Die Verhaftung von Ratko Mladic kann nur der Anfang und nicht das Ende einer schmerzlichen, aber unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein
In den nächsten Tagen und Wochen dürften viele hochrangige, wenn auch
meistens schon pensionierte Offiziere und Geheimdienstler, Politiker und
Beamten von Belgrad bis Washington über all das stolpern, was sie
jahrzehntelang bei der angeblich emsig betriebenen Jagd nach General
Ratko Mladic, dem "charismatischen Mörder" (so der kürzlich verstorbene
Richard Holbrooke, Architekt des Dayton-Abkommens), unter den Teppich
gekehrt haben. Der heute 68-jährige serbische Berufssoldat war laut
erdrückender Beweise der Hauptverantwortliche für das schlimmste
Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: im Juli 1995 bei
Srebrenica, wo rund 8000 bosnisch-muslimische unbewaffnete Männer und
Jungen von den serbischen Soldaten unter seinem direkten Kommando
erschossen wurden.
"Unser aller Schande", schrieb kürzlich zu Recht der deutsche Publizist
Richard Herzinger in der Welt. In der Tat haben die Heuchler überall
Hochbetrieb. Dass die serbische Regierung nach fast 16 Jahren den
meistgesuchten (mutmaßlichen) Verbrecher des Kontinents endlich gefunden
hat, soll laut manchen Schlagzeilen das Tor zur EU öffnen. Als ob eine
längst fällige Festnahme des "Schlächters von Sarajevo" schlagartig die
rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kriterien für den
EU-Beitritt ersetzen könnte. Man muss freilich den persönlichen Mut des
Staatspräsidenten Boris Tadic anerkennen: Premier Zoran Djindjic war
bekanntlich zwei Wochen nach der Auslieferung des von ihm gestürzten
Slobodan Milosevic unter bis heute nicht ganz aufgeklärten Umständen im
März 2003 bei einem Attentat getötet worden.
Nicht die relativ kleinen Protestdemonstrationen, sondern eher alle
Umfragen in Serbien bestätigen, dass die Verhaftung (und hoffentlich
baldige Auslieferung ) von Mladic nur den Anfang und nicht das Ende
einer schmerzlichen, aber unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit bedeuten kann. Niemand darf das betrübliche Ergebnis
ignorieren: Mehr als die Hälfte der Serben sind gegen seine
Auslieferung, mindestens 40 Prozent sehen ihn als einen Helden, und 78
Prozent wären nicht bereit gewesen, den Behörden Hinweise über seinen
Aufenthaltsort zu geben.
Indessen berichten die Belgrader Blätter immer mehr pikante Details über
seinen beinahe "normalen" Alltag im Untergrund, finanziert bis 2005 aus
den nicht eingefrorenen Pensionszahlungen. Nicht nur befreundete
Offiziere und Geheimdienstler, sondern auch der Rivale von Djindjic und
langjährige serbische Premier Vojislav Kostunica sollen zumindest
indirekt Mladic vor der Festnahme geschützt haben
Was wussten und taten seinerzeit die maßgeblichen führenden Kommandeure
und Aufklärer der Nato-Truppen, die amerikanischen und anderen
westlichen Geheimdienste? Und die Verantwortung der niederländischen
Blauhelme, die sich 1995 bei der entsetzlichen Bluttat bei Srebrenica
hilflos und beschämend zurückhaltend verhalten haben?
Freilich müssen nicht nur die Serben, sondern auch die Kroaten und
Bosnier, genau so übrigens wie die Ungarn und Polen (so wie es die
Deutschen und zum Teil auch die Österreicher seit der Waldheim-Affäre
getan haben) die jeweils eigene unselige Vergangenheit aufarbeiten. (Paul Lendvai, STANDARD-Printausgabe, 31.5.2011)