Der Atomausstieg in Deutschland müsse in sozialem Frieden erfolgen, sagt Ex-Umweltminister Klaus Töpfer
Standard: Sie leiten die von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzte Ethikkommission und legen am Wochenende ihre Empfehlung zum Atomausstieg vor. Was waren Ihre Überlegungen?
Töpfer: Es geht nicht nur einfach um einen Atomausstieg. Dieser Schritt muss so gestaltet werden, dass sozialer Friede gewährleistet ist, der Strom darüberhinaus bezahlbar bleibt und Deutschland auch noch seine Klimaziele erreichen kann. In Deutschland denkt man viel zu häufig nur an die Angebotsseite der Energie, weniger an die Energieeffizienz. Die Produzenten von Windenergie etwa sind außerordentlich gut aufgestellt und exportieren gegenwärtig zehn Prozent ihrer Produktion. Eine Verbreiterung unserer Versorgungsmöglichkeiten macht uns natürlich auch weniger abhängig. Da muss man einfach die Fakten sehen, das hat nichts mit "German Angst" zu tun.
Standard: Aber kein anderes Land der Welt hat auf die AKW-Katastrophe im japanischen Fukushima so massiv reagiert wie Deutschland. Sofort wurden sieben Alt-AKWs vom Netz genommen. Warum ist das Misstrauen gegenüber Atomkraft in Deutschland so groß?
Töpfer: Es gab in Deutschland schon seit der Katastrophe von Tschernobyl einen gesellschaftlichen Konsens. Man will - im Gegensatz zu anderen Ländern wie Japan - raus aus der Kernkraft, dies ist eine Energieform, auf die man verzichten will. Kernkraft wird in Deutschland ja auch als eine Brückentechnologie bezeichnet. Die Diskussion bezieht sich nur auf den Aspekt: Wie schnell soll es gehen?
Standard: Es ist jetzt offenbar viel rascher möglich, als die Regierung noch im Herbst dachte. Da hat sie den Atomausstieg ja noch nach hinten verschoben.
Töpfer: Seit Tschernobyl wurde intensiv an der Entwicklung erneuerbarer Energien gearbeitet. Heute stammen nur noch 22 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken, zehn Prozent aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Sonne und Wind. Die Möglichkeit, aus der Kernenergie auszusteigen, ist also deutlich besser als anderswo. Diese Chance will Deutschland jetzt auch nützen
Standard: Die Kommission besteht aus 17 Mitgliedern, darunter sind Wissenschafter, Gewerkschafter und Kirchenvertreter. Entscheiden diese am Wochenende über Deutschlands atomare Zukunft?
Töpfer: Wir sind weit davon entfernt zu glauben, dass wir etwas entscheiden können. Wir können bestenfalls Empfehlungen geben - auch und gerade bezüglich der ethischen Dimension. Das werden wir tun, und dann wird die Bundesregierung einen Vorschlag machen, und letztendlich entscheidet der deutsche Bundestag.
Standard: Soll Deutschland weltweit beim Atomausstieg eine Vorreiterrolle übernehmen?
Töpfer: Das ist keine Frage der Vorreiterrolle. Es geht um die Nutzung gegebener Möglichkeiten. Wir wollen nicht lehrmeisterhaft sein, sondern wir wollen es in Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung tun - und im Bewusstsein, dass wir in Europa und in der Welt integriert sind. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. Mai 2011)
Zur Person
Klaus Töpfer (72) war von 1987 bis 1994 deutscher Umweltminister, von
1998 bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (Unep) in Nairobi. Seit 2009 ist er Direktor des Instituts für
Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam.