Der Mechanismus hinter dem regelmäßigen Scheitern unseres Wirtschaftssystems aus der Sicht eines Nicht-Ökonomen
Die Wirtschaftskrise ist ein Dauerthema der letzten drei Jahre, oft kommentiert und analysiert, allerdings naturgemäß von Ökonomen, und meist nicht auf einer fundamentalen Ebene, die das System selbst in Frage stellt. Die freie Marktwirtschaft erfordert beständiges intensives Wirtschaftswachstum - doch wieso eigentlich? Und wo liegen die Grenzen dieses Wachstums?
Warum unser Wirtschaftssystem derzeit nicht funktioniert, hat der Volksmund in griffige Worte gekleidet: "Von nix kommt nix."
Sämtliche Güter und Dienstleistungen, denen Geldeswert gegenübersteht, müssen auch real erzeugt werden. Geld als solches ist Tauschmittel und allein "das Versprechen auf das Erbringen einer Leistung", aber niemals die Leistung selbst! Alle folgenden Überlegungen sind inflationsbereinigt zu verstehen.
Geld hat zwar einen Preis - den Zins - aber es "arbeitet" nicht, jedenfalls nicht von allein!
Um das zu illustrieren, betrachten wir den Naturalzins, wie er beim Verleihen von Saatgut schon vor Zeiten üblich war. Der Verleiher erwartete nicht nur das Getreide zurück, das er verborgt hatte, er wollte auch den Ertragsausfall abgegolten haben, der ihm entstand, weil er das Getreide nicht selbst aussäen und ernten konnte. Ein Zinssatz von 50% war so durchaus erzielbar, denn Getreide als Saatgut ist mehr als produktiv genug, um diese Rendite real zu erwirtschaften. Besaß der Verleiher mehr als er anbauen konnte, profitierten bei einem vernünftigen Zinssatz beide Seiten.
Der Österreicher Eugen von Böhm-Bawerk hat viel später das Wesen des Zinses in einer systematischen Weise analysiert und begründet. Er erkannte, dass der Zins realwirtschaftlich nur eine einzige Rechtfertigung hat: die Produktivitätssteigerungen, die durch Investitionen mit geliehenem Geld erzielbar sind!
Nachhaltiges Wirtschaften
Marktmechanismen führen dazu, dass Geld als "knappes Gut" einen höheren Preis erzielen kann, als durch die realisierbaren Produktivitätssteigerungen gerechtfertigt wäre. Schuldner brauchen Geld wie ein Drogensüchtiger den nächsten Schuss, Ökonomen werden uns erklären, dass der Zins als hartes Selektionskriterium sinnvoller Investitionen auch unabdingbar sei - doch das kann alles nicht über eine fundamentale Tatsache hinwegtäuschen:
Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, dass zu jeder Zeit der gesamten Zinslast existierenden Kapitals auch ein Mehr an realen Gütern und Dienstleistungen gegenübersteht!
Da Kapitalgeber bereits das Vermögen besitzen, um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen, erzeugen Kapitaleinkünfte nur zu einem geringen Maß zusätzlichen Konsum, sondern werden üblicherweise re-investiert, im schlimmsten Fall zur Gänze - und dieses Geld will neuerlich verzinst werden.
Das Problem dabei: Wenn sich Kapital mehr Rendite erwartet, als ihm realen Werte durch Ertrag der Investitionen gegenüberstehen, dann muss der Fehlbetrag als Geldwert (= Schuld) irgendwie "entstehen" (= reales Geldmengenwachstum) - was auf die Dauer nicht möglich ist.
Schuldenkrise? - Produktivitätskrise!
Die freie Marktwirtschaft hat immer dann gut funktioniert, wenn die Steigerung der Produktivität ausreichend war, um die Zinslast zu tragen. Stürmischer technologischer Fortschritt oder auch der Wiederaufbau nach einem Krieg sind Beispiele, wo das System in der Lage ist, eine Verbesserung des Lebensstandards für breite Bevölkerungsschichten zu gewährleisten. Kapitalgeber erzielen eine befriedigende Rendite, Investitionen finden primär direkt zur Produktivitätssteigerung statt, die Kaufkraft steigt adäquat zur zusätzlichen Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen - ein "Wirtschaftswunder", das eigentlich keines ist.
Die aktuelle Krise hat ihre Ursache in nicht realisierbaren Rendite-Erwartungen sowie in der Tatsache, dass dem globalisierten Kapital kein geeignetes Regulativ gegenübersteht, um noch effektive Finanzpolitik zu betreiben. Sie ist ebenso eine Krise der Produktivität wie eine Krise der Gier! (Leser-Kommentar, Jürgen Wallner, derStandard.at, 31.5.2011)
Autor
Dipl.-Ing. Jürgen Wallner, geboren 1972 in Krems an der Donau,
EDV-Ausbildung in der HTL St. Pölten, Studium der Technischen Physik an
der TU-Wien, seit 12 Jahren als Software-Entwickler tätig.