Einspruch Mladics gegen Auslieferung erwartet - Anwalt bringt Brief bei Gericht ein - Drei Richter werden entscheiden - Mit Video
Belgrad - Für den ehemaligen Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, beginnt am Montagnachmittag der Countdown in Belgrad. Die Überstellung an das Haager UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im eehemaligen Jugoslawien (ICTY) könnte theoretisch schon in der Nacht auf Mittwoch erfolgen. Wie die Dinge stehen, wird Mladic spätestens am Freitag im Haager Tribunalsgefängnis sein.
Am Montag um 17.00 Uhr läuft die Frist ab, in welcher Mladic gegen die Gerichtsentscheidung über seine Überstellung an das Haager Strafgericht vom vergangenen Freitag berufen konnte. Sein Anwalt Milos Saljic, ein einstiger jugoslawischer Militärrichter und Familienfreund, kündigte am Montag erneut an, dass er die Berufung vor dem Ablauf der Frist per Post zustellen würde. Nach Worten des Vize-Sonderstaatsanwaltes Bruno Vekaric würde dies bedeuten, dass die Berufung bis Dienstag 17.00 Uhr im Sondergericht für Kriegsverbrechen einlangen müsste.
Sollte es keine Berufung geben, muss der Gerichtsentscheid nur noch durch einen Auslieferungsbeschluss von Justizministerin Snezana Malovic bestätigt werden. Im Falle einer Berufung müsste darüber zuerst ein Berufungssenat entscheiden. Dies darf aber nicht länger als drei Tage dauern.
Die Behörden wollen den genauen Auslieferungstermin geheim halten. Belgrader Medien rufen die Überstellung des früheren bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic im Juli 2003 in Erinnerung. Er wurde mitten in der Nacht zum Belgrader Flughafen gebracht, um kurz nach 7.00 Uhr ins Gefängnis des UNO-Tribunals eingeliefert zu werden.
Die Polizisten, die Mladic zum Flughafen bringen werden, erhalten laut der Tageszeitung "Blic" im letzten Augenblick den Auftrag. Für den Flug nach Rotterdam wird laut Medienspekulationen wie im Fall Karadzic sehr wahrscheinlich eine Staatsmaschine zur Verfügung gestellt.
Keine Verantwortung
Mladic weist jegliche Verantwortung für das Massaker von Srebrenica von sich. "Er hat gesagt, (...), er habe nichts zu tun gehabt" mit dem Massaker an rund 8.000 muslimischen Männern und Burschen in der UN-Enklave Srebrenica in Bosnien 1995, sagte seine Sohn Darko nach einem Besuch bei seinem Vater im Gefängnis.
"Er hat so viele Frauen, Kinder und Kämpfer gerettet", sagte der Sohn. Sein Vater habe angeordnet, in Srebrenica "zuerst die Verletzten, die Frauen und in die Kinder in Sicherheit zu bringen, und dann die Kämpfer". Das Massaker sei vermutlich "hinter seinem Rücken" verübt worden.
Anwalt fordert neues Ärzteteam
Der Anwalt des Haager Angeklagten Mladic hat am Montag beim Belgrader Sondergericht für Kriegsverbrechen den Antrag auf Bildung eines "unabhängigen Ärzteteams" gestellt. Dieses solle den "wahren Gesundheitszustand" des Ex-Militärchefs der bosnischen Serben feststellen, erläuterte Milos Saljic seine Initiative. "Sein Gesundheitszustand ist alarmierend", erklärte der Jurist. Auch glaube er nicht, dass Mladic den Prozessbeginn vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) erleben werde. Bisher hatte es geheißen, Mladic sei aus ärztlicher Sicht gesundheitlich prozessfähig.
Die Berufung gegen die Gerichtsentscheidung, mit welcher die Überstellung Mladics an das UNO-Tribunal am Freitag genehmigt wurde, will der Anwalt am Nachmittag per Post zustellen.
Überstellt
Der 69-Jährige war am Donnerstag nach fast 16 Jahren auf der Flucht in einem serbischen Dorf verhaftet worden. Die serbische Justiz genehmigte am Freitag seine Überstellung nach Den Haag.
Mehrere tausend Personen drückten indes am Sonntag dem früheren Militärchef in seinem Geburtsort Kalinovik ihre Solidarität und Unterstützung aus. Die Kundgebung wurde vom Veteranenverband veranstaltet. "Ihr habt uns den Adler genommen, der Nest ist geblieben", lautete eine der Parolen bei der Protestaktion in dem Dorf im Südosten Bosnien-Herzegowinas. (APA/AFP)