Blick auf Walid Raad und seine Atlas-Group
Wien - Shirin Neshat, Mona Hatoum oder Mounir Fatmi haben ihre Karrieren Mitte der 1990er- Jahre in New York, London und Paris begonnen. Wer in islamischen Ländern international konkurrenzfähige Kunst machen will, muss ins westliche Ausland gehen. Auch für Walid Raad, der 1967 in Chbanieh im Libanon geboren wurde und nun in New York lebt, war das nicht anders.
Obwohl, im Libanon entwickelte sich spätestens nach dem Ende des Bürgerkriegs 1991 eine kritische, zeitgenössische Kultur. Vergleichsweise früh erkannte das Kunsthistorikerin und Kuratorin Catherine David. Walid Raad und sein kollektives Alter Ego, die "Atlas Group", stellte sie nicht nur bei der documenta X vor, sondern auch 2003 auf der Biennale Venedig. Dort stand Beiruts Szene im Zentrum eines Fokus auf arabische Kunst. Es war die Fotoserie My neck is thinner than a hair, die Walid Raad als "Beauftragter" der fiktiven Altlas Group in Venedig präsentierte: Schwarzweißfotos mit Überresten von Autobombenexplosionen. Zwischen 1975 und 1991 explodierten 245 Autobomben im Libanon-Konflikt.
Bei der Reinszenierung dieser Fotos im Kunstkontext ging es jedoch nicht um einen moralisierenden Impetus, sondern um eine abgeklärte Analyse. Je mehr der Schrecken der Ereignisse verfliegt, umso eher werden auf den Aufnahmen Gesten und Symptome des Systems sichtbar: der Apparat, repräsentiert durch Polizei, Militär und Politiker, der zwar geschäftig, aber ebenso hilf- wie ratlos auf die Anschläge reagiert.
Die jüngere libanesische Geschichte, insbesondere die Kriege, waren das Thema der Atlas Group, die als Name, ja vielmehr als Projekt 15 Jahre (1989 bis 2004) bestand und Walid Raad international bekannt machte: ein Unternehmen, für das der aus dem Libanon stammende Künstler heuer eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen für Fotografie, den schwedischen Hasselblad-Preis (mit rund 113.000 Euro dotiert), erhielt. Er hinterfrage die traditionelle Ikonografie von Kriegsfotografie, hieß es in der Begründung.
Einbildungen des Realen
Detaillierter gesprochen, geht es um Fragen zur Funktion von Archiven, zur Darstellbarkeit von Geschichte, zu Authentizität und Autorenschaft. Raad schafft aus dokumentarischen und eigens gefertigten Materialien in vielfältigen Medien eine Oberfläche für diese Fragen. Gefundenes und selbst Produziertes ist dabei gleichwertig. Ein komplexes System, dessen narrative Zusammenhänge er oft in performativen Vorträgen transparent macht.
Raad begann bereits als 15-Jähriger während des Bürgerkriegs mit dem Fotografieren. Er wollte das dokumentieren, was bald verschwinden würde. Auch heute basiert seine Arbeit auf Fakten, denn seine narrativen Fiktionen siedelt er auf ebenso realer Ebene an, wie wirkliche Ereignisse.
Raad folgt der Ansicht, dass die Fiktion sich in der Montage, in der medialen Repräsentation von Zeitgeschehen automatisch einstellt. Insbesondere in Ländern wie dem Libanon ist jede Erinnerung so stark ideologisch beeinflusst, dass die gesamte Realität in ein fiktionales Licht getaucht ist. Es geht also auch um die Konstruiertheit von Geschichte, einem Thema von globalem Interesse und immerwährender Aktualität. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Mai 2011)