Zum medial-politischen Match gegen ein neu entdecktes Feindbild
Da wandelt er über den grünen Rasen, die Fleischwerdung des von der österreichischen Öffentlichkeit neu entdeckten Bösen, ein von der wachsamen Boulevardpresse zwischen den randalierenden Rapid-Fans ausfindig gemachter fettleibiger, halbnackter und reichlich tätowierter Hooligan, angeblich, und das ist am wichtigsten: ein Grieche. Gott sei Dank haben sie ihn entdeckt und fotografiert, denn nun weiß man es, die Griechen sind also letztlich schuld an den Ausschreitungen, nicht die guten, anständigen Österreicher. Wie die Griechen ja nun auch ganz alleine schuld sind am drohenden Zusammenbruch der Währungsunion, weil sie sich nicht zusammenreißen können, anders als die immer sparsamen, bescheidenen und fleißig arbeitenden Österreicher.
"Österreich darf nicht Griechenland werden"
Binnen kurzem ist dieses bislang wenig beachtete mediterrane Land im äußersten Südosten der EU zum absoluten Feindbild mutiert. - "Bislang wenig beachtet" freilich, wenn man davon absieht, dass man früher auch einmal gewusst hat, dass in eben demselben Land doch die Wiege von Zivilisation und Demokratie gestanden hat (und nicht in den USA, auch wenn uns Kommentatoren wie Hans Rauscher beständig davon zu überzeugen versuchen) und dass es später als romantisierte, folkloreumwobene Touristendestination Furore machte und Udo Jürgens vom "Griechischen Wein" trällerte.
Damit dürfte es nun vorbei sein. Heute würde man ihm dieses Lied nicht mehr erlauben, ihn dafür vielleicht sogar medial bzw. per wütender Leserbriefe lynchen. Als ich vor kurzem einem Zufallsbekannten erzählte, dass ich die griechische Sprache zu erlernen versuche, machte dieser ein ernsthaft besorgtes Gesicht und meinte, das solle ich lieber nicht allzu laut sagen, damit mache man sich heutzutage keinen allzu guten Ruf.
"Kein Cent mehr für die Griechen", verkündete Strache vor wenigen Wochen und fasste damit den neu entdeckten Hass auf das einstige Traumland in Worte. Hieß es früher bei der FPÖ: "Wien darf nicht Chicago werden", dann "Wien darf nicht Istanbul werden", so lautet nun demnach der neue Kampfspruch: "Österreich darf nicht Griechenland werden."
Das Opferlamm Griechenland
Es würde beruhigen, wenn man wüsste, dass solches nur von der extremen Rechten und ihren Wählern zu hören wäre. Vor einer "Vergriechenlandisierung Österreichs" warnte aber auch Hans Rauscher in einer Kolumne vom 30. April. "Griechen-Bashing ist in", weiß András Szigetvari in einem Standard-Kommentar vom 28/29. Mai zu berichten: Europäische Politiker, Funktionäre und Banken kritisieren das Land im Südosten heftig - und das, obwohl der griechische Staat sowieso den Sparstift so drastisch ansetzt, dass es soziale Unruhen gibt.
Was will man also dann eigentlich noch von den Griechen? Müsste man nun nicht vielmehr, anstatt sie weiter zu attackieren, zugeben, dass das neoliberale Rezept des Sparens schlicht das falsche war und Griechenland nicht sanieren kann? Diese Warnung hat Christian Felber von Attac bereits am 30. März 2010 (!) in einem Standard-Artikel ("Sündenbock Hellas, Buhmann Keynes") ausgesprochen.
So entbehrlich und sinnlos jedoch auch inhaltlich die wüsten Griechenland-Attacken sind, hat man strategisch allerdings damit etwas sehr Wichtiges erreicht. Die Kapitalismus-Kritik, die beim Ausbruch der Finanzkrise aufzukeimen begann, wurde dadurch geschickt ausgehebelt und zum Schweigen gebracht, alle Gesellschaftskritik nun doch wieder transformiert und eingeengt auf eine Sozialstaatskritik. Keine Rede mehr davon, dass die ganze Krise mit einem vom freien Markt selbst verursachten Zusammenbruch begann, keine Rede mehr davon, wie viele Milliarden man den Banken stecken musste. Nein, die Neoliberalen haben wieder das Sprachrohr an sich gerissen, und nun läuft alles wieder in bewährter rhetorischer Schiene ab: der Sozialstaat ist an allem schuld.
Die Ursachen der Krise
"Man schlägt die Griechen und meint den Sozialstaat", hat in einem sehr intelligenten Kommentar Wall-Strasser vom ÖGB schon vor einem Jahr (14. Mai 2010) im Standard geschrieben. Es scheint, die Rechnung ist aufgegangen. Angesichts der Tiraden gegen Griechenland hinterfrägt niemand mehr die im Kapitalismus gründenden Ursachen der Krise und können die Banker weiterhin ihre der Repräsentation (was heißt, ihrem Herrschaftsanspruch) dienenden und dabei Unsummen kostenden Empfänge ohne jedes schlechte Gewissen einander geben, und, während sie letztlich auf Steuerzahlerkosten Spezialitäten verzehren und vom edlen Schaumwein trinken, sich gar noch beschweren über die uneinsichtigen, am unteren sozialen Rand lebenden Menschen aus dem Land im äußersten Südosten Europas, die nicht einsehen wollen, dass man seine Opfer bringen müsse. (Leser-Kommentar, Ortwin Rosner, derStandard.at, 31.5.2011)
Autor
Ortwin Rosner, geboren 1967, abgeschlossenes Studium der Germanistik
und Philosophie in Wien, Diplomarbeit 2003 bei Prof. Wolfgang
Müller-Funk mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des
Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der
Sandmann", erschienen 2006 im Peter Lang-Verlag; lebt als Schriftsteller
in Wien.