Darminfekt stürzt Biobranche und EU-Minister in Sorge

30. Mai 2011, 17:43
371 Postings

Die Biobranche sei wegen EHEC zu Unrecht ins Gerede gekommen, hieß es bei betroffenen Händlern

In Deutschland griff die Erkrankung weiter um sich, in Ungarn berieten die EU-Agrarminister.

***

Berlin/Wien/Debrecen - Montagmorgen, Biomarkt Maran in der Wiener Kaiserstraße. Eine Dame mit Batiktuch im Haar steht zögernd vorm Gemüse. "Eigentlich hätte ich gern Radicchio gekauft. Aber ich weiß nicht", murmelt sie, "ob ich den wegen EHEC jetzt besonders gründlich waschen muss." Sagt's - und schwenkt in Richtung Fleischabteilung.

Rechts vom Salat liegen die Salatgurken, saftig dunkelgrün - und aus Italien, wie die Verkäuferin versichert: Das Preisschild samt Herkunftsangabe hält sie in der Hand. Margarethe Vavrik, eine weitere Kundin, ist dennoch misstrauisch. "Der Lebensmittelhandel ist so unübersichtlich, auch im Biobereich", meint sie.

Ware aus Sortiment entfernt

"Wir müssen jetzt sehr viel kommunizieren", sagt einige Stunden später Maran-Pressesprecherin Mareike Nossol. Die seit Samstagnacht verbreitete Nachricht, dass spanische Biogurken, -paradeiser und -melanzani aus 33 heimischen Biogeschäften entfernt wurden, bezeichnet sie als "misslungen". "Denn jetzt herrscht der Eindruck, dass Biogemüse besonders betroffen ist."

Dabei habe Maran-Inhaber Dennree - Deutschlands größter Biohändler - die Warnung, dass Grünware der EHEC-verdächtigen spanischen Firma Frunet auch nach Österreich geliefert worden war, intern bereits vergangenen Mittwoch weitergeleitet: "Daraufhin haben wir diese Ware aus dem Sortiment entfernt", schildert Nossol. Bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) bestätigt Sprecher Werner Windhager diesen Ablauf der Dinge.

Tatsächlich hatten in Wien, als Montagfrüh die Marktamtkontrollore kamen, bereits alle Biogeschäfte die verdächtigen Gemüsekisten entfernt. Nur in einem Fall war die Ware nicht vernichtet, sondern weggesperrt worden - die Lebensmittelaufsicht übermittelte eine entsprechende Probe zur Untersuchung an die Ages.

Auch in den anderen Bundesländern fanden Kontrollen statt. Sie würden beitragen, den EHEC-Keim aus Österreich fernzuhalten, sagte Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ). In Österreich selbst hat sich bisher noch niemand mit EHEC infiziert, den beiden positiv getesteten Deutschen geht es wieder besser.

Zwölf Tote in Deutschland

In Deutschland greift EHEC indes weiter um sich. Zwölf Menschen sind bis Montag am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das von EHEC-Keimen ausgelöst werden kann, gestorben. Rund 330 Menschen entwickelten bisher die lebensgefährliche Komplikation. Am Montag wurde erstmals auch ein Todesfall außerhalb Norddeutschlands gemeldet: In Nordrhein-Westfalen starb eine 91-jährige Frau. Zehn der zwölf Toten sind Frauen.

Zwar erklärte die Hamburger Universitätsklinik laut spiegel.de, dass weniger EHEC-Patienten eingeliefert würden, doch die Zahl der bestätigten oder Verdachtsfälle stieg auf 1200. Medien melden, Dialyseplätze in Kliniken würden knapp.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels beklagt mangelnde Kommunikation der Behörden. Man habe von EHEC erst über die Medien erfahren. Die Nahrungsmittelindustrie rechnet mit einem Schaden von 15 bis 40 Millionen Euro.

Märkteberuhigung in zwei Wochen

Auch Behörden in Norwegen meldeten am Montag, EHEC-Keime auf Gurken aus Spanien nachgewiesen zu haben. In Schweden wurden inzwischen 36 EHEC-Verdachtsfälle gemeldet. In Frankreich sind bisher drei Verdachtsfälle aufgetaucht.

Der Verkaufseinbruch auf den Gemüsemärkten war Hauptthema beim informellen Treffen der EU Agrarminister in Debrecen. Agrarkommissar Dacian Ciolos war optimistisch, dass die Schutzmechanismen greifen würden. Die Kommission geht davon aus, dass sich die Quelle der EHEC-Erreger in Spanien lokalisieren lässt. In diesem Fall hofft man auf eine Beruhigung der Märkte in zwei Wochen.

EU-Negativszenario

Im Hintergrund freilich war zu hören, dass man sich auch auf ein zweites, negatives Szenario vorbereitet: dass die EHEC-Erkrankungen nicht in Spanien, sondern in Norddeutschland ihren Ausgang genommen habe. Dann müsste man sich auf gewaltige Schäden am Gemüsemarkt einstellen. Hollands Minister Henk Bleker berichtete, dass die Gemüseexporte seines Landes nach Deutschland weggebrochen sind. Auslöser war die Warnung der deutschen Agrarministerin Ilse Aigner gewesen, kein ausländisches Gemüse zu verzehren. (Irene Brickner, Thomas Mayer, Gudrun Springer, DER STANDARD-Printausgabe, 31.5.2011)

  • Im Zentrum des Verdachts: die Gurke.
    foto: derstandard.at/lechner

    Im Zentrum des Verdachts: die Gurke.

Share if you care.