Strategien und Konzepte

Schöner, neuer, medienkonvergenter ORF

Kommentar der anderen | 30. Mai 2011, 18:03
  • Artikelbild
    fotos: reuters, epa, dapd, orf; montage: korn

    Martin Zimper: Nur ein Sportteam für Radio, TV und Internet.

  • Artikelbild
    fotos: reuters, epa, dapd, orf; montage: korn

    Im angehenden "Age of Screens" werden Radio- und TV-Inhalte über verschiedene Kanäle konsumiert.

Vor bevorstehenden ORF-Generaldirektorenwahlen wird traditionell über Personen gesprochen, kaum aber über Strategien und Konzepte - Ein Debattenvorschlag zur Struktur und internen Organisation des Medienhauses

Wir stehen am Anfang eines neuen Medienzeitalters. Texte, Bilder und bedrucktes Papier haben das "Gutenberg-Zeitalter" dominiert: Bücher, Zeitschriften, Tageszeitungen, Prospekte, Flugblätter, Plakate, Druckmaschinen.

Im angehenden "Age of Screens" wird Alltag und Medienkonsum von Bildschirmen dominiert: große Flachbildfernseher im Wohnzimmer, daneben die "small screens" der Smartphones, Computer, Laptops, Tablets. Natürlich werden über Bildschirme auch Texte und Bilder aufgerufen und konsumiert, aber der Siegeszug bewegter Bilder und Soundtracks ist unaufhaltbar. Das Wettrennen um die Mediennutzungszeit gewinnen audiovisuelle Medien bereits heute: Radio und Fernsehen werden täglich stundenlang gesehen und gehört. Ein "Ende des Fernsehens" im digitalen Zeitalter ist nicht erkennbar.

Der österreichische Durchschnittsmensch sitzt gerne stundenlang vor dem TV-Bildschirm und rezipiert passiv seine zwei bis drei Lieblingssender, sagt die Statistik. Genauso intensiv hört er seine Lieblingsradiostation.

Neu ist, dass Fernseh- und Radioinhalte gerne mit anderen Freunden und Bekannten geteilt werden - nicht nur als Gesprächsstoff am realen Arbeitsplatz, sondern virtuell, in sozialen Netzwerken. Neu ist, dass man erwartet, die Inhalte zu jeder Zeit, an jedem Ort und auf allen Geräten und Screens, die man besitzt, abrufen zu können. Über den "long tail" erhalten so audiovisuelle Produktionen mehr Rezipienten als nur über lineare Ausstrahlung. Die online abrufbaren Inhalte werden über die Statusmeldungen sozialer Netzwerke "geshart" und kommentiert.

Neu ist der "second screen": beispielsweise ein Laptop oder TabletPC, den man gleichzeitig mit dem linearen TV-Konsum auf dem Heimsofa nützt und worüber man mit seinen Facebook-Friends verbunden ist, um ein Fußballspiel zu kommentieren, Quizfragen gemeinsam zu lösen oder zur Wahlberichterstattung zu chatten.

Vor diesem Hintergrund sind die Kernfunktionen des größten audiovisuellen Medienhauses des Landes, gleichzeitig eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation, wiederzuentdecken. Der ORF soll qualitativ hochstehenden österreichischen Content senden und online zur Verfügung stellen. Die Sendungen werden mehrheitlich von österreichischen Journalisten, Moderatoren, Künstlern, Designern und unabhängigen TV-Produzenten gestaltet. Das Programm stammt schon immer aus zwei Bereichen: Non-Fiction und Fiction.

Im Non-Fiction-Bereich liefert der ORF das aktuelle Geschehen in Österreich und einen österreichischen Blick auf die Welt: Radionachrichten, TV-Dokumentationen, Polit-Talkshows, Direktübertragungen von Events, Radio- und TV-Kommentare, Korrespondentenberichte, Interviews, Sportsendungen und Wirtschaftsberichte - all das mit einem klaren Blick auf Vielfalt, Ausgewogenheit und regionale Besonderheiten.

Im Fiction/Entertainment-Bereich liefert der ORF jene Formen und Inhalte, die das Fernsehen (ursprünglich auch das Radio) großgemacht haben: unterhaltsame Moderationen, Musik, österreichische Serien, Soaps, Sitcoms, Quizshows, Familienshows, Liveübertragungen aus Theater und Oper, Kabarett, Komödie, Kino- und Fernsehfilme aus allen Genres.

Management folgt Inhalten

Die Einteilung der Geschäftsleitung des ORF sollte diesem Muster folgen: eine medienkonvergente Direktion für Fiction/Entertainment, eine zweite Konvergenz-Direktion für Non-Fiction/News/ Sports/Docs, eine Finanzdirektion sowie eine neue Direktion für Relationship-Management (vor allem zu den Gebührenzahlern, aber auch zu allen gesellschaftlichen Gruppen, Firmen und Netzwerken, die von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt profitieren, sowie zum Werbe- und Personalmarkt). Die Landesdirektionen sind weiterhin für das regionale Radioprogramm, für das Bundesland-Fernsehfenster und lokale Online-Inhalte zuständig.

Die neuen Direktionen organisieren das gesamte Programm trimedial. Die audiovisuellen Non-Fiction- und Fiction-Programme werden nicht nur linear ausgestrahlt, sondern auch - soweit rechtlich möglich - nonlinear als Download/VoD oder Stream online zur Verfügung gestellt. Neue Formen der Zuschauereinbindung via Social Networks und "second screen"-Erlebnisse werden entwickelt. Warum die Fernsehsportredaktion vom Radiosportreporter und der Internet-Sportseite früher jahrelang getrennt war, wird man innerhalb kurzer Zeit nicht mehr verstehen.

Die tägliche Arbeit an dieser neuen Struktur würde Raum schaffen für personelle, inhaltliche, finanzielle und örtliche Veränderungen - aber aus dem Blickwinkel einer inhaltlichen Strategie und nicht aus dem Blickwinkel opportunistischer Politikspiele. Der Umbau braucht Zeit und benötigt die Zusammenarbeit des überwachenden ORF-Stiftungsrats mit der neu gewählten operativen Geschäftsleitung.

Im Übrigen: Aufsichtsorgane und Vorstand des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks SRF in der mit Österreich vergleichbaren Schweiz gehen diesen konvergenten Weg einmütig seit Jahresanfang. Warum sollte der ORF nicht folgen? (Kommentar der anderen/DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2011)

MARTIN ZIMPER ist Dozent für audiovisuelle Medien und leitet den Studienbereich "CAST" an der Zürcher Hochschule der Künste. Er ist Österreicher. Heute, Dienstag, stellt der ORF den Public-Value-Bericht im Rahmen des ORF-Dialogforums im Radiokulturhaus öffentlich vor.

Kommentar posten
13 Postings
paradiselost
00
31.5.2011, 16:27
bis auf die NT-gags

kann ich beim besten willen nix neues in diesen "ideen" entdecken. so wurden struktur und aufgaben des ORF schon vor 20 jahren und noch frueher definiert.

auch die euphorie, dass der ORF immer mehr zum nabel der kommunikation in privathaushalten und business werden wuerde, datiert aus jenen fernen tagen.

bisher hat die befreiung des ORF aus den faengen der politik immer nur dazu gefuehrt, dass andere politische stroemungen zum zug kamen. eine gesellschaft wie die hiesige, die fuer alles und jedes "beziehungen" etabliert hat, funktioniert auch auf der ebene der kommunikation nicht anders. das trauerspiel ist ist in den redaktionen so angesiedelt wie in franzi woprschaleks kleinfamilie: filz ist geil.

good luck & good night.

relatio subsistens
00
31.5.2011, 15:44
Zerstört den infamen ...

... ORF!

Kurt Bergmann1
 
01
31.5.2011, 14:22
ORF NEU GRÜNDEN !!!

Gscheiter Zimper. Der ORF muß tatsächlich neu gegründet werden, nur so kann man ihn aus den Fängen der Politik befreien. Drei Ziele.
1. Der ORF muß politische unabhängig werden, Parteien und Regierungen haben nichts mehr mit zu reden.
2. Der ORf muß wirtschaftlich unabhängig werden, wenn der Staat Gebührenbefreiungen beschließt, muß er sie auch zahlen.
3. Der ORF muß programmlich unabhängig werden, es darf kein Weisungsrecht der Geschäftsführung gegenüber den Programmmachern geben.
Gebt RUNDFUNKFREIHEIT, Sir!!!!!!

Unschuldsvermutung0
01
30.5.2011, 23:12
Kommt's, gründen wir den ORF neu!

Ideen gibt es genug, auch Geld, denn die Werbewirtschaft würde sofort umschwenken. Die fähigsten ORF'ler nimmt der Neue mit, der Rest samt Management, Betriebsräten und hochnäsigen Altvorderen soll bleiben wo er ist: In einer beschähmend in der qualitativen Abwärtsspirale hängenden Rundfunk- und Fernsehanstalt. Betonung auf "Anstalt".

Herbf
01
30.5.2011, 22:32
ORF-G lesen!

Wie, mit Verlaub, sollen "neue Formen der Zuschauereinbindung via Social Networks" funktionieren, wenn "soziale Netzwerke sowie Verlinkungen zu und sonstige Kooperationen mit diesen" gesetzlich verboten sind?

ganzimsueden
00
30.5.2011, 22:25

Die grundsätzliche Medienkonvergenz wäre allein im Internet schon durch das Entfernen der Silverlight- und Windows Media Player-Zwangsbeglückung um einiges verbessert.

Don Draper
00
30.5.2011, 20:22

naja, eine app wie die vom sf werden die nie zusammenbringen.

Mr. Bubbles
00
30.5.2011, 19:54

die wollen nur gis von jedem handybesitzer...

Captain Oglu
00
30.5.2011, 19:46
Schöne Worte, aber keine schlüssige Argumentation.

Darum hat's auch für den SRF-Direktorsposten nicht gereicht...
Es ist löblich, dass er die Bedeutung des Mediums Fernsehen korrekt einschätzt, beim Thema Multimedia folgt dann wieder der gequirlte Topfen. Wie relevant ist beispielsweise das beschriebene Szenario der simultanen Nutzung Fernsehen/Facebook in Relation zur klassischen TV-Nutzung heute bzw. in naher Zukunft? Konkrete Prognosen: Fehlanzeige. Wir erfahren nur, dass es "neu" ist. Hochinteressant.

Die neuen Formen der Zuschauereinbindung über "second screens" klingen innovativ, wurden aber bereits vor 11 Jahren (Taxi Orange) entwickelt.

Trimediale Redaktionen sind zweifelsohne en vogue, aber wir erfahren nichts über deren Vor- und Nachteile. Schlüssige Argumente? Fehlanzeige.

fröhn
00
30.5.2011, 19:36

prinzipielle zustimmung, nur leider nix neues. das klingt alles ein bisschen wie das mantra des "modernen" orf, stichwort: orf-academy. nur sind die beschriebenen entwicklungen leider keineswegs neu, sondern mittlerweile größtenteils gut 10 jahre abgehangen und etabliert. wer sich also zu einer zeit, in der fernsehen und radio längst unterabteilungen des leit- & metamediums internet geworden sind, mit "trimedialer" ausbildung am puls der zeit wähnt, hinkt in wahrheit mächtig hinterher. aber, so lange man nur der zeit und nicht der konkurrenz nachläuft, ist's ja noch nicht so tragisch :-)

Elettra
00
30.5.2011, 19:19
Gewaltige Worte

die in Windeseile von den eifersüchtigen Österreichischen Print- Medien in der Luft zerrissen werden.

Landen werden nur Papierschnippel, Konfetti
damit das Mediale Leichenhaus Österreich nicht so Traurig aussieht.

Unsere Politik darf sich was Schämen.

Peter Tastenwähler
00
30.5.2011, 22:07

Was hat Martin Zimper verbrochen, um von Ihnen gelobt zu werden?

Elettra
00
31.5.2011, 22:44

Er hat Herz

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.