Da kann man machen, was man will

29. Mai 2011, 20:59
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Barcelona demonstrierte im Champions League-Finale zu Wembley gegen Manchester United seine Macht - Eine Taktikanalyse

Manchester startete mit Vorteilen ins Spiel. Man betrieb sehr hohes Pressing bis zurück zum Torhüter, sprintete jedem Ball nach. Barca machte als Reaktion das Spiel enorm breit um bei diesem Tempo nicht zu stark unter Druck zu geraten und Manchester müde zu kriegen. So wurde das Spielfeld wirklich in seiner ganzen Länge und Breite ausgenutzt, aber auch das katalanische Kurzpassspiel kastriert. Die Blaugrana presste selbst bis ganz vor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis United dieses Spiel aufgeben musste.

Dieser Punkt kam nach 10 bis 15 Minuten und es gelang United danach kaum noch, es konzentriert und gezielt wieder zu aktivieren bzw. allgemein viele Spieler nach vorne zu bekommen. Eine der Situation, wo es doch gelang, war der Ausgleich zum 1:1 (34. Rooney). Sieben Spieler attackierten da bei einem Abidal-Einwurf den Gegner tief in der eigenen Hälfte, verschafften Rooney Platz und Anspielstationen. Rund um dieses Tor war noch eine gute Manchester-Phase zu sehen. Eine weitere in den Minuten nach der Pause.

Messi entfesselt

Die Briten versuchten, sich einigermaßen treu zu bleiben. Sie stiegen nicht etwa auf ein 4-3-3 um, um wie Real den Kampf ums Mittelfeld mit Barcelona zu führen. Das Abwehrverhalten war auch nicht konsequent darauf ausgelegt, Messi aus dem Spiel zu nehmen, was für Mourinho immer ein Hauptanliegen ist und auch ab und zu schon recht gut gelang.

Messi wurde von Vidic attackiert, nicht von Giggs oder Carrick. Die Beiden bewiesen schon gegen Schalke, dass sie hervorragend Pässe lesen können und sollten diese auch hier abfangen, statt Zweikämpfe zwischen den Stürmern und der Verteidigung zuzulassen. Die Mittelfeld- und Abwehr-Reihen Uniteds standen für diesen Zweck aber immer zu weit voneinander entfernt - Messi hatte Platz um sich einerseits in eine anspielbare Position zu begeben und andererseits den Ball auch annehmen und sich umdrehen zu können. Eine tödliche Mischung.

Das Problem lag darin, dass Xavi und Iniesta auf Giggs/Carrick zukamen und Busquets Rooney aus dem Geschehen zog. So entstanden 3 gegen 2-Situationen, in denen Barcelona die Reihen des Gegners auseinanderzog. Vidic konnte eben nicht immer antizipieren, wann sein Herauskommen gefragt war, musste in solchen Fällen ebenso wie sein Nebenmann Ferdinand einige brenzlige Tacklings riskieren.

Nicht weniger problematisch gestaltete sich das, wenn Messi sich zurück zog und Villa, Pedro oder einer aus dem offensiven Mittelfeldduo zwischen die Manchester-Reihen stieß. Diese Zone machte Manchester besonders nach dem Nachlassen des eigenen Offensivpressings im gesamten Spiel zu schaffen.

Wegen dieser zentralen Unterzahl kamen sie sogar innerhalb des eigenen Sechzehners manchmal nicht in die Zweikämpfe, wurden aber immer wieder gestreckt - etwa beim 1:0, als Xavi hinter das Mittelfeld kam, viel zu viel Platz vorfand um Meter zu machen, dabei wartete bis seine Mitspieler Messi, Villa und Pedro die United-Abwehr auseinandernahmen und dann den tödlichen Pass auf Letzteren zum Besten gab.

Selbst, wenn die beiden zentralen Mittelfeldspieler sich nicht zu weit von der Abwehr weglocken ließen, hatte Barcelona immer noch die Möglichkeit, sich nebeneinander aufzubauen und das Duo seitlich zu umspielen. So zu sehen beim 2:1, als die Xavi-Iniesta-Messi-Achse diesen Stunt vorführte, dem Argentinier ermöglichte, ein paar Schritte zu machen und aus 20 Metern abzuziehen.

Einer fehlt immer

Park versuchte in der Mitte auszuhelfen. Sein Arbeitspensum war wieder einmal beachtlich. Doch natürlich fehlte er dann an der Seite und Alves konnte sich einschalten um gemeinsam mit Villa Evra zu bearbeiten. Wenig anders ging es auf der anderen Seite Valencia. Gelang es doch einmal, alle zu decken, stach eben einer der Innenverteidiger auch noch in die Gegnerhälfte. So setzte sich die Kette fort. Irgendwo wurde immer versucht auszuhelfen, was Manchester aus der Formation riss und Räume an anderen Stellen auftat.

Wie das möglich war, da doch beide Mannschaften elf Spieler am Platz hatten? Die Ursache dafür war ganz vorne zu finden. Hernandez lauerte dort nur auf Bälle, hatte anscheinend keine defensiven Aufgaben in der eigenen Hälfte - und ab da bist du gegen Barças geduldigen, technisch brillianten, totalen Fußball halt immer einer weniger. Mourinho verdonnerte seine Stürmer gegen Barça deshalb zur Defensivarbeit und wurde dafür gescholten - Ferguson wollte sich vorne einen Joker bewahren, der aber nicht stach. Das Ergebnis gibt dem Portugiesen im Prinzip recht - aber Fergusons Selbstbewusstsein bescherte uns ein wesentlich attraktiveres Spiel.

Zum Leid des MUFC funktionierten einige reguläre Features ihres Spiels nicht. So kam über die beiden Außenverteidiger weder Druck noch Entlastung. Besonders eklatant war das links beim schwach spielenden Evra. Auf der Bank saß aber niemand, der sich an seiner Stelle auf dieser Position versuchen hätte können. Der Franzose versuchte zwar Vorstöße. Er hat aber in anderen Spielen oft eine wesentliche Rolle, den Ball in der Spieleröffnung zu führen. In dieser Partie war er aber nicht einmal anspielbar, wenn der Ball zurück zu Van der Sar kam.

Die Suche nach der Balance zwischen Breite und Enge

Ferguson forderte seine Mannen nach einer Situation, in der sein Keeper den Ball einmal mehr hoch wegschießen musste, sichtbar auf, das Spiel auszubreiten. Wenn man dem Offensivdruck von Barcelona standhalten will, muss man sich im Ballbesitz selbst etwas Zeit verschaffen - sie so auseinanderziehen, wie Manchester das am Beginn gelang. Die Engländer wurden aber zu sehr damit beschäftigt, die Räume bei Ballverlust eng zu machen.

Durch den bekannten Druck, den Barcelona da sofort ausübt, kam auch Carricks hochpräzises Passspiel nicht zustande, mit dem er gern die Flügel bedient. Selbst wenn er einmal die Zeit dafür gehabt hätte, brauchten Park und Valencia zu lange, um von ihren defensiv mittigen Aufgaben in die offensive Breite umzuschalten. Und gerade nach vorn ging wenig, weil Hernandez entweder gut gedeckt war oder im Abseits stand.

Die hohe Belastung limitierte auch die Vorstöße von Giggs merkbar. United gelang es nicht Dreiecke zu bilden Vorstöße fanden meist im Duo, damit in Unterzahl und etwas ausrechenbar statt.

Rooneys Rolle und die Frage nach der richtigen Formation

Auch Rooney arbeitete zwar viel, versuchte immer wieder das Spiel an sich zu reißen, doch es schien zu viel von ihm abzuhängen. Er diskutierte vor der Pause lautstark mit seinem Trainer über seine Rolle. Der wollte ihn tiefer stehen sehen. Rooney wollte möglicherweise Hernandez nicht noch isolierter vorne herumhängen lassen.

Die Frage, warum Ferguson ein Fünfer-Mittelfeld gegen den Ball haben wollte, aber dann nicht von Haus aus ein 4-5-1/4-3-3 mit Solospitze Rooney auf den Platz schickte (oder zumindest im Spielverlauf darauf wechselte), muss sich der Sir gefallen lassen. Damit wäre vielleicht auch das Problem mit der mangelnden Breite im Mittelfeld besser zu adressieren gewesen. Der alte Schotte forderte von Rooney im Prinzip, mehrere Positionen gleichzeitig zu spielen.

Mit Busquets hatte Rooney einen Spanier ohnehin gut aus dem Spiel genommen, aber andererseits auch einen aufmerksamen Bewacher. Der ließ es nicht zu, dass der Engländer trotz großem Bewegungsradius allzu viele Räume vorfand. Barças bewegliches Spiel macht es außerdem schwer, Lücken zwischen Reihen zu finden. Das ist eine Sache, die Rooney ansonsten besonders gefährlich macht.

Barcelona erhöhte nach einer Stunde noch einmal den Druck per Tempoverschärfung. United wirkte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz frisch. Das 3:1 war einfach eine Folge der Überlegenheit. Messis Solo konnte zwar noch abgeblockt werden, aber der Ball erreichte dank sofortigem Druck trotzdem Villa vor dem Strafraum. Dessen brillianter Schuss war weder zu verhindern noch zu halten (70.) und brachte im Prinzip die Entscheidung. United gab aber nicht auf.

Souverän zu Ende gespielt

Fabio musste kurz zuvor angeschlagen vom Platz. Für ihn kam Nani. Valencia übernahm die rechte Abwehrseite, der Portugiese den Platz davor. Schon davor hatte Ferguson den umtriebigen Park als Abräumer vor Carrick installiert, Giggs links rausrücken (zu sehen war das im ganzen Spiel immer wieder, jetzt wurde es zum permanenten Feature) und Rooney aufrücken lassen. Er wollte mit diesem Alles-oder-Nichts-4-1-3-2 an den Flügeln mehr Offensive. Unmittelbar nach dem 3:1 kam so auch ein Angriff zustande, den Rooney vom 16er nicht schlecht abschloss.

Zu einer richtigen Drangperiode kam es aber nicht, weil Barcelona mit zwei Toren Vorsprung natürlich überhaupt kein unnötiges Risiko mehr eingehen musste. Damit war das Latein der Briten am Ende. Als Carrick müde wurde (und mit einer Gelben Karte bedacht), wurde er durch Scholes relativ gleichartig ersetzt. Einen dritten Wechsel ersparte sich Ferguson gleich.

Manchester United spielte an diesem Abend im Wembley-Stadion also nicht ihren besten Fußball. Aber ob der gereicht hätte, darf man berechtigt bezweifeln. Barcelona bleibt nämlich schlichtweg ein Rätsel für die Fußballwelt, das selten geknackt wird. Die Mannschaft konnte ohne gröbere Ausfälle (Mascherano spielte anstelle von Puyol in der Innenverteidigung, aber das ist auch nicht mehr neu) in dieses Finale gehen, brachte ihr Programm ins Laufen und ihre Leistungsträger waren zudem in bestechender Form. Es war weniger ein Versagen Manchesters als eine beeindruckende Demonstration der Katalanen, die zum Ergebnis führten. (tsc, derStandard.at, 29.5.2011)

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    Alex Ferguson versuchte das Rätsel zu lösen, das Pep Guardiola der Fußballwelt stellt - die Rätselburg blieb abermals verschlossen

  • So legten die Mannschaften das Spiel über die längste Zeit an. Barca stand hoch und presste, United (in weiß) ließ sich nicht immer aber meist hinten reinpressen.
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    So legten die Mannschaften das Spiel über die längste Zeit an. Barca stand hoch und presste, United (in weiß) ließ sich nicht immer aber meist hinten reinpressen.

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