen 'Turbo' (für die Anpassung, Anm.) erhalten."

Die Konsequenz: Bei sexueller Fortpflanzung wird jedes Mal das Erbgut der Partner durcheinander geschüttelt, neu arrangiert. Es entstehen viel schneller neue Varianten. Die werden per Selektion und größerem oder geringerem Fortpflanzungserfolg der entstandenen Individuen von der Natur ausprobiert, setzen sich durch oder verschwinden wieder. Im menschlichen Erbgut sind aber somit auch die Ereignisse von vier bis sechs Millionen Jahren Entwicklung gespeichert.

Nicht alles ist Wettbewerb

Der Anthropologe: "Wir sind die historischen Probleme unserer Art. Wir sind eine Anhäufung von Problemen und ihren Lösungen. Die Evolution kann nichts Neues schaffen. Sie bringt nur neue Konstellationen hervor. Ihre Lösungen sind nie perfekt. Wir sind nicht das Ergebnis perfekter Ingenieursleistung." Vielmehr würden Mutationen, natürliche Selektion, sexuelle Selektion und soziale Selektion die treibenden Kräfte sein. Und - da gibt es die kaum definierte Kraft einer Art "blinden Uhrmachers", der aus unheimlich vielen Bestandteilen versucht, eine Uhr zusammenzusetzen und es durch Zufall schafft.

Die Biologie ist dabei längst nicht alles. Rabiat-biologische Vererbungstheorien sind simpel, sonst nichts. Grammer: "Wir sind nicht nur auf Wettbewerb ausgelegt. Wir sind freundlich zu anderen Menschen. Das scheint sich ausgezahlt zu haben."

"Männer sind teuer und schwierig herzustellen"

Das erste Problem: Für sexuelle Fortpflanzung bedarf es männlicher und weiblicher Wesen. Elisabeth Oberzaucher in Grado: "Männer sind teuer und schwierig herzustellen. Wir haben als Basis den weiblichen Embryo. Männer muss man umbauen." Erst unter dem Einfluss von Hormonen wird in der zweiten bis sechsten Gestationswoche festgelegt, ob da nun ein Mädchen oder ein Bub entsteht. Grammer: "Wenn der Vorteil nicht so hoch wäre, hätte die Evolution das nie in Kauf genommen."

Dabei haben Mann und Frau schwer an ihrem Geschlechterlos zu tragen. Oberzaucher: "Das weibliche Geschlecht muss die großen Gameten (Eizellen) produzieren. Für das weibliche Geschlecht sind die 'Kosten' größer - mit Schwangerschaft und Stillperiode. Frauen können diese 'Kosten' aber senken', indem sie Partner wählen, die ihnen helfen. 'Sie' weiß auch immer, wer ihre Nachkommen sind. Die Frauen schauen sich ganz genau an, auf wen sie sich einlassen." Bei der Fortpflanzung des Menschen herrscht aktive "Damenwahl".

Intelligenz und Größe

Das spiegelt sich - sprichwörtlich natürlich - in der Selektion des Partners. Grammer: "Männer legen Wert auf die Attraktivität, Frauen auf den Status und die Durchsetzungsfähigkeit ihres Partners." Studien in 60 verschiedenen Sozialkulturen hätten belegt: "Intelligenz spielt für Frauen die größere Rolle als für den Mann." Und: Weil offenbar größere Männer im Schnitt durchsetzungsfähiger, erfolgreicher sind, tendieren Frauen zu Männern mit mehr Statur. Ist er mehr als fünf Zentimeter kleiner als die Frau, klappt's demnach nicht. Ein um 25 Zentimeter größerer Mann sei für die Frauen offenbar das evolutionsmäßig beim Menschen etablierte Optimum.

Es geht nicht nur um Aussehen etc. Die Reproduktionsstrategien von Mann und Frau sind laut Grammer völlig unterschiedlich. Frauen handelten nach folgendem Motto: "Ich wähle, halte fest - und schaue weiter." Das Motto der Männer hingegen: "Viele anschauen und die Beste wählen." Dabei ist das Ziel wohl eine fixe Partnerschaft, welche eben möglichst einfach möglichst viele überlebende Nachkommen hervor bringt.

Das gehört ausprobiert, aber nicht zu oft und nicht zu lange. Die Forschungsergebnisse dazu, so der Anthropologe: "Im Durchschnitt werden zehn bis zwölf Partner getestet. Dann wird geheiratet." Auch hier zitierte der Wissenschafter ein schlagendes Motto: "Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach." - Zumindest, was den eigenen Reproduktionserfolg angeht. Und wenn das Ausprobieren beim Menschen weit über die Zahl von zehn oder zwölf potenziellen Langzeitpartnern hinaus geht, schmilzt die Chance auf eine lebenslange Bindung offenbar in Richtung Null.

Ovulation und Attraktivität

Der "Kampf der Geschlechter" bei allen diesen Dingen: Die Männer wollen laut den Anthropologen möglichst viel Nachkommenschaft und versuchen, die weibliche Sexualität zu dominieren. Der Trick des weiblichen Geschlechts beim Menschen: Offenkundig sind die fruchtbaren Tage der Frau für den Partner nicht. Doch die Milliarden Jahre lange Erfahrung der Evolution schlägt auch hier einem simplen System ein Schnippchen. Grammer: "Frauen werden zum Zeitpunkt der Ovulation attraktiver."

Das erfolgt allerdings "unterschwellig" und lässt sich laut wissenschaftlichen Reihenuntersuchungen mittlerweile mit großen Datenmengen belegen. Ein Beispiel: Intuitiv finden Menschen bei oberflächlich gleich aussehenden Reihenbildern vom Gesicht einer Frau heraus, welches der Fotos am Tag des Eisprungs gemacht wurde. Und all der Aufwand, um durch schnelle Rekombination der Erbinformationen bessere Abwehrkräfte gegen Parasiten, Bakterien und Viren zu haben. (red/APA)

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Thomas Felder1
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Wir haben als Basis den weiblichen Embryo.

das stimmt so nicht. zumindest nicht bei säugetieren.
die basis ist ein geschlechtlich indifferenter embryo mit anlagen für beide geschlechter.

Nanomyte
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11.6.2011, 04:27
Bei Monosomie X...

fällt dieser Vergleich aber aus dem Rahmen.

Die Eizelle enthält so gut wie immer ein X (oder mehrere oder ist leer) die Spermazelle enthält in der Regel ein X oder ein Y manchmal auch mehr und manchmal ist sie defekt.

Nun kann man sich streiten:
Aktiviert das Y-Chromosom die im Erbgut angelegten "männlichen" Anlagen oder unterdrückt es die "weiblichen Anlagen".

BeachBuddy
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also meine Mami hat mir gesagt sie hat vom Papi nix verlangt als mich gemacht haben.
ich war umsonst.

Phönixe
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10.6.2011, 05:55
Aber nicht gratis;-)

Experte für eeh alles
00

Zumindest nicht vergeblich (-e Liebesmüh).

Polit Gewissen
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Danke für den Lacher!

Die List der Natur über Belohunung und Strafe zu agieren ist ein alter Hut.

Reiche Männer haben junge Frauen und beide sind zufrieden.

Regression zur Mitte
 
03
Ein schiacher Lackl meint:

Das sich die Frauen immer die Intelligenten aussuchen und die Maenner die Schoenen fuehrt zu Intelligenten Maennern und schoenen Frauen.

Fred vom Mars
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Wenn Frauen schöner als intelligent sind

dann wahrscheinlich nur weil Männer besser sehen als sie denken können.

Die kritische Stimme
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Ich wünschte...

... Ingenieursleistung wäre so perfekt wie die Evolution. Tatsächlich nähert sich Ingenieursleistung unter den heutigen Rahmenbedingungen (wenig Geld, viel Konkurrenz, komplizierte Technik) immer mehr der Evolution an: Ausprobieren halb fertiger Lösungen beim Kunden.

Mynnia
00

Des Einzige, was da fehlt, wäre die Selbsterhaltung. Also, Leben ist Selbstzweck, Lebewesen sind dafür da, andere gleichartige Lebewesen zu produzieren.

Ansonsten: Wenn ein Ingeniör so schludrig wör...
Dann hätten Raketen vielleicht Rückenstacheln oder rosa Flecken, wenns nicht stört, bleibts...

Trurl
00

Wo finden Sie in der Evolution 'halbfertige Lösungen'?
Die Natur ist in dieser Beziehung beinhart:
Alles was nicht (mehr) funktioniert wandert zum 'Ausschuss' und ins 'Recycling'.

Nick Tameer
00

Aber, lieber Trurl, können wir die Augen davor verschließen, dass die Evolutuion in ihrem blinden Streben zwar immer hinreichend funktionale, aber selten technisch perfekte Lösungen hervorbringt?

Trurl
00

'Eine gute Frage!'
Ja, ich würde sogar meinen:
'Eine sehr gute Frage!'
Aber, was verstehst Du unter "technisch perfekt"?

Grisu der kleine Drache
01
Nun, ein paar offensichtliche Designfehler fallen mir schon ein.

So hat mir etwa noch niemand erklären können, warum Pflanzen ausgerechnet das häufige grüne Licht nicht nützen. Eine Pflanze mit guter Lichtausnützung wäre mehr oder weniger schwarz wie Solarzellen.

Oder am Beispiel Mensch:

Auge: Die Nerven (=Verdrahtung) sitzen VOR den Lichtrezeptoren. Wo die Nerven dann gebündelt aus dem Auge treten, befindet sich der Blinde Fleck.

Die Zuführungen für Luft und Nahrung kreuzen sich. Bei Fehlfunktion des Kehlkopfs kann Nahrung die Luftröhre verstopfen.

Die linke Gehirnhälfte ist mit der rechten Körperhälfte verbunden und umgekehrt.

Die Abwasserleitung führt mitten durchs Vergnügungsviertel.

Phönixe
00
10.6.2011, 06:00
Der größte Trick der Natur ist die Selbstkonstruktion als Reproduktion!

Kein Eifelturm schraubt sich selber zusammen. Doch ein Schilfgras erbaut sich weit widerstandsfähiger selber, in Verhältnissen betrachtet.

Nick Tameer
00

Ich will nicht gleich an Unsterblichkeit denken, weiß auch gar nicht, ob dies so wünschenswert wäre, aber eine größere Haltbarkeit und Strapazierfähigkeit säße rein konstruktionsmäßig doch wohl drin.

Trurl
00

Lieber Nick, Vergiss die Unsterblichkeit! Vor allem dann, wenn sie nicht zusammen mit ewiger Jugend geliefert wird, ist das ein gewaltiger Schuss ins eigene Knie!
Was eine verbesserte Halt- und Strapazierbarkeit anbelangt, so bin ich versucht Dir zuzustimmen: Die Grundausstattung des menschlichen Körpers ist wirklich jämmerlich! Nur vier Gliedmaßen anstatt der möglichen 6 bis 10; ein Hüftgelenk, das uns zum aufrechten Gang zwingt, obwohl wir trotzdem bei der erst besten Gelegenheit umfallen und mit dem Kopf auf den Boden knallen, und überhaupt:
Dieses ganze Konzept der Zweigeschlechtlichkeit und sexuellen Fortpflanzung ist einfach bizarr! Was sich die Natur nur dabei gedacht hat? ;)

hflock
00

Wo haben Sie denn Ihren Klapaucius gelassen? ;)

Nick Tameer
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Ich wollte zwar weniger die Modellpolitik als das eigentliche Qualitätskonzept kritisieren, aber 2-3 Extra-Arme in der Grundausstattung wären nicht unpraktisch.

Mynnia
00

Gar nicht wahr. Es gibt sooo viele "unsinnige", nicht gut funktionierende und überflüssige Dinge in der Natur. Fragen Sie mal Ihren Blinddarm.

a) es gibt immer mehrere "Lösungen"
b) es mutiert ständig irgendwas
c) Mutationen können auch gar keinen Nach- oder Vorteil haben oder keinen, der groß/klein genug ist um irgendwas zu ändern
d) Veränderungen, die nix machen, können bei veränderten Umweltbedingungen auf einmal ausschlaggebend sein

und so weiter.

Trurl
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Hallo Mynnia!
Ich hab' meinen Blinddarm (ich hab' tatsächlich noch einen) gefragt und eigentümlicherweise eine sehr obszöne Antwort bekommen, die ich hier jetzt nicht unbedingt rezitieren möchte ;)
Scherz beiseite.
Ich glaub', Sie haben mich missverstanden?
Um bei dem Beispiel zu bleiben: Natürlich macht mein Blinddarm nicht mehr viel Sinn, aber er hat mich (bisher) auch noch nicht aus dem Genpool gekickt. So gesehen funktioniere ich als Organismus ganz gut und bin, genau so wie jedes andere Lebewesen, keine 'halbfertige Lösung', wie unser Vorposter bemängelt hat. Und genau darum ging's mir: Die Natur macht vieles, aber sicher keine halben Sachen (zumindest nicht längerfristig)
;)

opflbam
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ich bin schon hergestellt - preis auf anfrage.

schilda
00

wenn teuerer und schwieriger herstellbar, warum keinen ersatz erfinden?

chrilly donninger1
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Beim Dorfstier ist es relativ leicht gegangen

Aber Stiere können auch keine Einkaufssackerl tragen, Glühlampen einschrauben, kalte Füsse aufwärmen und für was sonst Männer halt noch so gut sind.

Gigerius
04

Hochtechnologie ist immer zuerst teuer und schwerer herzustellen ;)

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