Mladic und die Heuchler

Paul Lendvai, 30. Mai 2011, 18:50

Die Verhaftung von Ratko Mladic kann nur der Anfang und nicht das Ende einer schmerzlichen, aber unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein

In den nächsten Tagen und Wochen dürften viele hochrangige, wenn auch meistens schon pensionierte Offiziere und Geheimdienstler, Politiker und Beamten von Belgrad bis Washington über all das stolpern, was sie jahrzehntelang bei der angeblich emsig betriebenen Jagd nach General Ratko Mladic, dem "charismatischen Mörder" (so der kürzlich verstorbene Richard Holbrooke, Architekt des Dayton-Abkommens), unter den Teppich gekehrt haben. Der heute 68-jährige serbische Berufssoldat war laut erdrückender Beweise der Hauptverantwortliche für das schlimmste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: im Juli 1995 bei Srebrenica, wo rund 8000 bosnisch-muslimische unbewaffnete Männer und Jungen von den serbischen Soldaten unter seinem direkten Kommando erschossen wurden.

"Unser aller Schande", schrieb kürzlich zu Recht der deutsche Publizist Richard Herzinger in der Welt. In der Tat haben die Heuchler überall Hochbetrieb. Dass die serbische Regierung nach fast 16 Jahren den meistgesuchten (mutmaßlichen) Verbrecher des Kontinents endlich gefunden hat, soll laut manchen Schlagzeilen das Tor zur EU öffnen. Als ob eine längst fällige Festnahme des "Schlächters von Sarajevo" schlagartig die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kriterien für den EU-Beitritt ersetzen könnte. Man muss freilich den persönlichen Mut des Staatspräsidenten Boris Tadic anerkennen: Premier Zoran Djindjic war bekanntlich zwei Wochen nach der Auslieferung des von ihm gestürzten Slobodan Milosevic unter bis heute nicht ganz aufgeklärten Umständen im März 2003 bei einem Attentat getötet worden.

Nicht die relativ kleinen Protestdemonstrationen, sondern eher alle Umfragen in Serbien bestätigen, dass die Verhaftung (und hoffentlich baldige Auslieferung ) von Mladic nur den Anfang und nicht das Ende einer schmerzlichen, aber unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bedeuten kann. Niemand darf das betrübliche Ergebnis ignorieren: Mehr als die Hälfte der Serben sind gegen seine Auslieferung, mindestens 40 Prozent sehen ihn als einen Helden, und 78 Prozent wären nicht bereit gewesen, den Behörden Hinweise über seinen Aufenthaltsort zu geben.

Indessen berichten die Belgrader Blätter immer mehr pikante Details über seinen beinahe "normalen" Alltag im Untergrund, finanziert bis 2005 aus den nicht eingefrorenen Pensionszahlungen. Nicht nur befreundete Offiziere und Geheimdienstler, sondern auch der Rivale von Djindjic und langjährige serbische Premier Vojislav Kostunica sollen zumindest indirekt Mladic vor der Festnahme geschützt haben

Was wussten und taten seinerzeit die maßgeblichen führenden Kommandeure und Aufklärer der Nato-Truppen, die amerikanischen und anderen westlichen Geheimdienste? Und die Verantwortung der niederländischen Blauhelme, die sich 1995 bei der entsetzlichen Bluttat bei Srebrenica hilflos und beschämend zurückhaltend verhalten haben?

Freilich müssen nicht nur die Serben, sondern auch die Kroaten und Bosnier, genau so übrigens wie die Ungarn und Polen (so wie es die Deutschen und zum Teil auch die Österreicher seit der Waldheim-Affäre getan haben) die jeweils eigene unselige Vergangenheit aufarbeiten. (Paul Lendvai, STANDARD-Printausgabe, 31.5.2011)

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p c2
00
Als ob eine längst fällige Festnahme des "Schlächters von Sarajevo" schlagartig die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kriterien für den EU-Beitritt ersetzen könnte.

das wird dem naiven tadic überhaupt nicht schmecken.

und weiter geht das spielchen....

wie kann man nur so bescheuert sein und in die exakt gleiche falle tappen wie alle andern?

das wird ihn bei den nächsten wahlen den kopf kosten. - was widerum auch ganz gut ist.

Rose Bud
20
31.5.2011, 14:44
Die schlimmsten Nationalisten...

...sind die Serben, die Ungarn und die Türken.

Keiner von denen hat was in der EU verloren.

Christoph Baumgarten
21
31.5.2011, 16:07
Die Kroaten

bitte nicht vergessen. Bei all dem, was es an Widerlichkeiten in punkto Einstellungen in Serbien gibt - Kroatien ist es um nichts besser. Und hat sich auch während der Balkankriege um nichts besser verhalten.
Aber das Problem haben wir generell am Balkan: Das Narrativ praktisch aller Völker ist das des ewigen, unveränderlichen Opfers. Die Serben sind wenigstens gezwungen, das aufzuarbeiten. Spät aber doch. Mir fehlt der Druck auf die anderen. Es wird in jedem Fall Generationen dauern. Aber erst, wenn das passiert ist, wird es dort dauerhafte Stabilität geben.

Adolf Ogi
02
31.5.2011, 20:29
Griechen

Mazedonier, Bulgaren, Albaner, Rumänen, Slowaken, Tschechen, Polen, Ukrainer, Letten, Esten, Litauer, Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, Osseten, Tschetschenen, Abchasen, Russen, Tscherkessen, Juden, Volksdeutsche, Türken, Armenier, Zyprioten, Kärntner, und, und, und, nicht vergessen.

Adolf Ogi
21
31.5.2011, 13:53
Unterschied EU und USA

der Herr Mladic wird wohl nach Den Haag überstellt werden, bekommt dort ein faires Gerichtsverfahren, kann seine Sicht der Dinge noch einmal schildern und darf dann seinen Lebensabend in einer gut geheizten holländischen Zelle verbringen. Wäre er von den USA gefunden worden, hätten sie ihn wohl bei der Verhaftung "versehentlich" erschossen und die Leiche beim Rückflug zur Aviano-Airforce-Base in die Adria geschmissen.

Christoph Baumgarten
00
31.5.2011, 16:25
Nein

Sie hätten ihn schon ordentlich behandelt. Nur, wäre er Amerikaner gewesen, dem gleiches vorgeworfen wurde, er würde nicht nach Den Haag überstellt sondern in den USA vor Gericht stehen - und bestenfalls verurteilt werden.
Dass US-Amerikaner nicht vor den Internationalen Strafgerichtshof müssen, führt diese notwendige Einrichtung ad absurdum.

Igor Gassner
20
31.5.2011, 13:50
Den Waldheim mit dem Mladic

zu vergleichen ist ein starkes Stück

Christoph Baumgarten
00
31.5.2011, 16:21
Wieso?

Sicher, Mladic hat Kriegsverbrechen begangen und Waldheim nicht (persönlich). Nur, auch Waldheim war wissentlich in eine Vernichtungsmaschinerie verstrickt. Und wurde nachher zum Nationalhelden hochstilisiert. Bei Mladic läuft's ähnlich...

Radlerwahn68
01
31.5.2011, 09:18

Es würde zu dieser feigen Person Mladic passen, wenn er sich durch Suizid der Anklage entzieht! Wäre nicht der erste Massenmörder der nicht zu seinen Taten steht. Und die Heuchler in Serbien würden das noch al Märtyrertum sehen! Unglaublich wie Verblendet viele Serben noch sind!

Goran Markovic
00
31.5.2011, 12:03

Ich sehe das anders :
In Serbien wird Mladic gefasst und 3000 Maxerln demonstrieren.

Ich will aber garnicht wissen viele ungebildete Kosovoalbaner auf die Strasse gehen würden, würde Thaci verhaftet werden......

Und Serbien hat 4x so viele Einwohner wie der Kosovo.

Schönen Tag

-ATLAS-
00
31.5.2011, 17:51

und wieder das eigene gewissen einwenig zurecht gebogen.
"die anderen sind..."

Sepp Depp
44
31.5.2011, 08:48
falsche religion

wenn der mladic ein katholik waere, dann haette ihn der vatikan nach argentinien oder chile schicken koennen. aber als orthodoxer..... no way

Hans Müller1
 
01
31.5.2011, 11:54
hätt mich schon gewundert wenn es niemand geschafft hätte

einen Bezug zur Kirche/Religion herzustellen

Christoph Baumgarten
01
31.5.2011, 16:14
So hergeholt ist das nicht

Gerade am Balkan werden Ethnien nahezu ausschließlich über Religionszugehörigkeit definiert. Der Unterschied zwischen Bosniaken und Serben etwa lässt sich sprachlich kaum festmachen (noch weniger als zwischen Kroaten und Serben), der einzige Unterschied ist die Religion. Wenn man außerdem bedenkt, welche Rolle die kath. Kirche (Medjugorje) beim Zerfall Jugoslawiens gespielt hat und wie sehr sie genauso wie die serbisch-orthodoxe Kirche Nationalismen gezielt befördert hat, kann man den Bürgerkrieg durchaus auch als Religionskrieg definieren.
Und dass der Druck auf Kroatien wg. Kriegsverbrechern geringer ist, liegt auch am Vatikan...

NONE
34
31.5.2011, 07:44

Mladic muss der Prozess gemacht werden - keine Frage.

Aber, der NATO ebenso. Es ist mir unbegreiflich wieso sich die NATO für ihre Verbrechen nicht verantworten muss.

Walter Tiefenthaler
01
das sind doch die guten...

...und kohl und sein mickriger mitlaeufer mock, die das ganze durch die einseitige anerkennung sloweniens und kroatiens mitverursacht haben, werden hierzulande hoch geachtet. hinter all dem stecken auf allen seiten schreibtischtaeter, die presse erschreibt den unterschied...

der mann, der zuviel wußte...
12
31.5.2011, 11:19
Wofür denn?

Dafür, dass die NATO den Krieg in BiH und den Genozid im Kosovo beendet hat?
Dafür, dass sie in Afghanistan versucht, die Menschen vor dem Terrorregime der Taliban zu bewahren?
Dafür, dass sie uns alle davor bewahrt hat, dem Sowjetexpansionismus zum Opfer zu fallen?

Bitte lernen Sie Geschichte!

Christoph Baumgarten
01
31.5.2011, 16:16
Nanana

Der Genozid im Kosovo hat so nie stattgefunden. Der Genozid im Kosovo nach 1999 hat, zumindest wenn man nach neueren Definitionen auch Massenvertreibungen dazu zählt, messbar unter den Augen der UNO stattgefunden: 250.000 Menschen, ein Drittel der Einwohner beinahe, sind vertrieben worden: V.a. Serben, gefolgt von Roma und Bosniaken. Jetzt gibt's mit wenigen Ausnahmen einen ethnisch reinen Kosovo.

Warentester
12
31.5.2011, 01:43

"...dem "charismatischen Mörder" (so der kürzlich verstorbene Richard Holbrooke, Architekt des Dayton-Abkommens),..."

Holbrooke musste gerade reden. Wie es ihm nutzte, war er damals auch bester Kumpel mit Slobo, Mladic und Co. Wie auch vielen anderen gleichartigen Halunken weltweit, auf allen Kontinenten. Einer der weltweit größten Heuchler. Gegen den sind alle die Lendvai hier nennt und anspielt bestenfalls Bezirksliga.

Ewald Schubart
107
30.5.2011, 21:56
Pali bácsi schreibt !

" die Ungarn und Polen (so wie es die Deutschen und zum Teil auch die Österreicher seit der Waldheim-Affäre getan haben) die jeweils eigene unselige Vergangenheit aufarbeiten. (Paul Lendvai, STANDARD-Printausgabe, 31.5.2011)"

Und wann wird dieser Moralapostel seine Vergangen-
heit aufarbeiten.
Mit 23 Jahren Offizier der Blauen ÁVH , dann 1957
offizielle Ausreise und jetzt das "Gewissen " der
demokratischen Welt .
Vergogna !!

Will Lightbody
00
31.5.2011, 12:23

Welche Quelle haben sie?
Mit 23 wurde er verhaftet und mit einem Berufsverbot belegt.

lessismore
00
30.5.2011, 21:10

Was weiß Paul Lendvai?

Werner FROELICH
12
30.5.2011, 20:48
die Heuchelei haben nicht

Mladic
oder
Milosevic erfunden
wenn auch letzterer gut benutzt -
sondern das ist unserer taegliche Politik -
angefangen bei den USA
bis zu den Bezirkspolitikern in Kikeritzpatschn

CortoMaltese
00
30.5.2011, 21:01
der Heuchler und der Standard...

"Premier Zoran Djindjic war bekanntlich zwei Wochen nach der Auslieferung des von ihm gestürzten Slobodan Milosevic unter bis heute nicht ganz aufgeklärten Umständen im März 2003 bei einem Attentat getötet worden..." lächerlich.

Walter KURTZ
 
00
31.5.2011, 10:21

Naja, der Herr Lendvai wird eben alt - da spielt einem das Gedächtnis öfter einen Streich...
Daß Djindjic von der Mafia Truppe, die ihm beim Sturz von Milosevic einst geholfen hatte, ermordet wird, weil er zwei Jahre davor ebendiesen Milosevic ausgeliefert hat, ist schon sowas von absurd...

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