Ein Lokalaugenschein von der Barrio-Versammlung im Arbeiterstadtteil Aluche
Seit zwei
Wochen wird auf der Madrider Puerta del Sol debattiert, welche
Veränderungen man erreichen will. Am Samstag hielten die Protestierenden
in zahlreichen Städten und Staddteilen Versammlungen ab, um auch
Bevölkerungsteile, die es nicht ins Zentrum schaffen, einzubeziehen.
***
Im Arbeiter-"Barrio" Aluche (Landkarte),
mit der U-Bahn eine halbe Stunde vom Sol entfernt, kamen über 1.500
Madrider in der prallen Mittagshitze vor einem Einkaufszentrum
zusammen. Spanienweit waren es den Organisatoren zufolge 20.000.
Zuerst wurde über die vier Grundforderungen der Demonstrierenden abgestimmt, gegen die kaum jemand etwas einzuwenden hatte.
Komplizierter
wurde die Debatte über die Wünsche der lokalen Bevölkerung: Aluche
gehört mit sieben anderen "Barrios" zum Wahlbezirk Latina, weshalb die
in den 50er Jahren für Zuwanderer aus der armen Provinz Extremadura aus
dem Boden gestampfte Wohngegend von der konservativen PP regiert wird.
Für oder gegen Abspaltung Aluches?
Ein älterer
Herr, der berichtete, noch gegen das Franco-Regime gekämpft zu haben,
forderte deswegen die Abspaltung Aluches: "Dieser Bezirk wächst und
wächst, schneller als (das Industriegebiet, Anm.) Getafé, warum sollen
wir nicht selber bestimmen dürfen, wer uns regiert?"
Ein Redner,
der gegen die "franko-deutsche Diktatur" wetterte und gleich auch noch
die Monarchie abschaffen wollte, erntete skeptische Blicke. Mittlerweile
hatten sich die letzten Wolken verzogen, und es wurde debattiert, ob man
die nächste Stadtteilversammlung nicht an einem schattigeren Platz oder
am Abend abhalten sollte.
Sprecherin für die Puerta del Sol
Für die
spanienweite Debatte am Sonntag auf der Puerta del Sol wurde eine
Sprecherin gewählt. Mittlerweile war es 15 Uhr geworden, und immer mehr
Leute verließen den Platz.
Die Rednerin,
die eine geschlechtergerechte Sprache einforderte (das Spanische kennt
kein Binnen-I, weshalb dann von "todas y todos" die Rede ist), hatte
kaum noch Publikum, und schließlich wurde die Veranstaltung unter "Aucha
lucha"-Rufen (Alucha kämpft) plangemäß beendet.
Zwei Minuten pro "Barrio"
Bei der
Versammlung auf der Sol am Sonntagmittag kamen das die Sprecher der
einzelnen Versammlungen zu Wort. Der Andrang war groß, so dass pro
Person nur zwei Minuten Redezeit eingeplant sind. Alle Versammlungen
waren unerwartet gut besucht, viele Barrios wollen sich in Zukunft
regelmäßige Treffen abhalten.
Als eine
Solidaritätsbekundung der 20.000 Protestierenden, die vor der Pariser
Bastille standen, verlesen wurde, brandete Jubel auf. Auch die
rumänischen Immigranten in Spanien schickten eine Nachricht geschickt
und versicherten, die Bewegung des 15. Mai nach Bukarest tragen zu
wollen.
Die
Erwartung, dass die "Erste spanienweite Generalversammlung" eine
Entscheidung über einen möglichen Abzug aus dem Madrider Stadtzentrum
bringen könnte, wurde nicht erfüllt: man entschloss sich zu bleiben, bis
die Bewegung in den Barrios gefestigt ist. Danach will man nur noch
einen Infostand auf der Puerta des Sol belassen, sich aber am 15. jedes
Monats dort treffen. (Bert Eder aus Madrid/derStandard.at)