Rundschau: Intelligente Wolken und Drogennebel

Josefson, 4. Juni 2011, 10:13
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coverfoto: piper

Hannu Rajaniemi: "Quantum"

Kartoniert, 431 Seiten, € 17,50, Piper 2011.

Momentan ist ein kleines Zwischenhoch in Sachen SF-Publikationen von Verlagen, die sich sonst eher auf Fantasy konzentrieren, zu verzeichnen. Das muss man nutzen, solange es anhält! Ein besonders geiles Teil hat sich Piper gesichert: "Quantum Thief", der Debütroman des in Schottland lebenden finnischen Autors Hannu Rajaniemi, versetzte im vorigen Jahr die KritikerInnen gleich herdenweise in Verzückung. Und alle Achtung: Wenn schon von der Fantasy-Linie abweichen, dann aber gleich ordentlich - denn viel härter als das, was einem speziell in den ersten Kapiteln von "Quantum" um die Ohren gehauen wird, kann Hard SF nicht werden: Der Highway, zwanzig Lichtsekunden entfernt, ist ihre nächste Zwischenstation. Ein nicht abreißender Strom von Schiffen, eine der wenigen und seltenen idealen invarianten Flächen im N-Körper-Albtraum des Newton'schen Sonnensystems, eine Gravitationsarterie, die mit sanften Schüben schnelles und müheloses Reisen gestattet. Ich bin nachträglich doch irgendwie erleichtert, dass ich mir das Buch seinerzeit nicht gleich im Original gekauft, sondern auf die Übersetzung gewartet habe.

In der Folge geht es allerdings weniger um makrophysikalische Phänomene - Rajaniemi kommt übrigens vom Fach und hat eine entsprechende Universitätsausbildung - als um informationstechnologische. Und derartig mit Maschinen-Poesie ist man nicht mehr niedergebügelt worden, seit William Gibson vor 30 Jahren einen extremen Gegenentwurf zur Science Fantasy der 70er präsentierte und die Ära des Cyberpunk einläutete. Zu diesem Zweck hat Rajaniemi einen der originellsten Schauplätze der vergangenen Jahre entworfen: Oubliette, eine mobile Stadt, die als flexibler Verband bebauter Plattformen über den Mars wandert. Ihr Name - übersetzt: "Verlies" - ist ein Hinweis darauf, dass sie von den Nachkommen ehemaliger ArbeitssklavInnen (oder genauer gesagt: deren upgeloadeten Bewusstseinen) bewohnt ist, die sich einst ihre Freiheit in einer Revolution erfochten. Zugleich ist Oubliette ein Paradies der Quantenkryptografie und ein Gedankenspiel darüber, was Freiheit in einem posthumanen Zeitalter bedeuten könnte.

In Oubliette regelt ein Gevulot genanntes Protokoll zum Informationsmanagement die Privatsphäre in noch nie dagewesener Weise. Man trifft in jeder Situation die bewusste Entscheidung, welche Information man mit wem teilt - inklusive Erinnerungen, die in einem ausgelagerten "Exospeicher" vorhanden und nur durch den passenden Quantenschlüssel abrufbar sind. Einer der Protagonisten kann sich nicht mehr an das Gesicht seiner Mutter erinnern, weil diese seinerzeit nicht nur abgehauen ist, sondern ihrer Familie auch den Zugriff auf diese spezielle Information entzogen hat. Und wer im Alltag nicht gesehen werden will, verhüllt sich mittels Gevulot einfach in einer Wolke der omnipräsenten Nanomaschinchen. Überhaupt - siehe etwa das "Ausdrucken" von Gegenständen aus dem Fabber oder die Fähigkeit einiger Posthumaner, Gedanken körperliche Gestalt annehmen zu lassen - durchdringen einander hier Datensphäre und "realer" Raum in derart komplexer Weise, dass eine Unterscheidung hinfällig wird. Das gilt auch für die höchst praktische Variante von Unsterblichkeit, welche die BürgerInnen Oubliettes praktizieren: Für einen gewissen Zeitraum verbringt man sein recht luxuriöses Leben in einem menschlichen Körper und bezahlt für sämtliche Leistungen in der Währung ZEIT. Hat man sein Konto geplündert, wird der Körper bis zum nächsten Mal aufbewahrt, während das Bewusstsein - Gogol genannt: ein Wort das gleichermaßen auf künstliche Intelligenzen angewandt wird - als Programm zur Steuerung von Maschinen malocht, bis das Konto wieder voll ist.

Das klingt nach einem nahezu perfekten System und ist es im Grunde auch. Doch im Zeitalter nach dem Großen Zusammenbruch - wohl einer Singularität - stellt Oubliette nur ein kleines Licht dar und droht zwischen den posthumanen Giganten zerrieben zu werden, die sich sonst noch so im Sonnensystem herumtreiben. Da wären etwa die quasi-göttlichen Mitglieder des Sobornost-Kollektivs, das begierig jeden Gedanken speichern möchte, der jemals gedacht wurde. Oder der Zoku, eine Gesellschaftsform, die aus Gamern hervorgegangen ist und ihre Spiele nun mit den Mitteln der Quantentechnologie austrägt. Der fließende Übergang von Spiel und Realität ist ebenfalls ein Grundzug des Romans: Gleich zu Beginn schmort der zentrale Protagonist Jean le Flambeur in einem Dilemma-Gefängnis - eine Ableitung aus dem Gefangenendilemma, die sowohl von ihrer Grundidee als auch ihrer technischen Umsetzung her den Quantenmechaniker und Spieltheoretiker John von Neumann entzückt haben müsste.

Klammert man den ganzen Techno-Malstrom einmal aus, erweist sich "Quantum" jedoch als erstaunlich klassischer Kriminalroman (für den Rajaniemi überdies einige explizite Anleihen genommen hat, unter anderem bei den "Arsène Lupin"-Romanen von Maurice Leblanc, denen er den Namen einer Hauptfigur entnommen hat). Meisterdieb Jean le Flambeur wird von Mieli, einer geflügelten Kriegerin aus der Oortschen Kometenwolke, aus dem Gefängnis befreit, weil ihre Auftraggeberin seine Talente benötigt. Wofür, verrät sie natürlich nicht. Um seinen Auftrag zu erfüllen, muss Jean jedoch erst mal seine Erinnerungen zurückholen, die er - "Total Recall" lässt grüßen - auf dem Mars eingelagert hat. Und dort, in Oubliette, kommt es zum gewitzten Psychoduell mit dem jugendlichen Detektiv Isidore Beautrelet - mit allem, was so dazugehört: Freche Täuschungsmanöver, raffinierte Maskierungen, Aufdecken von Doppelidentitäten und letztlich verblüffende Erkenntnisse darüber, in welcher Beziehung die diversen Hauptfiguren zueinander stehen. All das vor dem Hintergrund eines schleichenden Umsturzes, der die freie Gesellschaft von Oubliette auszulöschen droht.

"Quantum" ist ein fantastischer Roman - im doppelten Sinne, denn selten war Arthur C. Clarkes legendärer Satz "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" so wahr wie hier, wo das Wort Quantenpunkt - wuppdich! - für die tollsten Effekte sorgt. Anders als im Roman, wo man danach lechzen würde, gibt es auf der Wikipedia mittlerweile ein (englischsprachiges) Glossar zu den wichtigsten Begriffen des Romans. Das lege ich jedem ans Herz, ehe er beim Lesen die Nerven wegschmeißt. Ansonsten gilt ein Verbraucherhinweis, den im Roman die Fahrerin eines von Dach zu Dach hüpfenden "Spinnentaxis" ausspricht: "Lassen Sie sich bloß nicht das Gehirn quanten."

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Kann es...

...denn wirklich sein, dass der neue William Gibson tatsächlich bis jetzt keine Beachtung gefunden hat? Steampunk in allen Ehren, aber ich meine; ein neuer WILLIAM GIBSON????

Oder bin ich der letzte der sowas noch liest?

super. jetzt sotzt man hier und wartet auf die Rezension von "Mevlidos Träume", wenn ich den wie immer kryptischen letzten Satz richtig interpretiere...

J. Josefson
00
21.6.2011, 12:15

Offenbar nicht kryptisch genug ... ;-)

als buchhändler hat man schon einen ganz guten überblick. manche sachen kann man sich dann ausknobeln ;)

SITZT. man "sitzt" natürlich. mein computer braucht echt rechtschreibnachhilfe...

"Sotzen" hat aber auch etwas. Schöne Wortschöpfung, klingt gemütlicher. ;-)

"nachträglich doch irgendwie erleichtert, dass ich mir das Buch nicht gleich im Original gekauft habe"

Danke dass jemand noch zugeben kann, kein Genius des Wort und Satzverstädnisses zu sein. Zur Zeit ist ja jeder gleich doof wie Bohnenstroh der die Intention des Schreibers nicht gleich beim ersten Überfliegen versteht. Einen Satz mehr als einmal zu lesen gilt schon als beschränkt.

Also für mich ist ein Buch erst dann richtig gut, wenn's auch beim 2. - 3. -... mal Lesen noch Spaß macht, wenn man auch später noch hier und da einen Witz oder ein kleines Wortspiel findet das man beim ersten durchschmökern, vielleicht gefesselt vom plot, nicht gleich erfasst hat, oder, weil man den Schluß ja schon kennt, ev. sogar ein bisschen nachvollziehen kann, wie der Autor darauf hinarbeitet.
Im übrigen: Jemand der behauptet er hätte noch nie einen Satz zweimal gelesen, gibt, meiner Meinung nach, nur durch die Blume zu, dass er die Hälfte dessen was er je gelesen, auch nicht verstanden hat. ;)

..oder er/sie liest nur Sätze, wie sie im Kleinformat üblich sind. Bei Subjekt-Prädikat-Objekt liegt die Latte nicht so hoch. ;-)

Andreas Brandhorst: "Die Stadt"

"eine taffe junge Frau" -> tough?

Hehe, Josefson hat auch ein "Marco"-Trauma. Mein Gott, war das damals langweilig!

J. Josefson
00
10.6.2011, 18:19

Zumindest bis "Perrine" kam ... erst dann war der Boden wirklich erreicht.

Hehe, da war ich dann wohl schon zu alt. "Perrine" kenne ich nur mehr dem Namen nach.

die vorstellung von "ronald tekener"

wie er sich perrine anschaut ist zumindest amüsant.

dachte der steht eher auf katzen.

kenne eigentlich keines der vorgestellten bücher

und fast keinen autor. bin überhaupt im sf, fantasy,... bereich eher wenig bewandert (außer gewisse all-time-stars wie lovecraft, asimov, etc.).

und trotzdem lese ich jede besprechung sehr gerne von vorne bis hinten und freue mich auf die nächste.

danke für die vielen guten & interessanten bücher-besprechungen.

buchtipp: "das schwert der wahrheit" - unfassbar geniale story (leider ist der titel sehr schlecht gewählt finde ich), dagegen ist "herr der ringe" eine story für vorschulkinder.

sind mehr als 10 bände, jeder einzelne ist für sich ein machtwerk!

Ah, wenn es doch nicht immer so viele gute Empfehlungen hier geben würde. Ich komme mit dem Lesen eh schon nicht mehr nach.

Ich lese endlich Bücher von der Rundschau von vor ewig (Neil Stephenson "Anathem" - gibt es noch nicht einmal als Taschenbuch) und ich komme mir sowas von vorgestrig vor:-)
Heuer gehts eine Woche mit Büchern ins Waldviertel!

Anathem ist übrigens ein Wahnsinn.

RESCHPEKT

Anathem han i mit i'd feria gno - noch 10 Sita han i ufghört. Dafür war Monschterkontrolle umso bessa...

Anathem hat mir sehr viel Spaß gemacht. Dass ich im Vorfeld zufällig ein "Sachbuch" über Multiversen gelesen habe, war aber sicher hilfreich:-)

Monschterkontrolle ischt wirkli guat?
Bi Sacha wia "für alle Fans von Douglas Adams" zuck i normaler Wies all zemma, well "es kann bluas oan gia".

Ich fands amüsant - ein Ausflug in einen Bereich ohne Aliens, Raumschiffe...

War aber in gut 1.5 Tagen durch, danach haben auch alle anderen Urlaubsteilnehmer das Buch gelsen. 3 von 4 hat's gefallen...

Das Bücher lesen spießt sich leider immer mit Serien schauen und da gibt es noch so Kleinigkeiten wie äh, ach ja: Job.

Das kostet soviel Zeit, da bleibt für erstere wenig übrig :)

Eine Woche weg mit einem Stapel Bücher? Beneidenswert. Das schaffe ich hoffentlich auch mal wieder.

Ganz so nur mit Büchern wird es wohl auch nicht:-)
Schließlich muss man ja auch ein wenig herum fahren, essen gehen, Konversation führen usw...

Aber nachdem das gemietete Ferienhaus über keinen Fernseher verfügt, muss ich wenigstens keine Serien schauen (was ich allerdings im Anschluss nachholen werde müssen - schließlich verfügt man ja über moderne Aufnahmetechniken!)

Korrektur

Leider muss ich den ansonsten nahezu unfehlbaren Josefson (Ruhm & Ehre seinem Namen!) korrigieren. Denn nicht Luke Skywalker, sondern Darth Vader bzw. Anakin Skywalker wirft den Imperator in den Schacht.

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