Festwochen

Im Häuschen und auf der Leinwand: "Der Kirschgarten"

29. Mai 2011, 17:45

Bei Kristian Smeds' Festwochen-Produktion Der Kirschgarten / Vysniµ Sodas hat das Publikum leider nicht Platz

Wien - Das Publikum ist ein nicht unerheblicher Bestandteil einer Theateraufführung. Bei Kristian Smeds' Festwochen-Produktion Der Kirschgarten / Vysniµ Sodas hat es aber leider nicht Platz. Spielstätte ist ein Gartenhäuschen in der Flüchtlingssiedlung Macondo in Simmering. In dieser von Regalen mit Gießkannen, alten Tennisschlägern oder Bananas-Schachteln gesäumten Hütte finden neben den Bein an Bein sitzenden elf Schauspielern nur mehr ein Dutzend Zuseher eine Sitzgelegenheit. Das Gros des Publikums folgt dem Geschehen auf einer in Nachbars Garten aufgestellten Leinwand - wie beim Open-Air-Kino.

Dass man sich dort nicht ganz dem Sommerkino überantwortet fühlte, dafür sorgten einerseits die spätabends kühlen Temperaturen sowie das "Smeds Ensemble", das hie und da aus der in Sichtweite stehenden Hütte herauspreschte, um sich seinerseits der Anwesenheit des Publikums zu versichern. Und auch dieses war um die wenigen Live-Theater-Krümel froh, die es dabei zugeworfen bekam.

Kamera-Einsätze sind am zeitgenössischen Theater natürlich vollkommen etabliert und berechtigt, solange sie künstlerische Beweggründe haben. Daran musste man bei diesem Kirschgarten allerdings zweifeln. Zwar hat der zweite Akt (Akt vier folgt heute im Schauspielhaus) in ein paar schönen Close-ups seinen filmischen Charakter zu legitimieren versucht, doch blieb die Kamera in dieser litauisch-finnischen Produktion generell ein logistisches Instrument: Denn die Übertragung auf Leinwand hatte keinen Wert generiert.

Dabei hätte das Naturareal für Tschechows Kirschgarten ein guter Schauplatz sein können. Dieses wurde bis auf eine platte und ungenaue Schlusspointe, die die Geschichte der aufgelösten Guerilla-Gärten Macondos mit der Auflösung des Adelsbesitzes kombinierte, nicht genützt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 30.5.2011)

IchbinIch5
21
30.5.2011, 08:22

Eine Frage, die sich mir aber schon stellt: Diese Inszenierung ist absichtlich in 2 Teile getrennt - und das Ende wird erst heute abend auf der Schauspielhaus-Bühne stattfinden, also sicher gänzlich anders sein als der Site-Specific 1. Teil. Warum erscheint dann schon jetzt eine Kritik? Über einen unfertigen Abend? Was soll das - ist das das neue Qualitätsverständnis? Erscheinen in Zukunft auch Kritiken über die ersten zwei Akte von Burg-Aufführungen, weil man auf die letzten zwei nicht mehr warten will? Fände eine Antwort wirklich spannend ... (auch wenn keine kommen wird!)

accuser
00
30.5.2011, 14:52
Wenn die Inszenierung derart in 2 Teile geteilt ist, wird die Rezension auch zweigeteilt erscheinen dürfen.

Ich bitte zu beachten, dass für den zweiten Teil noch dazu ein kleines Kartenkontingent als für den ersten zur Verfügung steht und ein Gutteil der Besucher, nur eben jenen ersten Teil zu sehen bekamen ohne Chance auf den zweiten.

Wenn das zumutbar und erwünscht ist von der künstlerischen Leitung (sofern überhaupt ein Gedanke aufs Publikum oder Stück oder die Idee eines "Theaterstücks" verschwendet wurde), dann ist auch eine Teilrezension legitim. Schließlich bekam ich nur einen ideen- und konzeptlosen ersten Teil zu sehen.

Mitnehmen durfte ich aus dieser Aufführung einen A1-Regenschutz und eine ausgewachsene Erkältung. Nichts davon brachte mich dem Weichselgarten, Tschechow oder dem Theater näher - egal in welcher Form.

IchbinIch5
20

Interessant - noch ist der 2. Teil der Rezension nicht erschienen. Und wer öfter ins Theater geht weiß: Irgendwie kommt man immer rein, wenn man will. Die Zweiteilung ist ja auch nicht so ungewöhnlich - habe schon einige Inszenierungen gesehen, die an zwei Abenden spielten. Nur einen Teil zu kritisieren ist einfach ganz schlechter Journalismus, tut mir leid.

accuser
10
29.5.2011, 19:02
Völlig richtig!

Darüber hinaus ist der Zusammenhang vom Weichselgarten bzw. der Aussage des Stückes und dem Schicksal der Flüchtlinge in Macondo mehr als konstruiert.

Weder gab es Interaktion irgendeiner Art, noch lässt sich das gestrige Ereignis überhaupt als "Theater" oder kritische Auseinandersetzung mit der Form bezeichnen.

IchbinIch5
20
30.5.2011, 08:12

Den fünfminütigen Konnex zu den Flüchtlingen am Ende eines vierstündigen Abends fand ich auch konstruiert - aber wegen der restlichen 3 Stunden 50 gehe ich ins Theater - das war die einige Kirschgarten-Inszenierung der letzten Jahre, die mich wirklich begeistert hat. Die Atmosphäre war traumhaft und von den Schauspielern könnten sich ganze österreichische Ensembles etwas abschauen! Ich habe diesen Text selten so klar und deutlich "verstanden" wie in dieser Aufführung. Wenn das für einige nicht "Theater" (warum unter Anführungszeichen?) ist, dann sage ich: Mehr von diesem "Nicht Theater"!

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