Web und Wissenschaft

Arnd Poetzsch-Heffter, 29. Mai 2011, 10:53

Das World Wide Web verändert vieles in der Welt, auch das Wissenschaftssystem

Das Web steht für den freien Zugang zu Informationen aller Art, auch zur Wissenschaft. Elfenbeinturm ade, jeder kann auf alles zugreifen. Das klingt verlockend und ist es auch. Aber ist der freie Zugang Realität? Und reicht er aus? Die erste Frage muss man verneinen. Das Web erfasst derzeit trotz seines fulminanten Wachstums nur einen Teil des Wissens, und der Zugriff auf viele digitale Quellen ist nicht umsonst.

Universitäten und Studium bleiben wichtig

Die Beantwortung der zweiten Frage ist schwieriger. Stellen wir uns den efeuumrankten Elfenbeinturm vor und ersetzen die gemauerte Fassade durch eine Glasfront. Was sehen wir? Wissenschaftler durchwandern Haare raufend die Räume, die Labore; hacken auf ihre Computertastaturen ein; lesen, diskutieren. Das Web ermöglicht es uns zu sehen, was Wissenschaftler tun, was sie publizieren, wer ihre Ideen weiterverfolgt - und wo sie abgeschrieben haben. Ja, der Wissenschaftsprozess ist transparenter geworden. Aber um im schneller werdenden Strom neuer Ergebnisse und Konzepte einen begründeten sicheren Wissensstand zu erlangen, bleiben in absehbarer Zeit Studium und Universitäten unverzichtbar. Sie sortieren das Wichtige vom Unwichtigen, vermitteln die Zusammenhänge und liefern die Begründungsketten.

Tim Berners-Lee hat das Web erfunden, um das Arbeiten und die Kommunikation von Forschern zu verbessern. Das ist erreicht. Aber kann das Web für Wissenschaft und Gesellschaft mehr sein als ein großer Dokumentenserver gepaart mit schnellen Suchmaschinen? Ich denke schon. Drei Aspekte mögen das verdeutlichen.

Ein Hauch Wildwest

Wissenslandschaft: Der Forscher sucht nach neuen Erkenntnisse. Die Wissenschaft hat zudem die Aufgabe, das Wissen zu strukturieren, zu vernetzen und nachhaltig verfügbar zu machen. Das Web könnte die globale Wissenslandschaft aller Fakten, Experimente, Ergebnisse, Konzepte und Begründungsketten beherbergen, die Wissensgebäude aller Disziplinen. Aber die nachhaltige Landschaftspflege steht derzeit nicht hoch im Kurs, auch nicht bei der Wissenschaftsförderung.

Lehrmaterialien: Ein Studentenhirn dazu zu bringen, Wissen, Abstraktionen und Konzepte in seine neuronale Struktur einzubauen, ist nicht immer einfach. Das Web schickt sich an, die Wiege hochqualitativer Lehrmaterialien zu werden, die dem Hirn nach dessen Anforderungen und Zielen helfen, den Zugang zur globalen Wissenslandschaft zu finden.

Virtualisierung: Das Weltgeschehen wird immer schneller ins Web gespiegelt. Daten sind sofort verfügbar und werden global analysierbar. Alle Krankheitsverläufe aller Menschen wären eine unschätzbare Quelle für die medizinische Forschung; aber auch ein Bedenkengenerator für die Datenschützer. Und hinter der Präsenz in der virtuellen Welt droht die reale Welt das Wahrheitsmonopol zu verlieren. So gibt es bereits heute globale Universitätsranglisten, die nur auf Basis der im Web verfügbaren Daten erzeugt werden.

Die Virtualisierung der Welt bietet der Wissenschaft riesige Chancen, verlangt aber auch, Antworten auf die Risiken zu finden. Das Web als Plattform der Virtualisierung atmet einen Hauch von wildem Westen - hoch spannend, doch ohne Gefahr für Leib und Leben. (derStandard.at, 29.5.2011)

Autor

Arnd Poetzsch-Heffter, The European, studierte Informatik, Mathematik und Philosophie in München mit Aufenthalten an der University Paul Sabatier in Toulouse und der Cornell University, New York State, USA. Der Informatikprofessor leitet seit 2002 die Arbeitsgruppe Softwaretechnik an der Technischen Universität Kaiserslautern.

ich finds ein bisschen verwunderlich, dass der autor nicht den wichtigsten zweck der universitäten nicht erwähnt: nämlich dass einem sie die methodologie des wissenschaftlichen arbeitens beibringen. das ist nämlich unverzichtbar um sich zu bilden.

das ist etwas was meiner erfahrung nach im angelsächsischen raum viel stärker betont wird als in europa und zwar schon in der schule. zumindest zu meiner (ersten) studienzeit (vor ca 15 jahren) wars so.

ohne eine gewisse reife im umgang mit information ist die ganze informationsflut im internet nämlich weitgehend wertlos, auch wenn man das ebenfalls wichtige basis- bzw. fachwissen hat.

unabhängig von dem vorwisssen der rezipienten hängt der wert von information aber auch sehr stark ab von der art und weise wie sie präsentiert wird.

hier ein beeindruckendes beispiel: www.infomap.com/movies/demo.htm

und da gibts noch unheimlich viel zu tun.

Lehrmaterialienquelle: JA

es fehlt aber der Digitale Lehrsaal/Klassenraum noch!

Virtualisierung/Visualisierung: JA - ! Hier ist leider eines der größten Mißbrauchspotentiale.

Diskussionsplattform: JA, aber nur sinnvoll
moderiert, mit überprüfterer Zuverlässigkeit ( nicht unbedingt ID ) oder Bekanntheit der Diskutanten.
Hier liegt auch ein Mißbrauchspotential: US Armee und andere verwenden bereits automatische Avatare um Meinungsbildung zu steuern!

Spionage- Schnüffel und Überwachungsplattform: leider JA JA JA

es fehlt aber der Digitale Lehrsaal/Klassenraum noch!

es fehlt auch das schwämmchen mit dazugehörigem wassergefüllten kübelchen neben der backspace und delete taste ;)

Zum Thema Freier Zugang kann ich folgende Wiki-Seite empfehlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Access

mich schockiert, dass ich unter diesem hervorragenden Artikel nur zwei Postings finde. Trotzdem widerspreche ich meiner Vorschreiberin: eine Hausbibliothek habe ich persönlich zusammengestellt und geordnet, zum Großteil finden sich Romane darin. Der Wilde Westen ist chaotisch- und viele verlieren sich darin (Pornographie, Onlinespiele, generelle Abhänigkeit).

Danke an den Autor für das inspirierende, kleine Meisterwerk!

Zustimmung zum ersten Satz. Eine Hausbibliothek und der richtige Umgang mit dem digitalen Wissen widersprechen sich ja auch nicht.

"der Zugriff auf viele digitale Quellen ist nicht umsonst"

Umsonst ist er schon, aber nicht GRATIS!

lahma*schige kids im westen

wissen war bis jetzt dem reichen im westen vorbehalten: europaer und amerikaner hatten quasi eine erbpacht auf wissen und qualifikation. das ist jetzt anders geworden, viele kluge und gleichsam desperate (kinder)koepfe in schwellen- und entwicklunglaendern warten nur darauf, um fast nichts auf das wissen zuzugreifen. und diese kids arbeiten hart.

ich beneide unser jugend nicht: im direkten konkurrenzkampf werden sie den kuerzeren ziehen.

Überwinden von Berührungsängsten

Die Berührungsängste vieler Menschen gegenüber der Wissenschaft sind trotz guter Bildungsmöglichkeiten groß ( http://karinkoller.wordpress.com/2011/04/1... ngsburger/ ). Natürlich ersetzt das Internet ein Studium nicht, aber es bietet eine gute Möglichkeit für Interessierte, sich ohne großen Aufwand über ansonsten schwer zugängliche Themenfelder zu informieren. Es ist weniger ein wilder Westen ohne Lebensgefahr, als eine Hausbibliothek ohne Papier.

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