Jon Fosses singende Nervensägen

27. Mai 2011, 17:09
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Mit je einer französischen und einer englischen Inszenierung eines Dramas von Jon Fosse sorgt Regisseur Patrice Chéreau im Museumsquartier für zwei Wiener Festwochen-Höhepunkte: Die Toten kehren zurück ins Leben

Wien - In den kargen Familiendramen des Norwegers Jon Fosse (51) finden fast unmerklich die mysteriösesten Verkehrungen und Verdrehungen statt: Menschen ohne Namen laufen wie traumentrückt neben der Spur. Fosse-Figuren, die man bereits für tot halten muss, noch ehe sie tatsächlich gestorben sind, heißen daher auch wahlweise "Die Frau", "Der Mann", "Der eine" oder "Der andere". Kein Name gibt über ihre jeweilige Existenz verlässlich Auskunft. Kaum jemals werden auch die Gründe für ihre brütende Maulfaulheit auf einen rettenden, ihre Gemütsverfinsterung schlagartig erhellenden Begriff gebracht.

So kreisen Fosses Geschöpfe auch in Rêve d'automne (Traum im Herbst) als gleichsam lebendige Tote in kunstvollen Wortspiralen um die Glutkerne verfehlter, an der Banalität erstickter Leben. Die erste von zwei Fosse-Produktionen des ingeniösen Kino- und Theaterregisseurs Patrice Chéreau erweist sich als große, in den eigenen Dekorationswahn hemmungslos verliebte Wortoper im Wiener Museumsquartier (Halle E): kein geringes Glück, auch wenn die Überinstrumentierung zunächst wie ein grandioses Missverständnis anmutet.

Richard Peduzzi hat eine Saalflucht des Pariser Louvre nachgebaut: mit monumentalen Huldigungsbildern über den Türstöcken, mit Großmüttern und verlorenen Söhnen, die wie verirrte Schatten über das saubere Parkett huschen. "Die Frau" (Valeria Bruni Tedeschi) trippelt bereits durch das Kunstinstitut, während die stumme Alte im Sterbeschlafrock (Michelle Marquais) noch damit beschäftigt ist, voller Todesverachtung in ein Sträußchen mit Feldblumen hineinzubeißen.

Der Louvre ist ein Friedhof. Hier treffen sich Menschen, die immer schon füreinander bestimmt sind und Gefahr laufen, einander in der Wiederholung zu verfehlen. Die ehrliche Überraschung heucheln, wenn sie zufallshalber kollidieren: Der stark verwahrloste "Mann" (Pascal Greggory) rollt sich auf dem Boden zusammen, nur um von Bruni Tedeschi, einer gehetzten Fee aus den kapitalschwachen Pariser Vororten, innig umschlungen zu werden.

Das angeblich unverhoffte Wiedersehen gipfelt in der Abwicklung kompletter Lebensprogramme. In diese inkludiert sind die Sünden der Hartherzigkeit, der Flüchtigkeit, der Unbestimmtheit, der egomanischen Nervenschwäche. Fosse ist ein gläubiger Dichter, denn seine Figuren suchen Erlösung. Nur ähnelt seine dramatische Kirchenmusik eher den minimalistischen Etüden eines Morton Feldman, oder, kühler getönt, den irrwitzig kontrapunktischen Improvisationen von Lennie Tristano am Jazz-Klavier.

Geil- und Gereiztheiten

Der Mann ist angeblich gekommen, um dem Begräbnis der Großmutter (im Louvre?) beizuwohnen. Der Bekannten gegenüber bekundet er sein erotisches Interesse, nur um etwas später von den hinzutretenden Eltern (Bulle Ogier, Bernard Verley) wie ein unmündiger Knabe behandelt zu werden, dem obendrein die erste Ehe zerbrochen ist.

In diesem völlig künstlichen Bühnen-Hades herrschen die Gesetze der Demokratie: Die Pariser Star-Schauspieler, ob tot, ob wach, ob viertellebendig, tauschen im Sekundentakt die Charaktermasken. Die Zeitenfolge ist zerbrochen, Recht behält, wer gerade am Wort ist. So überfallen einander diese Toten auf Urlaub mit Geilheiten und Gereiztheiten. Sie schütteln ihre Begehrlichkeiten aufbrausend aus kleinbürgerlichen Mantelärmeln.

Am Schluss liegen die Männer der Familie tot aufgereiht auf den Parkettleisten, die Damen ziehen im stummen Kondukt aus dem Kunsttempel aus. Und ganz allmählich schält sich der Kern von Chéreaus Kalkül heraus. In allen Menschen schlummern ausnahmslos alle Anlagen: für das Glück wie für den privaten Weltuntergang, weil ja jeder Tod den Untergang einer ganzen Welt bedeutet. Ein starkes Stück aus Paris, eine famose Provokation des Théâtre de la Ville.

Das vielleicht noch größere Gelingen bleibt Chéreaus zweiter Festwochen-Produktion vorbehalten: I am the Wind (Ich bin der Wind), einen Stock tiefer in die Halle G des MQ gebaut. Zwei junge Männer sitzen am Rande einer flachen Pfütze, die im Inventar des Fjordländers Fosse die allesverschlingende See meint.

Das Meer ist der tröstliche Lebensersatzstoff für einen jungen Mann (Tom Brooke), der mit "dem anderen" (Jack Laskey) einen Bootsausflug unternimmt. Auf kahler Bühne (Peduzzi) taucht ein hydraulisches Podest aus dem Wasser: Der Versuch, einen Tag "glücken" zu lassen, endet in der mystischen Verschmelzung des Depressiven mit der See. Da hatte Brooke mit dem Gehabe eines ausgemergelten Heiligen, mit brennenden Augen, im herrlich gaumigen Englisch des Young Vic Theatre, London, bereits den Vertrag mit dem Leben aufgekündigt.

Fosses manische Satzwiederholungen münden in die karge Herrlichkeit von Litaneien: Ganz ohne Kulissenzauber tost diese kahle Endlagerstätte zerborstener Träume. Chéreaus Londoner Meisterarbeit ist, im mehrfachen Wortsinn, erschütternd. Durch sie wird aus Fosse ein Zauberer Prospero. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

  • Nacht der lebendigen Toten im nachgebauten Louvre: Valeria Bruni 
Tedeschi und Pascal Greggory erfahren in "Traum im Herbst" die 
Variationen zweier auf Zufällen aufgebauten Leben.
    foto: pascal victor/artcomart

    Nacht der lebendigen Toten im nachgebauten Louvre: Valeria Bruni Tedeschi und Pascal Greggory erfahren in "Traum im Herbst" die Variationen zweier auf Zufällen aufgebauten Leben.

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