Die feinen Akzente eines Grenzgängers

30. Mai 2011, 17:20
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Das Österreichische Filmmuseum zeigt die Filme des französischen Ausnahmeregisseurs Jean Grémillon

Wien - Kein in die Länge gezogener Blick, keine stille Beobachtung, die bereits viel über den anderen verrät. Das Erste, was Lucien (Jean Gabin) an Madeleine (Mireille Balin) bemerkt, ist seltsamerweise ihre zarte Hand. Eilig huscht sie über ein Telegramm und weckt dabei den Instinkt des als Frauenheld verschrieenen Fremdenlegionärs. Er bückt sich ein wenig, damit er das Gesicht der dazugehörigen Frau in Betracht nehmen kann. Ein ungerührtes Gesicht, das nichts von der Bestimmtheit des Telegramms verrät: Madeleine fordert Geld, zweimal bessert sie noch die Höhe der Summe aus.

Unlesbar in ihrem Ausdruck, unberechenbar in ihrem Verhalten wird diese Femme fatale bleiben und den Helden damit immer wieder vor den liebestrunkenen Kopf stoßen, um seine Obsession nur noch zu vergrößern. Schon der Filmtitel ist hinterhältig: Ausgerechnet Gueule d'amour (Lady Killer) - nach Luciens Spitznamen - lautet er, wo die (männliche) Kunst der Verführung hier doch völlig ins Gegenteil umschlägt: Aus dem so selbstsicher auftretenden Mann, der mit den Frauen aus der Provençe noch ein leichtes Spiel hatte, wird zuerst ein duldsamer Verliebter, später ein tobender Gekränkter, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Der Franzose Jean Grémillon drehte dieses faszinierend ambivalente Noir-Melodram 1937 als französisch-deutsche Koproduktion, nachdem er mit seinem dritten Film, La petite Lise, einem heute ob seiner experimentellen Verwendung von Ton gerühmten Drama, einen Riesenflop gelandet hatte und ins Ausland ausweichen musste. Die Episode mag eine Antwort darauf sein, warum man seinen Namen neben Jean Renoir, Marcel Carné, Jean Vigo oder Julien Duvivier vergleichsweise wenig kennt: La petite Lise kam mit seiner düster-elegischen Haltung, die den bald dominanten poetischen Realismus bestimmte, einfach zu früh.

Auch Drehbuchautor Charles Spaak, der mit etlichen Größen des französischen Kinos gearbeitet hatte, schwärmte über Grémillons stilistische Vielseitigkeit: "Vielleicht hatte Grémillon einfach zu viele Talente. Wäre es nur eines gewesen, hätte er es zu seinem Vorteil wenden können." Eines davon war jedenfalls die Musik: 1901 geboren, wollte Grémillon zunächst Komponist werden, ehe er in den 20er-Jahren als Cutter zu arbeiten begann und Dokumentarfilme realisierte. Mit Maldone drehte er 1928 seinen ersten Langfilm über einen Gutsherrensohn, der seiner Klasse entfliehen will und in tragischer Liebe zu einer Zigeunerin entbrennt.

Reflexive Note

Grémillons Werk näherte sich ästhetischen Moden immer nur tangential an. Seine während der Besatzung Frankreichs entstandenen Filme, Lumière d'été (1942) und Le ciel est à vous (1943), wurden sogar vom Vater der Nouvelle Vague, André Bazin, wegen ihrer Glaubwürdigkeit gerühmt. Remorques (Schleppkähne, 1941), einer seiner berühmtesten Filme, gab dagegen dem Pessimismus der poetischen Realisten eine ungewöhnlich reflexive Note.

Die großartige Szene, in der sich Jean Gabin und Michèle Morgan, das Traumpaar dieser Kino-Ära, ihre Leidenschaft füreinander in einem Strandhaus gestehen, lässt bereits eine gewisse Distanz zur Rolle erkennen. Er ist ein Kapitän, der sich am Festland vom Eheleben eingeengt fühlt; sie ist gerade ihrem Mann davongelaufen, der sie wie einen Matrosen herumkommandierte. Einen Moment lang leisten sie sich ihre Freiheit und blicken dabei verwundert auf sich selbst. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Mai 2011) 

Bis 17. Juni

  • Fatale Anziehung: Fremdenlegionär Lucien (Jean Gabin) verfällt der 
mondänen Pariserin und Femme fatale Madeleine (Mireille Balin).
    foto: filmmuseum

    Fatale Anziehung: Fremdenlegionär Lucien (Jean Gabin) verfällt der mondänen Pariserin und Femme fatale Madeleine (Mireille Balin).

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