Wirtschaftskrise quergedacht

Leser-Kommentar | 31. Mai 2011, 11:39

Der Mechanismus hinter dem regelmäßigen Scheitern unseres Wirtschaftssystems aus der Sicht eines Nicht-Ökonomen

Die Wirtschaftskrise ist ein Dauerthema der letzten drei Jahre, oft kommentiert und analysiert, allerdings naturgemäß von Ökonomen, und meist nicht auf einer fundamentalen Ebene, die das System selbst in Frage stellt. Die freie Marktwirtschaft erfordert beständiges intensives Wirtschaftswachstum - doch wieso eigentlich? Und wo liegen die Grenzen dieses Wachstums?

Warum unser Wirtschaftssystem derzeit nicht funktioniert, hat der Volksmund in griffige Worte gekleidet: "Von nix kommt nix."

Sämtliche Güter und Dienstleistungen, denen Geldeswert gegenübersteht, müssen auch real erzeugt werden. Geld als solches ist Tauschmittel und allein "das Versprechen auf das Erbringen einer Leistung", aber niemals die Leistung selbst! Alle folgenden Überlegungen sind inflationsbereinigt zu verstehen.

Geld hat zwar einen Preis - den Zins - aber es "arbeitet" nicht, jedenfalls nicht von allein!

Um das zu illustrieren, betrachten wir den Naturalzins, wie er beim Verleihen von Saatgut schon vor Zeiten üblich war. Der Verleiher erwartete nicht nur das Getreide zurück, das er verborgt hatte, er wollte auch den Ertragsausfall abgegolten haben, der ihm entstand, weil er das Getreide nicht selbst aussäen und ernten konnte. Ein Zinssatz von 50% war so durchaus erzielbar, denn Getreide als Saatgut ist mehr als produktiv genug, um diese Rendite real zu erwirtschaften. Besaß der Verleiher mehr als er anbauen konnte, profitierten bei einem vernünftigen Zinssatz beide Seiten.

Der Österreicher Eugen von Böhm-Bawerk hat viel später das Wesen des Zinses in einer systematischen Weise analysiert und begründet. Er erkannte, dass der Zins realwirtschaftlich nur eine einzige Rechtfertigung hat: die Produktivitätssteigerungen, die durch Investitionen mit geliehenem Geld erzielbar sind!

Nachhaltiges Wirtschaften

Marktmechanismen führen dazu, dass Geld als "knappes Gut" einen höheren Preis erzielen kann, als durch die realisierbaren Produktivitätssteigerungen gerechtfertigt wäre. Schuldner brauchen Geld wie ein Drogensüchtiger den nächsten Schuss, Ökonomen werden uns erklären, dass der Zins als hartes Selektionskriterium sinnvoller Investitionen auch unabdingbar sei - doch das kann alles nicht über eine fundamentale Tatsache hinwegtäuschen:

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, dass zu jeder Zeit der gesamten Zinslast existierenden Kapitals auch ein Mehr an realen Gütern und Dienstleistungen gegenübersteht!

Da Kapitalgeber bereits das Vermögen besitzen, um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, erzeugen Kapitaleinkünfte nur zu einem geringen Maß zusätzlichen Konsum, sondern werden üblicherweise re-investiert, im schlimmsten Fall zur Gänze - und dieses Geld will neuerlich verzinst werden.

Das Problem dabei: Wenn sich Kapital mehr Rendite erwartet, als ihm realen Werte durch Ertrag der Investitionen gegenüberstehen, dann muss der Fehlbetrag als Geldwert (= Schuld) irgendwie "entstehen" (= reales Geldmengenwachstum) - was auf die Dauer nicht möglich ist.

Schuldenkrise? - Produktivitätskrise!

Die freie Marktwirtschaft hat immer dann gut funktioniert, wenn die Steigerung der Produktivität ausreichend war, um die Zinslast zu tragen. Stürmischer technologischer Fortschritt oder auch der Wiederaufbau nach einem Krieg sind Beispiele, wo das System in der Lage ist, eine Verbesserung des Lebensstandards für breite Bevölkerungsschichten zu gewährleisten. Kapitalgeber erzielen eine befriedigende Rendite, Investitionen finden primär direkt zur Produktivitätssteigerung statt, die Kaufkraft steigt adäquat zur zusätzlichen Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen - ein "Wirtschaftswunder", das eigentlich keines ist.

Die aktuelle Krise hat ihre Ursache in nicht realisierbaren Rendite-Erwartungen sowie in der Tatsache, dass dem globalisierten Kapital kein geeignetes Regulativ gegenübersteht, um noch effektive Finanzpolitik zu betreiben. Sie ist ebenso eine Krise der Produktivität wie eine Krise der Gier! (Leser-Kommentar, Jürgen Wallner, derStandard.at, 31.5.2011)

Autor

Dipl.-Ing. Jürgen Wallner, geboren 1972 in Krems an der Donau, EDV-Ausbildung in der HTL St. Pölten, Studium der Technischen Physik an der TU-Wien, seit 12 Jahren als Software-Entwickler tätig.

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Kontra
20
Muss man jetzt Germanist oder EDV Entwickler sein

wenn man im Standard seine persönliche Meinung die Dann meist als diffuse Kritik am 'System' daherkommt, abgeben zu dürfen?
Ist natürlich erlaubt, keine Frage, aber Fundierte Expertise wäre schon ganz nett.

ein mensch
02
Was ist "diffus" an dem artikel?

ihre "kritik" jedenfalls ist nicht fundiert.

Reich sein muss sich lohnen!
02
Muss man renommierter Experte sein um eine Meinung zu haben?

Sie können die Meinungen hier ja gerne wiederlegen wenn sie Argumente dagegen haben.

sotho talker
 
00
im gegenteil ich finde es wichtig auch mal meinungen

fern vom expertentum zu hören.

experten kommen ohnehin genug zu wort. hier geht es um meinung.

Tiannanmen
00

Die Annahmen zu den Zinsen stimmen nur (und nur dann) wenn verzinstes Kapital von außen in das System gelangt und damit Kapital (Zinsen) nach außen abwandert bzw. abwandern müßte.

Solange das ganze innerhalb des Systems passiert haben Zinsen überhaupt keine negativen Folgen für das System. Wenn A an B Zinsen zahlt, ändert sich an der Summe nichts. Wenn A an B keine Zinsen zahlen kann, weil er pleite ist, ändert dies am System nichts.

Die entscheidende Frage ist demnach: Wie kommt Geld von außen in das System? Es gibt derzeit nur zentrale, staatliche Einrichtungen die dies machen: Notenbanken. - Genau die sind das Problem!

Reich sein muss sich lohnen!
00
Sie wollen also eine fixe Geldmenge?

Das ist keine gute Idee.

Der Bedarf an Geld schwankt ständig. Bei einer fixen Geldmenge würde der "Wert" des Geldes so immer mitschwanken.
Es gäbe ständig Inflations- bzw Deflationsperioden.

Im übrigen erzeugen nicht nur Zentralbanken (Notenbanken) neues Geld, jede Geschäftsbank erzeugt durch einen Kredit neues Geld.

Tiannanmen
00

>> Der Bedarf an Geld schwankt ständig
Natürlich, deswegen würden auch die Zinsen ständig schwanken. Der Bedarf an Brot und Erdöl ist auch nicht konstant, deswegen (nicht nur deswegen) schwanken die Preise.

>> Es gäbe ständig Inflations- bzw Deflationsperioden.
Wo wäre der Unterschied zu jetzt? Ich sehe keinen Grund dafür, dass die Schwankungen stärker wären. Durch die Produktivitätssteigerungen würde es verstärkt zu Preissenkungen kommen.

>> jede Geschäftsbank erzeugt durch einen Kredit neues Geld.
Tut sie das, oder holt sie sich das Geld zuvor von der Zentralbank? Wie verbucht sie das neue Geld? Forderung Kunde an Neu geschaffenes Geld (ergebniswirksam)?

Reich sein muss sich lohnen!
00

Die Geldmenge heute schwankt ständig mit dem Bedarf an Geld mit.
Steigt der Bedarf an Geld werden mehr Kredite aufgenommen -> die Geldmenge steigt.
Sinkt der Bedarf an Geld werden eben weniger Kredite aufgenommen -> Die Geldmenge sinkt.
Deshalb bleibt der "Wert" des Geldes halbwegs stabil.

Bei einer fixen Geldmenge schwankt aber eben der "Wert" des Geldes.
Wenn das Geld von alleine mehr Wert wird, dann werden alle darauf sitzen und versuchen es möglichst spät auszugeben.
Dadurch ensteht eine Geldknappheit wodurch das Geld noch mehr "Wert" wird.

Würden sie heute ein Auto kaufen, wenn sie es in einem Monat um 2000€ billiger bekommen würden?

Tiannanmen
00

>> Steigt der Bedarf an Geld werden mehr Kredite aufgenommen -> die Geldmenge steigt.
Oder wenn die Geldmenge fix ist, steigt der Preis (=Zinsen)

>> Sinkt der Bedarf an Geld werden eben weniger Kredite aufgenommen -> Die Geldmenge sinkt.
Die Geldmenge sinkt nicht nennenswert (wenn überhaupt). Sehen Sie sich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte an.

Der Geldwert war in den letzten Jahrzehnten nicht stabil, deswegen verlieren USD, EUR usw. laufend an Wert (offiziell 1-3% p.a.; es gibt Institutionen die behaupten deutlich höheres)

>>Würden sie heute ein Auto kaufen, wenn sie es in einem Monat um 2000€ billiger bekommen würden?
Ja, wenn ich es brauche. Siehe Entwicklung im Elektronikbereich der letzten Jahre

Solemnly Somnabulating Soliloquist
12
deshalb gibt es auch scheinproduktivität

verschrottungsprämie
suvs statt normaler autos
designerküchen
architektenhäuser
thermische sanierung nur mit kredit

der ganze klimawandelschmäh soll wachstum schaffen. ein funktionierendes abgeschriebenes kohlekraftwerk bietet kein wachstum. deshalb muss man es beseitigen über co2-zertifikate.

franz der freie
 
10
designerküchen , kreditfinanziert für frauen, die eh nie kochen gelernt haben.

ist nur noch zu toppen mit: solarmodule mit 10 jahren lebensdauer und einem ungewissen roi , der wesentlich länger ist.

der kandidat palantine
08

aus der zinsdynamik ergibt sich die notwendigkeit eines exponentiellen wirtschaftswachstums. die vermögen wachsen ja durch den zinseszins exponentiell, um dieses wachstum realwirtschaftlich abdecken zu können, müsste also auch die wirtschaft exopnentiell wachsen. exponentielles wachstum ist jedoch eine katastrophe für die globale ökologie. nun wird dieses wirtschaftsmodell seit einigen jahrzehnten praktiziert und man kann klar erkennen, in welcher Lage wir sind: zunehmende ungerechtigkeit zw. arm und reich, ausbeutung der natur, klimawandel, verbrauch von ressourcen in einem atemberaubenden ausmaß, .....
und das sind nur die materiellen ergebnisse, von der sinnlosigkeit des kapitalistischen wertesystems ganz zu schweigen.

sotho talker
 
03
wirtschaft ist kein selbstzweck, wirtschaft ist ein werkzeug

welches wir menschen verwenden. wie jedes werkzeug ist hat es einen entwicklungsprozess hinter sich und einen verbesserungsprozess vor sich.

das werkzeug wirtschaft hat den zweck der bedürfniserfüllung für soviele menschen wie möglich.

wir haben einen prozess der sich wissenschaft nennt mit der methode des kritischen rationalismus. wenn ein werkzeug nicht so funktioniert wie es soll (und das tut unsere wirtschaft offensichtlich nicht) dann muss man sich auf den hosenboden setzen und schauen wie man es verbessern kann.

es wird immer gern als argument gebracht das perfekte werkzeug sei unmöglich.
das bezweifelt auch keiner, aber zu behaupten das werkzeug sei perfekt wenn es so offensichtlich nicht richtig funktioniert ist reine ideologie.

Thales1
00
31.5.2011, 23:30
Gähhhn!

Schulmeister (WIFO) schreibt seit Jahrzehnten darüber: "Aus nix wird nix" oder die makroökonomischen Zusammenhänge zwischen Real-,
Geldwirtschaft und Inflation; Fixer Bestandteil jeder Lehrveranstaltung Economics 101.

lessismore
00
31.5.2011, 21:48

Oder, Zins ist die Prämie, die man Geldbesitzern dafür bezahlen muß, daß sie darauf verzichten, liquide zu sein.

Könnte man überlegen ...

Reich sein muss sich lohnen!
00
31.5.2011, 23:35

Hier geht es nicht um die Rechtfertigung von Zinsen sondern um deren Auswirkung.

lessismore
00

Yo, die Auswirkung ist dann die, daß die Welt in ihrem eigenen Reichtum ertrinkt. Das nennt man die Liquiditätsfalle.

okami
00
31.5.2011, 22:34
Klingt nur vordergründig einleuchtend.

Wer nicht ausreichend liquide ist, kann es sich gar nicht leisten Geld herzuborgen. Also wird überflüssige Liquidität (nettes Wortspiel) zum vermehren des Geldes, der zukünftigen Liquidität, eingesetzt.

Aber wie schon im Artikel ausführlich steht: was, wenn dadurch kein Mehrwert geschaffen wird?

lessismore
00

Wenn Sie mit "Mehrwert" Produktivität meinen, dann gibt es kein Problem, denn die Produktivität steigt und steigt. Man sieht also schlecht, woher die Krise kommen soll.

okami
00
Mehrwert ist noch nicht Produktivität!

Mehrwert ist, wenn ich ein zweites Montageband errichte und damit doppelt soviel produziere.

Produktivität ist, wenn ich das erste Montageband umbaue und damit 1,5 mal so viel produziere.

Ja, die Produktivität steigt insgesamt, aber in welchem Zusammenhang zu ausgeborgtem Kapital und den daraus folgenden Zinszahlungen?

Der Absatz der Produkte hängt auch davon ab, dass sie jemand kaufen kann. Das Lohnvolumen um Produkte herzustellen hat also einen Bezug zu dem eerforderlichen Volumen an Erlösen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

NirvanArchie
00
die produktivität steigt schon

als direkte konsequenz aber auch die arbeitslosigkeit.
die grundfrage bleibt die nach dem system: warum muss man menschen dazu zwingen, ihre lebenszeit mit tätigkeiten zu vergeuden, die von maschinen besser, schneller und günstiger erledigt werden können? wäre es nicht sinnvoller, nach lösungen zu streben, die den nachhaltigen umgang mit begrenzten ressourcen und parallel dazu die möglichkeit zur menschlichen entfaltung (bei gesicherten existenzbedingungen) anstreben? warum sich an ein system klammern, in dem leute von ihrer sinnlosen arbeit krank werden, sie aber net sein lassen können weil wir brauchen ja die kohle fürs nächste ay-phone?? nature is a dictatorship: gehen luft, H2O, ... aus weil im konsum verbraten schauma bled aus da wäsch

Heefcleeve
01

In einem reichen Land, das über einen sehr hohen Kapitalstock verfügt, hat aber jede zusätzliche Investition notwendigerweise eine niedrige Grenzleistungsfähigkeit, sprich die Rendite geht unter Umständen sogar gegen null.
Grob fährlässig ist es, wenn die Politik sich nun als Anwalt der Rentiere aufspielt: “Die Renditäää ist sichäää!!!”
Anstatt klinisch-totem Kapital das Sterben zu Erleben, wird es immer wieder aufs Neue "gerettet". In einem kollektiven Ritual werden die Zombies - mit staatlichen Krücken - wieder auf die Beine gestellt, damit sie sich zum nächsten Debakel weiterschleppen können.

lessismore
00

Wenn das wirklich etwas bedeutet, "reiches Land", "hoher Kapitalstock", d.h., nicht nur eine dogmatische Annahme über den sinkenden Grenznutzen wiedergibt oder sagt, daß uns eben im Moment nichts Gescheites einfällt -- dann hat der Kapitalismus seine historische Mission erfüllt.

okami
00
31.5.2011, 18:42
Was ich damit sagen will:

In dem Artikel sind ein paar grundlegende Erkenntnisse berücksichtigt, die von wirtschaftlichen 'Experten' aufgrund ihres beschränkten Expertenblicks nicht mehr wirklich wahrgenommen werden.

Nebstbei ergibt sich daraus auch zwingend, dass Eigenvorsorge statt Umlageverfahren nicht funktionieren kann:

Es kann sich jeder von seinem Versicherungsberater ausrechnen lassen, wieviel er per Lebensversicherung ansparen muss, um dann eine zusätzliche Pension von z.B. 1000.- Euro pro Monat zu bekommen. Das mal sieben Millionen (geschätzte Anzahl Österreicher) ist dann ein Haufen Geld, der gewinnbringend veranlagt werden will und gleichzeitig wird um diesen Betrag nichts gekauft. Wie soll die (Real-!)Wirtschaft diesen Mehrwert erzeugen?

her wig
00
31.5.2011, 20:25

Es steht dann eine grosse Menge an Investment-Kapital zur Verfügung -- das ist das was in Europa im Vgl. zu den USA viel weniger vorhanden ist, weswegen es z.B. Internet-Startups in den USA leichter haben. Man braucht allerdings tatsächlich eine verstärkte Innovation, um den Mehrwert zu erzeugen.

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