Eine Geschichte des Fußballs oder auch nicht

Leserkommentar30. Mai 2011, 13:20
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Die Gründe des Platzsturms sind nicht nur im Frust über die diesjährige Saison Rapids zu suchen

Im Hanappi-Stadion wurde der Platz gestürmt, und der scheinbare Schock ist groß, die Reaktionen nicht überraschend. Manche sagen: "Eh klar, von diesem grünen G'sindl ist nichts anderes zu erwarten!", andere spinnen Verschwörungstheorien. Die immer noch neue Innenministerin fordert sofort ein Vermummungsverbot und erinnert damit an jene, die eine Helmpflicht für Radfahrende wünscht, sobald die Worte alkoholisierter Autofahrer, Unfall und Fahrrad in einem Satz vorkommen. Aber so wie im Standardforum gilt auch in der Politik: Irgendwie muss man auffallen, auch wenn's mit roten Stricherln ist.

Ein natürlicher Impuls in der Berichterstattung über diesen Vorfall ist freilich auch die Scham, dass die Bilder um die Welt gehen, man muss sich genieren, und das hat man in Österreich ja immer schon ganz gut gekonnt.

Ratlosigkeit, aber Konsequenzen muss es geben

Einig sind sich alle Nichtbeteiligten und direkt Betroffenen, dass sich etwas ändern muss, und zwar drastisch. Andi Marek hat in einem in der Öffentlichkeit seltenen Moment der Ehrlichkeit angezweifelt, dass seine oftmals so gerühmte beste Fanarbeit wohl doch nicht die beste war. Und natürlich kann man ihm Blauäugigkeit unterstellen, dass es nicht gut gehen kann, wenn ständig neue offizielle Fanclubs aufgenommen werden, die dann das Kammerl auf der West benutzen können, um ihre harmlosen Fahnen zu verstecken, die sich dann plötzlich als todbringende Bengalen entpuppen (war da nicht etwas mit Pyrotechnikverbot?). Und natürlich muss sich etwas ändern.

Der Blick nach außen

Jetzt wird oft ins Spiel gebracht: "Machen wir's wie in England." Die hatten Hooligans noch und nöcher, da hat man einfach den Alkohol im Stadion verboten, hat die Ticketpreise erhöht, und alles ist gut. Was man freilich nicht vergessen sollte, sind ein paar Kleinigkeiten: England ist fußballverrückt, im positiven Sinne. Die Stadien sind voll, das Interesse an dem Sport ist ehrlich und groß, allein die Berichterstattung eine andere Dimension. In Österreich muss man nicht orakeln, was bei einer deutlichen Erhöhung des Ticketpreises mit dem ZuschauerInnenschnitt passieren würde. Weil Fußball in Österreich nicht der Teil des österreichischen Alltags ist, der er gerne wäre, dafür haben viele Seiten gesorgt, unter anderem die sportliche.

Blicken wir nach Polen. Dort wird nächstes Jahr eine EURO ausgerichtet, und die Zustände sind in den Stadien fürchterlich, es vergeht kaum ein Spieltag ohne Zwischenfälle. Vor Ort wird rigoros durchgegriffen, Ausweiskontrollen, spezielle Züge für Fans der Auswärtsmannschaft, Polizeiaufkommen, etc. Der Erfolg ist leider gering. Die EURO wird trotzdem über die Bühne gehen, wahrscheinlich ohne Zwischenfälle, weil das Publikum ein anderes ist, allein wegen der Ticketverkaufstortur, pardon, Prozedur.

Fußball spielt in Polen eine ähnliche Rolle, wie in Österreich. Der sportliche Erfolg bleibt aus, das Verfolgen der Spieltage ist kein Vergnügen im engeren Sinn, und der Sport zieht mehr und mehr Leute an, die eine Plattform suchen, um zu Ventilieren.

Ein Ursachenforschung

Die Gründe des Platzsturms sind nicht nur im Frust über die diesjährige Saison Rapids zu suchen, das ist ein Katalysator.

Womöglich entlädt sich in diesen Ausschreitungen immer und immer wieder ein Frust über eine gewisse Ohnmacht, gegenüber dem Verein, aber auch gegenüber der Gesellschaft, den Lebensumständen, der Politik, der Obrigkeit, man denke nur an ACAB.

Man könnte dieses Problem bagatellisieren, es in die Hooligan-Schublade stecken, in einem Jahr die Kontrollen in den Stadien wieder auflockern und sich später wieder wundern. Oder es könnte einen Schulterschluss geben, das gemeinsame Bekenntnis, der Sache auf den Grund zu gehen, es nicht als singuläres Ereignis, sondern gesamtheitlich wahrzunehmen, und versuchen, das Problem tatsächlich zu lösen. Vielleicht findet dann auch jemand heraus, wieso diese Geschichten eigentlich nur im Fußball geschrieben werden. (Leser-Kommentar, Michael Kaczorowski, derStandard.at, 30.5.2011)

Autor

Michael Kaczorowski ist studierter Musikwissenschaftler und zurzeit bei der Ars Electronica als Festivalblogger tätig (http://new.aec.at/origin). Außerdem arbeitet er als Musiker (http://www.gelbgut.com und http://www.schiessbudentechno.com)
Privater Blog: Michi erklärt die Welt
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