Premiere von Verdis "Rigoletto" bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien
Regisseur Luc Bondy verbindet in routinierter Manier Tragik und Komik zu solidem Musiktheater.
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Wien - Bei einem Sympathie-Contest wäre ihm einer der finalen Plätze sicher: Als Virtuose der kaltherzigen Verhöhnung präsentiert sich der clowneske Rigoletto, der (an den Batman-Kontrahenten Pinguin erinnernd) in einen Salon hereintorkelnde Greise piesackt und karikiert. Seine Gehabe scheint ein in Unterhaltungskunst verwandelter Hass, der aus ihm nur entweicht, so ihn die Sorge um Gilda packt, sein Töchterchen, das sich in Rigolettos herzöglichen Herrn verguckt hat.
Auch am Schluss, wenn sich der zerzauste Rigoletto über die dahinblutende Tochter beugt (und sie kläglicherweise noch ein bisschen herumführen muss), ist er kein Fall fürs Mitleid. Rigoletto ist da ein faustballender Verzweifelter, der womöglich weiter versuchen wird, Rache zu üben. Bei dieser Inszenierung ist indes nicht klar, ob der finale Figurenzustand ein bewusst gestalteter ist und suggerieren soll, hier würde es in einer Art Rigoletto II mörderisch weitergehen. Oder ob eine von der Regie verlassene Figur einfach zu gestischen Opernstereotypen Zuflucht nahm.
Man ist geneigt, Letzteres anzunehmen. Verfügt George Gagnidze (als Rigoletto) bei seinem Porträt des zerrütteten Zynikers zwar über eine beachtliche Palette an Ausdrucksvaleurs (durchaus auch vokal), so landet er in entscheidenden Momenten der Tragödie doch bei darstellerischen Klischees. Überhaupt pendelt diese Inszenierung - zunächst in ein düsteres Mauerlabyrinth, dann in ein über einem Gasthaus gelegenes Häuschen postiert (Bühnenbild: Erich Wonder) - gerne zwischen einigermaßen dichter Theatralik und Leerlauf.
Giovanni-Puppe
Da wird es sogar witzig, wenn der Herzog Gilda (Chen Reiss steigert sich zu beachtlicher Koloraturkunst) aufsucht und so pfauenhaft wie lächerlich an der Anbahnung einer Liaison arbeitet. Bondy lässt ihn als eine Art Giovanni-Puppe eine Verdi-Oper lang Triebstau zelebrieren. Und da Tenor Francesco Demuro seine Töne mit Schmelz ausstattet und bisweilen mit Spitzentönen punktet, wird er zum erfrischenden Kalauer einer Inszenierung, die auch an die Mailänder Scala und an die New Yorker Met ziehen wird.
Da Bondy die Geschichte (verlegt ins 19. Jahrhundert) einfach laufen lässt, muss er bezüglich inszenatorischer Intensität indes auch auf die unterstützenden Kräfte des Stücks an sich hoffen. Ob nun die Momente der Zweisamkeit (Rigoletto und Tochter) oder die zu Gildas Tod führende Verwechslung im Milieu Maddalenas (solide Ieva Prudnikovaite) und Sparafuciles (souverän Gabor Bretz), den Rigoletto beauftragt, den Herzog zu ermorden - hier ereignet sich Tragfähiges quasi fast von selbst. Allerdings bleiben die Schwächeanfälle der Produktion unvergessen.
Das RSO Wien unter Omer Meir Wellber kommt dem Ganzen solide zu Hilfe. Ein paar klangvoll-intimen Momenten stand kurzatmig-resche Dynamik gegenüber, die bisweilen Sänger zudeckte. Der Schönberg-Chor hingegen klang überpräsent, übertönte sogar das Orchester. Es gibt wohl geeignetere Opernorte für Rigoletto. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Mai 2011)