Nora sehen, Monica trinken, Cordula kosten

31. Mai 2011, 16:38
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Sardinien in charmanter Damenbegleitung - und doch ganz anders als Silvio Berlusconi

Bunga Bunga? Um die Frage kommt schwer herum, wer Sardinien bereist. Die Unterstellung lässt sich so elegant wie dadaistisch kontern mit: Buio Buio!

Bunga Bunga dürfte sich anno 2011 selbst erklären (wer gerade von ein paar gänzlich medien- und smalltalkfreien Jahren hinter dem Mond zurückkehrt: Damenbesuch beim italienischen Medienmonopolisten und Ministerpräsidenten). Aber Buio Buio? Ein Fantasiename des Weinguts Cantina Mesa für ihre Monica, mit der sich Abende auch schön und deutlich weniger medienwirksam verbringen lassen.

Monica heißt eine der inseltypischen Rebsorten in Rot. Merke: Was der Sarde mag, dem gibt er gerne Frauennamen.

Ausgefranste Cordula

Einen ganzen Abend allein mit Cordula stellt man sich nicht ganz so schön vor. So nennt der Sarde ein Gericht, das der Osteriaführer als "geflochtene Zicklein- oder Schafsdärme" bezeichnet. Ein Selbstversuch des unerschrockenen Reisenden ergab: Die Darmflechtkunst auf Sardinien ist nicht ganz so elaboriert wie die Fingerfertigkeit, die man hier bei der Herstellung von Tapetti Sardi an den Tag legt. Diese Teppiche sind halt weit weniger zum Verzehr geeignet. Auch fordert Cordula viel Sinn für ausgefranste Speisen. Man muss diese Sardin nicht probiert haben.

Die Marotte mit den Frauennamen entwickelten die Sarden offenbar schon vor einer ganzen Weile, jedenfalls seit sie herausfanden, dass sie Sarden sind. Das kann uns Nora bestätigen.

Auf einer Landzunge liegt diese Nora im Süden Sardiniens bei Pula, mit drei Häfen, die den Zugang bei jeder Wetterlage erlaubten. Die Prachtlage erklärt, warum sich gerade hier schon die frühe Kultur der Nuraghen ansiedelte. Erst die Phönizier inspirierte das Plätzchen, der Insel ihren heutigen Namen zu geben, jedenfalls ist ihre Inschrift auf einer Stele das älteste Dokument darüber. Gediegene Mosaike und üppige Thermen zeugen davon, dass auch die Römer den Ort ganz schnuckelig fanden - bis ihnen Vandalen und Piraten Nora verleideten.

Sarden raus!

Das ersparte der Costiera Sulcitana um den Südwesten der Insel womöglich intensivere Zivilisierung wie an anderen Ecken der Insel. Und beschert Naturschutzgebiete, kurvigst-panoramische Küstenstraßen für Freunde der einspurigen Fortbewegung und lange Sandstrände. Im Hochsommer allerdings wohl auch gut besucht von den Bewohnern der nahegelegenen Inselhauptstadt Cagliari. Sarden raus!

Heute passiert das ganz freiwillig und hitzebedingt, unter der Herrschaft der Sarazenen galt der Ruf allerdings täglich zu Sonnenuntergang für das Regierungsviertel Castello, hoch auf einem Kalksteinrücken über der Stadt. Da wurde schon einmal ein später Sarde über die Mauer geworfen, heißt es.

Wer den Weitblick vom Turm des Elefanten oder des Heiligen Pankrazius sucht, einst zur Verteidigung der Oberstadt erbaut, sollte den Stand der Sonne im Auge behalten wie weiland die Sarden: Um 17 Uhr ist Schluss mit diesem Aufstieg. Bis man sich nach einem nur selten leichten Mittagstisch an der üppigen Ausstattung des Doms sattgesehen, die nur für den echten, alten Cinquecento beparkbaren Gassenschlitze erkundet hat oder die Nora-Stele im archäologischen Nationalmuseum besichtigt, da kann es längst zu spät sein für die steinernen Höhen.

Trost und weit mehr Grün rundum versprechen jene Wehrtürme, die schon die Nuraghen über die ganze Insel verteilt haben, noch ohne zu wissen, dass das Sardinien ist. Der Norden kommt dann post Berlusconi dran. Schon um uns blöde Fragen zu ersparen. (Harald Fidler/DER STABNDARD/Printausgabe/28.05.2011)

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