Kaffääfahrt nach Wien

27. Mai 2011, 18:22
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Was macht ein Berliner in Wien? Er geht ins Kaffeehaus, nicht nur in eines. Thomas Kapielski über kleine Mokka, Apfelkuchen und die richtige Dosis Angeranztheit – Eine Introspektion von außen

Eine Kaffeefahrt? Nach Wien? - Na ja! Gewarnt war ich: "Vorsicht, Gemahl! In Wien, da heißt das real Zielpunkt und das Aldi Hofer und das Billa noch anders!" - "Gute Gattin!", mäßigte ich: "Schnops is Schnops und Kaffää is Kafföö!" Und sie mich gleichsam: "Trink bloß nicht zu viel davon!" Start: Berlin. Fümfe uffstehen, Abmarsch. Alsdann stellen Sie sich den Autor dieser Zeilen wiewohl sehr frohsinnig vor, da er mit beschwingten achthundertfuffzich Sachen in 8500 Meter Höhe einen gutgelaunten Tomatensaft schlürft und sich denkt: Hm, gleich kommt unten ein Tässchen echter Bohnenkaffee auf uns! - Ein kleiner Brauner, ein Wiener Goldschälchen! Oder ein furchtloser Franziskaner? Mh!

Der Frohsinn verdankte sich ansonsten dem Umstand, dass der Flughafen Berlin-Tegel sehr günstig jottwehdeh liegt (vulgo: janz wunderbar drin, in der Stadt), der Flughafen Wien-Schwechat wiederum sehr ungünstig jottwehdeh (janz weit draußen), noch hinterm "Zenträu", dem Zentralfriedhof; es liegen also zwischen dem "Airport-Café Melange" und dem "Sacher Eck' auf Terminal 1" (Ja, doch, man bräuchte gar nicht unbedingt in die Stadt rein!), es liegen also zwischen hier und dem Café Korb beim Stephansdom mithin noch Christoph Willibald Gluck, Curd Jürgens, Beethoven, Brahms, Anton Wildgans und weitere drei Millionen Kremierte als auch Beigesetzte auf 2,5 Quadratkilometer, und dann ist noch die ewig lange Simmeringer Hauptstraße abzuschweißeln, und das macht schon noch 20 Kilometer Luftlinie, und dann sind wir erst richtig da.

"Egol!" Es hat ja einen CAT am Flughafen, so ein flottes "City-Airport-Teil", so heißt das, nehm ich an; mit diesem braucht es nur 16 Minuten bis mittendrin. Aber ich will alleweil ein wenig lustig und gemach anlangen, und da kutschiere ich lieber im Bus ("Äirpoad-Schüssl") zum Westbahnhof, wo ich gleich vis-à-vis rüberwackeln und in der erste Kaffeestube Rast finden und zuvorderst also das Café Westend inspizieren darf.

Café Westend

Ich sitze und notiere: Erster Tag Kaffeehausexpedition, Mi. 2. 2. 11: Das Café Westend gibt sich sehr wohlig und anmutigst verranzt und abgenutzt - wie es nämlich sein muss, ein echtes, gediegenes Wiener Kaffeehaus! (Warum das? - Später!) Es ist dies ein typisches Kaffeehaus des Volkes (ein KadeVö) mit hinten Raucheraquarium. Ich trinke einen Mokka; er schmeckt wie ein typisch-berlinischer Espresso.

Und nun traue ich mich wieder nicht zu knipsen, obwohl ich soll, damit Sie, geneigte Leser, auch was sehen. Aber wollen wir hier gleich den Touri-Dodel mimen? - Nein! Also beschließe ich so zu tun, als fotografierte ich gar nicht, und zwar folgendermaßen: Einerseits mache ich einen auf unschädlich, mache einen auf Neuanschaffung-anschauen, knipse aber unterdes untertischs mit Blitz. Fällt nicht weiter auf. Dann knipse ich ohne Blitz übertischs; hierzu ziele ich aus der Hüfte - ohne im weiten Sinne zu okulieren! - auf den ja stets imposanten Café-Deckenleuchter und die Stuckatur des betreffenden Cafés. Und nun und nachtischs muss ich diagnostizieren: Beide Schnappschüsse geben immer durchaus ein, ja sogar zwei gute Eindrücke des Betreffenden. Finde ich. Fazit Westend: 9 Punkte (auf der Skala von 1 bis 12).

Café Ritter

Jetzt schwenke ich schon mokkabeschwingt die Mariahilfer runter - so eine Straße wünschte man Berlin zurück, kleine Läden noch; die Wilmersdorfer war mal so. Von fern bestaunt und ersehnt mich, den einsatzfreudigen, eilfertigen Kaffeekoster, das weltläufige Café Ritter.

Allhier nun Fünfziger-Teak- und Eichen-Anmutungen an Tisch, Wand und Raumteiler, auch a bissl aufgebraucht alles - wie es eben sein muss! (Warum? - Später!) Wieder auch ein redliches KadeVö mit Raucherabteil, das sogar geräumiger ist als der Trockenhustenbereich! - Klar, hier rastet der abgehetzte Einkaufsbummelant und will in Frieden seinen Tschik zünden, sich eine mollige Zichte anstecken, eine labende Fluppe entfachen. Und das tut er auch! (Und ich betrachte sie hinter Glas wie Zierfische, die Rauchkringel blasen.) Gleichwohl, der Herr schuf die Rittersäle nicht für mich! - Die Torte ist mir zu sachlich, der Verlängerte allzu parteilos, das Wengenholz entseelt. Weil nun das Ritter solcher Worte wegen einschnappt, schießt es mir den Saft eines Paars Sacher Würstel in Saft mit Semmel meuchlings auf die Bein-Montur. (Und in der Kronen Zeitung rollt gleich passend eine "U-Bahn-Garnitur" übern Teller! - "Was ist das denn, bitte?" frag ich mich. Und der Herr neben mir antwortet: "Die Zusammenstellung und schickliche Reihung eines Eisenbahnzugs." - "Aha! Danke!" - "Bitte, gern.") Und ich kupple gleich begütigend einen schicklichen Anhänger an die Garnitur meiner Vokabeln - also: Wenn ich hier im Dreh zu tun und zu shoppen hätte, kehrte ich freilich bitte gern ein ins Ritter! 8 Punkte.

Café Sperl

Weiter stadteinwärts jage ich rechts ins Sperl. - Gemach! Gemach, der Herr! Die atmende Ruhe des gepflegten, distinguierten und aus Nussbaum geschnitzten Cafés bremst und umfängt mich in Güte mit Weile. Hier gibt es - ganz natürlich - keine aparte Raucherapartheid in gläsernem Raucherappartement, sondern alt-gediegene Nichtraucher wiegen sich allumher und sinnen und summsen untereinander oder beisammen an Tischen und in Nischen. Alles in Naschmarktnähe übrigens.

Am Nebentisch freilich will eine frische Burschenschaft entzücken: Die vier Zehnjährigen speisen vergnügt Croque-monsieur-Spezialtoast und zeigen sich ihre leibhaftigen Händis sowie deren Wunder. Ein betuliches, ansehnliches Gasthaus, das Sperl, und ewig schade nicht verranzt, wie es doch eigentlich sein muss! (Warum? - Gleich!) Freilich ist es gut geeignet für Pauschal-Berliner, die ein Kaffeehaus wünschen, wie sie sich eines vorstellen, und es scheint auch tauglich für nach Schulschluss. Und von mir kriegt es 6 Punkte und eine Empfehlung für Pauschal-Berliner mit unechten Vorstellungen.

Also nun endlich: Warum? - Warum muss es verranzt sein? Warum muss ein Kaffeehaus abgelebt und abgewirtschaftet sein? - Weil: Renovieren geht gar nicht! Denn zum einen müsste unterdes zugesperrt werden; der Betrieb aber und der Gast erst recht dulden keine noch so bemessene Unterbrechung! Zum anderen aber erträgt der Gast, weder der gute noch wahre Stammgast, grundsätzlich keinerlei Veränderung! Er altert und schwindet lieber synchron mit seinen Wirtschaften; er zehrt aus wie sie und gewöhnt sich an den äußeren wie eigenen Gilb- und Grindwuchs. Schon gewaschene Gardinen sorgen für drei Tage Fassungslosigkeit!

Café Bräunerhof

Nachmittags nun ein journalistischer Pflichtcheck des Café Bräunerhof. Es ist zu kontrollieren, ob Thomas Bernhard sich dort irgendwie doch noch hat halten können und oben drüber auch die Wittgensteins. Scheint so.

Als ich eintrete, gucken alle so komisch!? -: Ja, bin ich denn, ist er denn, sind wir denn etwan der weltbekannte Thomas B. Wittgenstein? - Eindeutig nein! Mithin gucken nun alle, ob man selbst guckt, ob sie es denn etwan seien? - Auch sie sind es nicht. Also gucken nunmehr alle so, als ob sichs Gucken eh nicht lohnte, und senken ihre Blicke enttäuscht zurück ins Halbgelesene oder auf den presssack-hell-marmorierten Bodenbelag.

Der Laden ist ausnehmend schön, kleiner als sonst die Häuser, sehr behaglich, übersichtlich und leider eine Spur zu gepflegt. Zum Ausgleich sitzt aber sogar ein Österreicher Marinegeneral (ein Wiedergänger T. B.s zur See?) hier ein und brummt zufrieden überm Jagertee. Und ich proste ihm mit der heute fünften Tasse zu - und vier, fünf Mokka werden es heute schon noch sein müssen! Und wenn hier einer rauchen will, kann er gleich nach draußen gucken, ob draußen einer guckt.

Café Korb

Der Abgleich des berühmten Schriftstellercafés Bräunerhof mit dem prominenten Schriftstellercafé Café Korb ist Pflicht und möglichst zeitnah zu erledigen. Also stapfe ich, mokkabeheizt, gleich rüber um den Dom herum, wiedebumm, ins Korb. Doch der Korb ist voll, da passt kein Eierkopp mehr rein. Ich kannte es freilich von früher und erspare mir eine weitere Tasse.

Dem ungeachtet, gehen Sie ruhig rein ins Korb oder Bräuner! Beide liegen mittig, beim Stephan. Die Jelinek ließ sich bezüglich des Korbs sogar mal in etwa so vernehmen: Wer dran vorbeitrabe, am Korb, und nicht hineinstrebe, ins Korb, der sei irgendwie sowieso selber schuld und so weiter. Also: das Bräunerhof und das Korb kriegen 13 Punkte und sollen sie sich gefälligst teilen.

Café Griensteidl

Joachim Otte, meine Wien-Forschungs-Intendanz von Corso, hat mir, um mein gegenstrebiges Wesen wissend, beizeiten zur Pflicht gemacht, auch die prominenten Cafés und speziell auch das Grieneisen zu inspizieren - excuse-moi, das Café Griensteidl natürlich! Nun, in Berlin hätte es längst irgendso einen Spitznamen weg, und den Wiener Schmäh verrät mir keiner, und an "Café Größenwahn" glaube ich nicht! Ich finde es schepp. Und doof. (Schwer Platz zu finden, auch Altenberg, Hofmannsthal, Schnitzler und Zweig sollen früher viel belegt haben hier!) Nun, wer nicht fühlen will, muss hören, wie sich der ganze hiesige griensteinelnde Tortenapparat so für gewöhnlich verlauten lässt: "Die Bläck-Forest-Toatn für den Herrn, bittschön!?" - "Yes." - "Bitte gern, please!"

Und mein Futter erst! - ein Zwiebelrostbraten: gräulich im Abgang, grieslich und teuer und dann noch zu kleine Portion! (Wie diese alte grieneiserne Anekdote zu foppen weiß.) Allein, Leser, wisse: Auf gastronomischer Dienstreise ist der Reporter gehalten, durchaus auch schlecht essen und recherchieren zu gehen! Einen Magen braucht's wie Parkettboden! Und das ist ja dann auch noch die Höhe dort: das Parkett im Steidl - so was Ungepflegtes, so was Gemeines, Parkettverachtendes: "Öl mich", ruft es! "Öl und wachs mich!", wimmert's. Wahlweise 2 Punkte oder 1 Zonk.

Café Tirolerhof

Das Parkett ist auch im Café Tirolerhof ausgezehrt und verzweifelt, aber hier muss es das, und es sieht das selbst ein, und es ist dies, fürs Parkett, ein Akt der Hinnahme und Demut und des Mitleidens. Hier gefällt es mir mal vorerst am besten: Im Tirolerhof irgendwie der temperamentfahle Charme Osteuropas, eine gute Dosis "Tschusch" und das gilbe Weh des lang schlafenden Riesen-Ostblogs, - nee, - blocks (Das Internet wird uns noch kirre machen!), das umweht einen hier. Alte Damen mit Hüten bedecken den Plan.

Und hier würde ich glatt, so mich eine Verzweiflung übermannte und mir diese einen Wiener Vollsuff abzutrotzen sich anheischig machte, hier täte ich glatt den Tag über Schnops und "Rabiatperle" (vulgo: Schilcher) saufen und greinen und härmen bis hin zum stillen Weinen und Erbrechen. Der hiesige Apfelkuchen übrigens ist ein famoser Strudelhybrid und gar nicht süß, sondern tauglich!

(Mal nebenbei: Es schickt sich nicht, ins Kaffeehaus zu laufen, um sich dort einen anzublasen. Besoffene oder grob Angflaschelte erlebt man hier, nun, sagen wir: eher selten. Für den Fall einer Finsternis und eines Dranges stehen in Wien "Beisl" zur Verfügung!) Und die Tirolerhof-Kellner erst - die entzückenden, die holdseligsten! -, sie haben gewiss allesamt beizeiten den Gast-Ignorierkurs für Alt-Ober bei der Wiener Innung bestanden, oder aber sind sie Naturtalente? Und da die gelegentlich hereinbrechenden Schnorrer hier noch frecher sind als bei uns dahoam in Berlin, sind's die Ober nur noch nöcher!

Hier passt es mir heute am besten, hier will ich sein und leben, wenn nicht sterben! Und so wie hier muss es sein, so herrlich verdorben und oxydiert! 13 Punkte.

Café Eiles

Anderntags saß ich gleich früh im Café Eiles ein, sehr angenehm. Das Eiles gewährt mir auf den Punkt genau den mir Wohlbefinden erzeugenden Grad an Gardinengilb! Und heischt desgleichen 13 volle Punkte! Denn ich hätte eigentlich heulen müssen: Am Schloss krabbelte ein Völkchen Kleinkinder umher, und eines weinte bitterlich nach der "Mama!", unterdes die Gärtnerinnen herzlos ignorierten. (Auch dort Fortbildungskurse?) Ich hätte den Kummerbalg packen mögen und knuddeln und ihm die Mama fest versprechen. Allein in dieser Zeit, da jede Zeitung voller Titten prangt und alle machen, was sie wollen, säße ich vermutlich fixiert auf einer Wiener Wache eini - und müsste zum Psychopathologen! Niemals! Nochmals: 13 Punkte.

Café Hummel

Und bloß schnell ("schnöö!") hinauf die Josefstädter ins Hummel - denn das ist das wahrhaft allbeste! Die Nummer eins und gleich 19 Punkte ohne Wenn und Aber auf der Skala von 1 bis 12 fürs Café Hummel, Hummel!

Ums Eck und höchstwahrscheinlich auch hier drinnen wohnte einst der gute H. C. Artmann. Und ich setze mich doch lieber zum Artmann als ins Bräuner neben den Geist vom Bernhard oder zur Elfriede ins Korb!

Der Hummelhauptraum und Tresen ist Raucherbereich, und die Nichtraucher können nun mal sehen, wie es sich so anfühlt in den Glaskäfigen für sanitäre Ausgrenzung. An der Decke prunkt und prallt kunstflorales Handwerk, und an der Wand hängt eine Urkunde, die beglaubigt: Das Hummel amtierte 2008 als ein Umweltpreissieger! - "Wieso das denn?" - Nachbar: "I waß es ah ned." Na gut, wir lassen es so im Rauche stehen und bestellen: die Blunzen! - "Bitte, gern!" Und sie kommt. Und Jessas! sie hängt jede Berliner Blutwurst, auf die wir uns einiges einbilden, mehr als nur ab, sondern auf, auf und davon und lässt sie, unsere fettqualle Berliner Blutwurscht, ganz schön blöd aussehen, diese elegant resch-geschmelzte Wiener Blunzen. Und das um kleines Göld! - "Bitte, gern!"

Café Bendl

Das Café Bendl ist natürlich ein Kapidl für sich und dem gebeugten Volke als Café Bücke-dich vertraut und geläufig. Ich hielt es eingangs für so ein verrucht-verflicktes Bück-dich-Center! Nun, verrucht ist es schon und schön finster auch und ganz ungeniert sowieso, unterdes die Wurlitzer-Musike haushoch im Verlies steht. Aber beim Einstieg ist eben angeraten, sich etwas zu bücken. Sonst gibt's aufs Haupt! Touristen sowieso. Ich kann nur warnen! Geht lieber zurück ins Grieneisen! 10 Gefahrenpunkte.

Café Rathaus

Genau gegenüber wohnt das Café Restaurant Rathaus, und wer eine Mutprobe wünscht, aber nicht die im Bendl, der läuft eben anstatt ins Bücke-dich gleich rüber über die Landesgerichtsgasse (so breit wie das Wort, so riskant wie der Sachverhalt) und riskiert es mal. Schafft man es bis hinüber ins Rathauskaffee, dann übermannt einen dort gleich der ewige Friede und ein vorgezogenes Himmelreich. Die Raucher residieren vorn, und das Volk tümelt beschaulich und fast schon einnehmend volksungetümlich all umher im Hauptraum und seinen zwei Flügeln. 18 ambrosische Punkte ans Caférathaus.

Um einen neuerlichen Kaffee laufe ich nun den dritten Tag ins Tiroler und ins Hummel und auch ins Eiles, meine drei akuten Stammcafés. Was wurde uns der Kaffee stets als ungesund und Flüssigkeitsräuber und der "Schlagobers", die Sahne, als Fettmacher vermiest! Dabei laugt der gelobte Kürbis zum Speibeil viel ärger noch und zieht Harn wie nichts! Und fett macht das klamme Vollkorn, sonst nichts!

Ach ja, die Ober kennen mich nun schon: "Ja, wie schaun Sie denn aus? Scho ganz verändert, der Herr Professor!" - "I bin die Nacht mit an Kaffeezittern im Bett herumgestonden." - Betretenes: "Bitte, gern."

Warum setzt man zur Kaffeestubenrecherche keinen gefeiten Wiener ein? Nun, aus schlicht systemtheoretischen Gründen (Bielefelder Art): Ein Wiener selbst, ein pragmatisierter und koffeingestählter, der ist nämlich praktisch theoretisch blockiert, denn er ist ja ohnehin alltags und professionell Kaffeehausbeobachter und kann sich darum schlecht selbst beim Kaffeehausbeobachten beobachten. Er leidet am blinden Fleck und sieht es nicht mal. Da muss dann eben, sagt die Regie vom Corso, ein Berliner ran, einer, der so wie ich sonst im "Zum blinden Fleck" rumsitzt!

Café Weidinger

Folglich weiter! Ins Café Weidinger, das sich freundlich verschlissen in blassblaues Taubengrau kleidet, und wo am Raumeck ein Kübel Büroschwerter (Sorte: sansevieria trifasciata) für dezente Floralzier sorgt und die Luft zu reinigen sich anstellig zeigt. Es hocken akut außer mir noch manche Kreativkohorten (Marke: Kunststudenten) im Weidinger; sie gehen halt gern unters Volk und machen sich dort gemein. Sollen sie!

Du aber sollst nicht spielen Karten mit einem, der spielt Karten mit einem wie Dir! (1. Buch Jolesch) - Etliche, aber und einige aus dem gemeinen Volke schbüjn hier trotzdem: Würfel, Schnapsen oder Préférence (wenn einer "Treff!" brüllt) oder Sechsundsechzig (wenn einer "Daus! Die Sau zählt elf Augen!" brüllt). Auch Kreuzworträtsel: "Wasservogl mit am Z voarn?" - Einer weiß es: "Zwoa Entn!" - "Danke." (Scheint zu passen!) - "Bitte, gerne." - Nun, Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist (2. Buch Jolesch). 12 Punkte.

Café Central

Und abermals noch einen Pflicht-Check-Mokka im Café Central. Wo die Amerikaner und Japaner und alle anderen Indianer einkehren. Dort fühlt es sich an wie Kaffeetrinken im Bad Doberaner Münster. Das hohe Haus ragt hinauf in gotische Gewölbe. Und jede Menge Gegend hat's hier!

Ein lustiger Kerl namens Schneider behauptet irgendwo ganz verkehrt, Berlin sei halb Leberwurst und halb Wien. Mathematisch löste sich die Formel dann auf Wien so auf: Wien = 2 mal Berlin weniger 1 Leberwurst. Dass das aber Unfug ist - die Blunzen nicht mal mit eingerechnet! -, das sieht man gleich hier, wo sich die Indianer "Mohr im Hemd mit Schlagobers" bestellen! Trotzdem nicht ganz schlecht hier, also 5 Punkte. Und fast geschafft, gleich gegessen - nur noch das Ding da am Burgtheater noch!

Café Landtmann

Obzwar wiewohl im gediegenen Café Landtmann, im geschätzten semi- als auch derni-prominenten Ding am Burgtheater dort alles ganz gut anläuft, kann ich plötzlich nicht mehr! Keiner geht mehr eini! - meines Mokkatremors wegen! ("Tremoribundi te salutant." J. Otte)

Darum schlürfe ich nur noch allfällig Kakao und stopfe mir resignierten Topfenstrudel - denn: Quark macht stark! - in den Rumpf. Und auf einmal wird mir im Wundsein gewahr, warum sie eigentlich alle himmlisch sind, diese Wiener Caféhäuser, allesamt tröstlich: Nirgends und nie wallt und schwallt Musik auf den Besucher ein! Atmende Stille umfängt den Gast. (Und die ausnahmsweise aus dem Wurlitzer im Bücke-da, die läuft nur nachts und um Geld.) Und wie ist der Kaffee nun so in Wien? - Der ist Nebensache. Und der ist so je nach dem: Wo?!

Und dann mache ich meinem Freund, dem Wiener Dichter Jaschke, zum Schluss zwei unsittliche Anträge: "Gerhard! I möcht zum Kotzen anfangen. Und i wü jetzt a Bier!" Da sagt er höflich: "Bitte, gern!" Und ich lege nach: "Außerdem will ick jezze janz flott zum CAT!" (Und schnöö hoam "Zum blinden Eck"!)

Thomas KapielskiCorsoThomas Kapielski wurde am 16. 9. 1951 in Berlin-Charlottenburg geboren. Er studierte Philologie, Physische Geografie sowie Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet als Schriftsteller, Künstler, Musiker (Mitglied im Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester) und Dozent. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher "Mischwald" (Suhrkamp) und "Zeitbehälter" (Merve). Der Text über die Wiener Kaffeehäuser wird in der Wien-Ausgabe von "folio" ("Corso") am 12. Juli erscheinen.

  • Café Weidinger: 12 Punkte!, so urteilte der Berliner Tester über das 
Gürtel-Kaffeehaus.
    foto: der standard/robert newald

    Café Weidinger: 12 Punkte!, so urteilte der Berliner Tester über das Gürtel-Kaffeehaus.

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    foto: der standard/heribert corn
  • Korb, Eiles, Central, Ritter, ... Ach ja, die Ober kennen mich nun 
schon: "Ja, wie schaun Sie denn aus? Scho ganz verändert, der Herr 
Professor!"
    foto: der standard

    Korb, Eiles, Central, Ritter, ... Ach ja, die Ober kennen mich nun schon: "Ja, wie schaun Sie denn aus? Scho ganz verändert, der Herr Professor!"

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  • Hier würde ich glatt, so mich eine Verzweiflung übermannte und mir diese
 einen Wiener Vollsuff abzutrotzen sich anheischig machte, hier täte ich
 glatt den Tag über Schnops saufen ...
    foto: der standard/guenter r. artinger

    Hier würde ich glatt, so mich eine Verzweiflung übermannte und mir diese einen Wiener Vollsuff abzutrotzen sich anheischig machte, hier täte ich glatt den Tag über Schnops saufen ...

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