Racheszenen mit plakativen Schwächeanfällen

Ljubiša Tošić, 31. Mai 2011, 11:59
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    foto: apa/herbert pfarrhofer

    George Gagnidze (Rigoletto) war ein Spiegelbild der ambivalenten Regie: da intensive Spielkunst, dort opernhafte Klischees.

Premiere von Verdis "Rigoletto" bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien

Regisseur Luc Bondy verbindet in routinierter Manier Tragik und Komik zu solidem Musiktheater.

***

Wien - Bei einem Sympathie-Contest wäre ihm einer der finalen Plätze sicher: Als Virtuose der kaltherzigen Verhöhnung präsentiert sich der clowneske Rigoletto, der (an den Batman-Kontrahenten Pinguin erinnernd) in einen Salon hereintorkelnde Greise piesackt und karikiert. Seine Gehabe scheint ein in Unterhaltungskunst verwandelter Hass, der aus ihm nur entweicht, so ihn die Sorge um Gilda packt, sein Töchterchen, das sich in Rigolettos herzöglichen Herrn verguckt hat.

Auch am Schluss, wenn sich der zerzauste Rigoletto über die dahinblutende Tochter beugt (und sie kläglicherweise noch ein bisschen herumführen muss), ist er kein Fall fürs Mitleid. Rigoletto ist da ein faustballender Verzweifelter, der womöglich weiter versuchen wird, Rache zu üben. Bei dieser Inszenierung ist indes nicht klar, ob der finale Figurenzustand ein bewusst gestalteter ist und suggerieren soll, hier würde es in einer Art Rigoletto II mörderisch weitergehen. Oder ob eine von der Regie verlassene Figur einfach zu gestischen Opernstereotypen Zuflucht nahm.

Man ist geneigt, Letzteres anzunehmen. Verfügt George Gagnidze (als Rigoletto) bei seinem Porträt des zerrütteten Zynikers zwar über eine beachtliche Palette an Ausdrucksvaleurs (durchaus auch vokal), so landet er in entscheidenden Momenten der Tragödie doch bei darstellerischen Klischees. Überhaupt pendelt diese Inszenierung - zunächst in ein düsteres Mauerlabyrinth, dann in ein über einem Gasthaus gelegenes Häuschen postiert (Bühnenbild: Erich Wonder) - gerne zwischen einigermaßen dichter Theatralik und Leerlauf.

Giovanni-Puppe

Da wird es sogar witzig, wenn der Herzog Gilda (Chen Reiss steigert sich zu beachtlicher Koloraturkunst) aufsucht und so pfauenhaft wie lächerlich an der Anbahnung einer Liaison arbeitet. Bondy lässt ihn als eine Art Giovanni-Puppe eine Verdi-Oper lang Triebstau zelebrieren. Und da Tenor Francesco Demuro seine Töne mit Schmelz ausstattet und bisweilen mit Spitzentönen punktet, wird er zum erfrischenden Kalauer einer Inszenierung, die auch an die Mailänder Scala und an die New Yorker Met ziehen wird.

Da Bondy die Geschichte (verlegt ins 19. Jahrhundert) einfach laufen lässt, muss er bezüglich inszenatorischer Intensität indes auch auf die unterstützenden Kräfte des Stücks an sich hoffen. Ob nun die Momente der Zweisamkeit (Rigoletto und Tochter) oder die zu Gildas Tod führende Verwechslung im Milieu Maddalenas (solide Ieva Prudnikovaite) und Sparafuciles (souverän Gabor Bretz), den Rigoletto beauftragt, den Herzog zu ermorden - hier ereignet sich Tragfähiges quasi fast von selbst. Allerdings bleiben die Schwächeanfälle der Produktion unvergessen.

Das RSO Wien unter Omer Meir Wellber kommt dem Ganzen solide zu Hilfe. Ein paar klangvoll-intimen Momenten stand kurzatmig-resche Dynamik gegenüber, die bisweilen Sänger zudeckte. Der Schönberg-Chor hingegen klang überpräsent, übertönte sogar das Orchester. Es gibt wohl geeignetere Opernorte für Rigoletto. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Mai 2011)

1., 3., 5. Juni, 19.30

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
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Alfredo E. Newman
14

ich war froh, als endlich Pause war und gehen konnte.

grizabella
 
10
31.5.2011, 14:47
Luc Bondy

soll angeblich schwer krank sein und die Inszenierung
mit letzter Kraft, auf einer Bahre liegend, zu Ende geführt haben. Das würde manches erklären, hätte man dem Publikum aber mitteilen müssen.
Weiß jemand Näheres ?

Giuseppe Verdi
01
31.5.2011, 22:28
warum hat er die regie dann nicht abgegeben?

???

romero69
62
31.5.2011, 10:45
GRANDIOS!!!

Ich fand es UNGLAUBLICH gut!!! Das Publikum hat 2 Stunden 40 min die Luft angehalten da es spannend wie ein Krimi insziniert wurde. Auch einige komoediantische Szenen, die nicht zu aufdinglich lustig wurden. Perfekt!

Das Buehnenbild war ganz ok, aber nicht ueberwaeltigend. Gerade richtig fuer diese Oper wuerde ich sagen, da es einen netten Kontrast zu den grossteils huebschen Kostuemen der Nebendarsteller gab.

Alles in allem - EIN GENUSS!!!

NoneSolo
02
30.5.2011, 23:48
Duca mit Schmelz, beachtliche Gilda u.s.w. ???

Dazu nur so viel: Ich habe vor knapp einem Monat an der Volksoper eine Rigoletto-Aufführung erlebt, die musikalisch wesentlich mehr zu bieten hatte ...

Maria Gugging
00
31.5.2011, 07:49

Sie meinen die deutschsprachige Version?!

Robert Waloch
00
31.5.2011, 17:42
Gibt es an der Volksoper

mehrere Rigoletto-Versionen?

NoneSolo
02
31.5.2011, 08:26

Ja, meine ich. Und obwohl ich normalerweise kein Freund von "übersetzten" Opern bin, habe ich es in diesem Fall nicht als störend empfunden.

wizenstain
21
30.5.2011, 20:35
Bericht> Publikum

beinahe nach jeder arie gab es applaus und bravo-rufe. auch grosser schlussapplaus mit ein paar buh-rufen fuer regie und buehnenbild.
insgesamt hat es offenbar gefallen

Pierre d´Aubusson
01
30.5.2011, 21:23

Kann ich - zwar per Ö1 nur als Hörer dabei - bestätigen.
Mir hats auch ohne Bühnenbild gefallen.

Giuseppe Verdi1
03
30.5.2011, 20:25
akustischer eindruck....

...einfach erschreckend was da via orf ( fragwürdig die microfon technik) ins haus geliefert wurde.

das ist die zusammenarbeit der schiene wien - mailand ( später met opera)? die hörte sich seinerzeit bei karajan anders an.

wo sind denn die persönlichkeiten? der neue dirigent war doch gelinde geschrieben ein fiasko. sollte sich mal eine tullio serafin aufnahme anhören.

der stadtkultur ist nix "fremd" für unser geld - dem vernehmen nach bekamen sozialbedürftige am ersten kartenverkaufstag gratiskarten. das galt für diverse festwochenveranstaltungen.

das gute wien und seine stadtkultur!

Kontrahent1
01
31.5.2011, 12:16
Fast alles,

von der 'uralt Aufnahme' unter Erede bis zu Sinopoli hat mehr Schmiss und Schwung wie dieses 'Kurkonzert'.

Kontrahent1
02
30.5.2011, 19:40
Rein akustischer Eindruck aus dem Radio:

Einer der schwächsten Rigoletto, die ich je gehört habe. Orchester ohne Italinità mit eigentümlichen Tempi (Aktschluss 2 hat überhaupt nicht gezündet), das erste Duett Sparafucile/Rigoletto klang nach: 'Schönes Wetter heute, oder?' kein bißchen bedrohlich weil Herr Gagnidze in der Tiefe deutliche Grenzen zeigt, Herrn Demuros Intonisation war Glückspiel (das abgerissene 'c' wollen wir nicht werten). Einzig die Damen konnten mir gefallen. Es war doch bezeichnend, daß es nach der Auftrittsarie des Herzogs keinen Applaus gab. Da erschien mir dann einiges Bravogeschrei zum Schluß verdächtig. Aber vielleicht hat die Inszenierung ja diese hörbaren Schwächen vergessen machen können;-)

mezzofortist
21
31.5.2011, 12:28
Hilfe, die Experten kommen!

Die Cabaletta im 2. Akt ist in D, "La donna è mobile" in H-dur. Ein hohes c kommt nirgends vor. Aber das schöne Wort "Intonisation" beweist ohnehin ihre profunde Musik-Kenntnis!

Marcel Baum
11
31.5.2011, 13:03
So ist es

Ein paar wenige bauen sich die Kadenz um, damit sie ein C drinnen haben, aber die "Großen" haben das nie gemacht.

Verdi war stehts ein sehr zurückhaltender Verwender von sehr hohen Noten. Zumindest in seinen Originalpartituren.

Kontrahent1
10
Meine Erinnerungen

erstrecken sich 'life' von Bergonzi bis Pavarotti. An guten Abenden haben es ALLE gemacht!

Kontrahent1
00
31.5.2011, 12:38
Komisch nur,

daß es schon so oft zu hören war, oder nicht?

Robert Waloch
02
31.5.2011, 11:00
Wer sich erinnern kann

an Protti, an Bastianini, an Paskalis, an deren Rache-Duett, oder an die Maddalena-Besetzung mit Simionato, der wird Ihnen sicher zustimmen und um dieses Bondy-Produkt einen großen Bogen machen....

Kontrahent1
11
31.5.2011, 11:59
vor allem auch

der 'Zeffirelli-Traum' in Convent Garden in den 60ern. Da waren Bühne und Musik Eines!

mezzofortist
11
31.5.2011, 20:00

Welches Konvent war das genau, in dessen Garten Zefirelli da inszeniert hat?

Kontrahent1
00
Hatte früher immer eine Sekretärin,

da gab es weniger Tipfehler.

Robert Waloch
01
Und weiter gefragt: Zefirelli?

Ist das die richtige Schreibweise des Namens eines Regisseurs, der noch mit der Callas arbeiten durfte - etwa im Royal Opera House London/Covent Garden?

Kontrahent1
01
Jaja, habt ja alle recht!

Ich schäme mich auch in Grund und Boden aber wenn man spontan loshackt, passiert eben dann und wann so ein Fehler. Dafür schlägt manchmal auch ein Buchstabe nicht an;-)

Robert Waloch
00
Mein Zeffirelli-Vorwurf

richtete sich doch nicht gegen Sie....!!!

Optimist
00
...schliesslich sind sie (bist du) ja mein zweites ich

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