"Die Orangen des Präsidenten"

    30. Mai 2011, 18:46
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    In seinem zweiten Roman erzählt Abbas Khider vom Menschsein und Menschbleiben in Zeiten der Diktatur - Eine Buchrezension

    "Man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen", schrieb Franz Kafka 1904 an Oskar Pollak. Der zweite Roman des deutsch-irakischen Schriftstellers Abbas Khider "Die Orangen des Präsidenten" ist sicherlich so ein Buch. Es handelt vom irakischen Maturanten Mahdi Muhsin, der 1989 nichtsahnend und unschuldig in einem Gefängnis landet, wo er grausam misshandelt wird. Die Anklage, der Achtzehnjährige sei Mitglied einer illegalen kommunistischen Vereinigung, wird bald fallengelassen, Mahdi bleibt wird aus formalen Gründen trotzdem so lange gefangen gehalten, bis ein Umsturz im Land stattfindet und das Gefängnis von irakischen Soldaten befreit wird.

    Beklemmender Mikrokosmos

    Streckenweise liest sich Mahdis Geschichte wie ein detaillierter Folterbericht. Der Autor schont den Leser keineswegs, was angesichts des autobiographischen Charakters des Romans besonders beklemmend ist. Hungerleiden in allen Stadien, sadistische Wärter und unheilvolle Gruppendynamiken unter den Häftlingen bilden Mahdis Mikrokosmos.

    Dennoch, vom Beißen und Stechen allein kann bei diesem Buch keine Rede sein, wenn auch der Gefängnisalltag in seiner Absurdität und Hoffnungslosigkeit durchaus kafkaesk anmutet. Das Buch selbst ist auch unterhaltsam, heiter und von einer unbändigen Lebenslust durchdrungen. Quälende Passagen über das Dahinvegetieren in den Gefängnismauern wechseln sich ab mit poetischen Beschreibungen des Lebens in der Freiheit: Erinnerungen an Freundschaften, Taubenzüchter und andere obskure Gestalten, diverse Abenteuer und das abwechslungsreiche Leben in einer buntgemischten Umgebung lassen den Ich-Erzähler immer wieder von der Freiheit träumen.

    Kindheitsglück in Babylon

    Zunächst wächst Mahdi glücklich und behütet in Babylon auf, als einziges Kind eines Geografielehrers und der schönen, eigenwilligen Haiat. „Sogar die Auswahl des Fernsehprogramms zu Hause richtete sich nach meinen Zeichentrickserien", erinnert sich Mahdi später. Der erste Luftangriff des Irak-Iran-Kriegs bereitet der Idylle ein jähes Ende. Es folgen Monate im Kriegschaos, und als Mahdi neun Jahre alt ist, kommt sein Vater an der Front um, weil er sich, wie Mahdi später erfährt, in der Nacht eine Zigarette anzündet und mit der Glut die Aufmerksamkeit iranischer Scharfschützen auf sich lenkt.

    "Hinter der Sonne"

    Trotz dieses Verlustes ist Mahdis Teenagerzeit von vielen schönen und unvergesslichen Erlebnissen geprägt. Durch die Freundschaft mit den privilegierten englischen Geschwistern Rosa und Jack erhält der Junge Einblick in eine andere soziale und kulturelle Wirklichkeit: "Manchmal überkam mich der Neid, weil Jack ein Fahrrad besaß, einen eleganten Anzug und ein eigenes Zimmer mit allen möglichen Spielen. Ich dagegen verfügte über keinerlei außergewöhnlichen oder gar beneidenswerten Besitz." Die Freundschaft der drei Jugendlichen ist trotz zahlreicher Unterschiede in den Lebensweisen sehr solide und kulminiert in einer Liebesnacht mit Rosa auf der ersten berauschenden Party, die Mahdi in der Abwesenheit seiner Mutter veranstaltet. Am nächsten Morgen muss der inzwischen Achtzehnjährige jedoch erfahren, was der wahre Grund für Mutters Kurzreise war: Sie war ins Krankenhaus gegangen und erlag ihrer Krebserkrankung.

    So changiert Mahdis Erleben immer wieder abrupt zwischen Licht und Finsternis, aber erst im Gefängnis bekommt er die Realität des Regimes von Saddam Hussein in voller Härte zu spüren: „Hinter der Sonne ist in der irakischen Umgangssprache die Bezeichnung für Gefängnis, die treffendste Beschreibung für diese dunkle Seite der Welt."

    Das Geschenk des Präsidenten

    Aber selbst "hinter der Sonne" stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt, und so fiebern alle Insassen gleichermaßen dem Geburtstag Saddam Husseins entgegen, denn das ist der Tag, an dem der Diktator, sofern ihm danach ist, politischen Häftlingen die Amnestie erteilt. Die Hoffnung ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: „Es gab in Gefangenschaft nichts Schlimmeres als Hoffnung, da sie die Gleichgültigkeit, die man sich wie einen Panzer übergestülpt hatte, zunichte machte und alles Leid, alle Misshandlungen einen wieder schmerzten."

    Statt der ersehnten Amnestie bekommen die Insassen eine Kiste als Geschenk vom Präsidenten: "Der Deckel klappte zurück und die Welt, ja das gesamte Universum schrumpfte für uns auf die kleine quadratische Öffnung des Kartons zusammen [...] In der Kiste lagen, ordentlich aufgereiht, leuchtende, kräftige, saftige Blutorangen."

    Ein selbstbewusster Erzähler

    Versuchte Khider in seinem Erstlingswerk "Der falsche Inder" fast noch ein wenig verkrampft, sein Publikum zu unterhalten, so ist in "Die Orangen des Präsidenten" mittlerweile ein sichtlich gereifter und selbstbewusster Erzähler am Werk. Menschsein und Menschbleiben in Zeiten der Diktatur - nicht mehr und nicht weniger skizziert Khider in seiner gewohnt lakonischen Manier.
    Mit seinem Alter Ego Mahdi Muhsin verleiht der Autor den Millionen politischer Gefangenen weltweit, von deren Existenz man aus den Schlagzeilen weiß, deren Martyrium man sich aber lieber nicht vorstellen möchte, eine mächtige literarische Stimme, die es verdient, gehört zu werden. (Mascha Dabić, 30. Mai 2011, daStandard.at)

    Abbas Khider
    Die Orangen des Präsidenten
    Roman
    Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten

    ISBN 978-3-89401-733-0
    Erschienen März 2011

    Link:

    "Der falsche Inder"

    • Artikelbild
      foto: edition nautilus
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