Kreuzschmerzen

"Das Schönste ist, wenn ich einen Knacks höre"

29. Mai 2011, 16:58
  • Artikelbild
    foto: standard/www.corn.at

    Peter Hieke ist Orthopäde in Wien und Vertreter der Manuellen Medizin, die er beim Orthopäden Hans Tilscher gelernt hat und seit 30 Jahren anwendet.

    Der Orthopäde Peter Hieke beobachtet seit 30 Jahren Schmerzpatienten. Ein "echter" Bandscheibenvorfall passiert meist bei psychischer Belastung, vieles andere sei auch ein Hexenschuss.

Wie entstehen Kreuzschmerzen und wie wird man sie los? Der Orthopäde Peter Hieke über die Prinzipien der Manuellen Medizin

Standard: Sie behandeln seit 30 Jahren Menschen mit Kreuzschmerzen. Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dafür?

Hieke: Es gibt viele Ursachen für Kreuzschmerzen. Es kann Luftzug sein, aber auch Bewegungen, die Heben und Drehen verbinden - beispielsweise etwas Schweres aus dem Auto heben -, können Schmerzen auslösen. Oft, und das sage ich ganz ehrlich, gibt es aber auch überhaupt keinen Auslöser.

Standard: Wie erklären Sie sich die Schmerzen?

Hieke: Als Vertreter der Manuellen Medizin gehe ich davon aus, dass die Wirbelsäule das tragende Element des Körpers ist. Wenn es zwischen den Wirbeln zu einem Problem kommt und dadurch ein Gelenk gestört wird, versucht der Körper, es ruhigzustellen. Das macht er durch die Muskulatur, und genau das führt dann zu Verspannungen. Sie sind ein Ausdruck des Wirbelproblems.

Standard: Was ist eine Blockade?

Hieke: Das wissen wir alle bis heute eigentlich gar nicht genau, denn man kann solche schmerzauslösenden Ereignisse in einem Röntgenbild nicht erkennen. Wir sehen, dass eine Blockade die Beweglichkeit einschränkt, und versuchen, diese wieder herzustellen. Nach 30 Jahren Berufserfahrung sehe ich, wo es Menschen wehtut. Meistens lässt sich das sehr schnell sogar an der Körpersprache feststellen.

Standard: Können Sie beschreiben, was Sie mit Schmerzpatienten machen?

Hieke: Eine ganz zentrale, erste Frage ist immer, wie lange die Schmerzen schon bestehen. Alles unter drei Wochen fällt unter akut. Ich untersuche Patienten im Liegen, überprüfe die Beweglichkeit der Gelenke, vor allem auch der Hüftgelenke, die bei Kreuzschmerzen gerne vergessen werden. Überbeweglichkeit oder Abnützungen haben einen Effekt auf die Wirbelsäule. Sobald ich die Problematik erkannt habe - ich habe sie dann im wahrsten Sinne des Wortes begriffen -, versuche ich durch Reflextherapie die Blockaden zu lösen.

Standard: Mit Kraft?

Hieke: Eigentlich nein, die Manuelle Therapie ist sehr sanft, sie besteht aus einer Reihe von Grifftechniken, die einen sehr langen Hebel auf die jeweiligen Gelenke haben. Das Schönste ist, wenn ich einen kleinen Knacks höre, dann weiß ich, dass ich Dinge wieder ins Lot gebracht habe.

Standard: Geben Sie auch Spritzen?

Hieke: Ja, in der Manuellen Medizin wird das als Neuraltherapie bezeichnet. An ganz bestimmten Punkten im Körper spritzen wir ein Lokalanästhetikum, setzen auf diese Weise einen Reiz, der Verspannungen löst.

Standard: Spüren Patienten immer sofort eine Erleichterung?

Hieke: Das ist unterschiedlich. Je schneller sie mit ihren Schmerzen zu mir kommen, umso rascher lösen sich Verspannungen auch wieder, je länger ein Schmerz bereits besteht, umso länger ist auch die Behandlungszeit.

Standard: Viele Kreuzwehpatienten sagen, sie hätten einen Bandscheibenvorfall.

Hieke: Ich denke, dass diese Diagnose viel zu häufig gestellt wird. Meine Erfahrung zeigt, dass der Bandscheibenvorfall fast immer mit schweren psychischen Belastungen verbunden ist. Es gibt auch den normalen Hexenschuss, eine Blockade im iliosakralen Gelenk, also im vierten und fünften Lendenwirbel, das ist sehr häufig.

Standard: Behandeln Sie auch Migräne?

Hieke: Ja, sehr oft. Interessant ist, dass die meisten Migräniker irgendwann mal ein Schleudertrauma hatten, einen Auffahrunfall zum Beispiel, den viele, weil er schon lange zurückliegt, schon vollkommen vergessen haben. Oft vergehen Jahre, bis die Folgen des Schleudertraumas spürbar werden, sehr oft als Migräne, aber auch als Schulter-Arm-Syndrom. Aber natürlich gibt es auch andere Ursachen für Migräne. Orthopäden sollten aufpassen, nicht alles immer auf die Wirbelsäule zu projizieren.

Standard: Für wie wichtig halten Sie Bewegung?

Hieke: Als ich vor 30 Jahren mit meiner Praxis begann, waren die Patienten durchschnittlich 50 Jahre. Über die Zeit meiner beruflichen Tätigkeit sind sie immer jünger geworden. Diese Tendenz zeichnet sich sehr eindeutig ab. Meine Theorie ist, dass Menschen, die ohne Autos aufgewachsen sind, sich mehr bewegt haben und deshalb weniger schnell Probleme bekommen.

Standard: Ist das ein Plädoyer zu mehr Sport?

Hieke: Nicht unbedingt, denn ich glaube, dass Fitness-Studios nicht jedermanns Sache sind. Wenn jemand ein Bedürfnis nach Bewegung hat, dann soll er dem nachgehen, wenn nicht, dann nicht.

Standard: Ist der Mensch eher ein Bewegungstier oder ein Rumlieger?

Hieke: Solange man sich im Alltag bewegt, Treppen steigt etc., tut das dem Körper sicher gut.

Standard: Gibt es Menschen, die zu Kreuzweh neigen?

Hieke: Ja, zum Beispiel Familien, in denen eine Hüftproblematik vererbt wird oder Skoliosen.

Standard: Kann man prophylaktisch etwas gegen Kreuzschmerzen machen?

Hieke: Die Manuelle Medizin wird erst bei Schmerzen aktiv. Das verwundert Patienten zwar immer wieder, aber es bringt nichts, vorsorglich zu kommen. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 30.05.2011)

Wissen:

Manuelle Medizin

Die Wirbelsäule als zentrale Achse im Körper besteht aus 29 Wirbelgelenken und reagiert trotz ihrer starken Segmentierung als zentral gesteuerte Einheit. Kommt es in einem Segment zu Störungen, wirkt sich das auf den gesamten Bewegungsapparat aus. Bei der Fehlfunktion eines Gelenkes passiert Folgendes:Der Körper versucht, die schädigende Bewegung zu sperren. Die Weichteile um die Gelenke spannen sich, das wiederum verursacht eine Irritation der nervlichen Strukturen, die sie umgeben, die Folge: Schmerzen, die bis in die Extremitäten ausstrahlen können.

Die Manuelle Medizin versucht, diese Störungen in Gelenken zu lokalisieren und die Blockade in den Gelenken als Ursprung der Beschwerden durch gezielt gesetzte Reflexe zu beheben. Konkret handelt es sich um eine Reihe spezifischer Handgrifftechniken, die auf die gestörten Gelenke einwirken. Dabei werden Gelenke in Vorspannung gebracht, wobei die passive Beweglichkeit erreicht wird. Dann wird aus dieser erreichten Extremstellung einStoß ausgeführt. Dabei werden die Gelenkflächen voneinander abgehoben - es kommt zum Gelenkknacken, das als Zeichen dafür gilt, dass die Blockade aufgelöst ist. In der Folge lösen sich auch Verspannungen, und die Schmerzen verschwinden.

Diese Art der Handgrifftechnik existierte in der Volks-medizin schon immer. Der Begriff Manuelle Medizin entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Begründer gilt der tschechische Neurologe Karel Lewit, Verfasser des Standardwerks Manuelle Medizin im Rahmen der medizinischen Rehabilitation. Der Orthopäde Hans Tilscher hat diese Methode in Österreich im ärztlichen Umfeld der Orthopädie eta-bliert.

Damit unterscheidet sich Manuelle Medizin von vergleichbaren anderen Techniken wie etwa Chiropraktik oder Osteopathie. Zudem wendet sie bei der Wiederherstellung der Gelenkfunktion auch eigene Handgriffe an und setzt Medikamente ein. Ärzte in Österreich können Manuelle Medizin im Rahmen von Fortbildungen erlernen. (pok)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2
Sobieski
00
29.7.2011, 20:03
Feldenkrais ist das Beste!

Da kann man sagen was man will: Feldenkrais für jede Lebenslage. Die Erkenntnisse von Herrn Dr. Feldenkrais gibt diesen Spritzendoktor unrecht.

Erich Putz
01
31.5.2011, 21:06
Krafttraining hilft langfristig

Nach zahllosen manuellen Behandlungen, unzähligen Spritzenkuren, Massagen etc. über Jahrzehnte hinweg, begann ich vor ca. 8 Jahren mit einem speziellen maschinellen Krafttraining für die Wirbelsäule. Seither bin ich praktisch schmerzfrei, kann ohne Probleme schwere Kisten etc. heben oder Heckenschneiden. Meiner Meinung nach ist manuelle Medizin hervorragen für Akutbehandlungen aber bringt keine langfristigen Erfolge.

Schnee von gestern
00
14.6.2011, 12:58

Trainieren sie mit David-Geräten?

marty fink
00
Korrekt!

++ THOR ++
11
31.5.2011, 09:31
So eine kleine süsse Japanerin, die auf dem Rücken läuft. Das wär mal was.

Ben Hemmens
02
30.5.2011, 21:16
am besten ist es für unser aller wirbelsäule,

wen wir zum posten aufhören

Mirstetta Toni
01
30.5.2011, 17:21
Der Mann ist wirklich gut!

Xamedes
01
30.5.2011, 15:44
Vorsicht

Das "Knacksen" kommt meistens nicht von eingerenkten Knochen oder dergl. sondern von kleinen Gasbläschen.
Die möglichen negativen Folgen von Osteopathie sind hinreichend dokumentiert. Hier so zu tun als sei das Gelenkknacken per se ein gutes Zeichen ist unverantwortlich. Wieder einmal beweist der Standard bei Gesundheitsthemen seine unkritische Haltung / mangelnde Recherche.

randy hickey
10
30.5.2011, 20:52

dann mal her mit den daten!

bin schon gespannt!

Xamedes
00
und?

Das soll jetzt aber kein Gegenargument sein, oder?

randy hickey
20

ein gegenargument ist ja auch nicht notwendig. wollt ihnen nur naeher bringen, was im allgemeinen unter daten (meine frage dannach im ersten posting) verstanden wird.

ansonsten bin ich mir ziemlich sicher, dass sie selbst keine ahnung von ihren "gasblaeschen" sowie adhaesionskraeften zwischen gelenksflaechen oder sonstiger anatomie, physiologie, pathophysiologie, orthopädie haben. insofern ist eine diskussion auch nicht noetig.

mfg

Xamedes
01
typische antwort eines esoterik befürworters

ad personam argumentation - mehr gibts dazu nicht zu sagen
der hinweis auf daten - metadiskussion - soll vom eigentlichen thema ablenken

EOD

randy hickey
11

falscher lagen sie wohl nie.

tomde
00
31.5.2011, 10:17
Negative Folgen?

Habe den Artikel zugegeben jetzt nur überflogen. Von Ngeativen Folgen steht da aber nichts drinnen! Lediglich, dass die Wirksamkeit noch nicht wissenschaftlich belegt worden ist. Vermutlich wird das aber ohnehin nie gelingen. Das Osteopathie wirkt, liegt sicherlich auch daran, dass sich der Therapheut mit dem Menschen beschäftigt. Ihn mit den Händen berührt. Diesen Effekt wird man vermutlich nicht so schnell wissenschaftlich belegen können.
Mir und vielen anderen hilft Osteopathie. Das ist das Entscheidende!
Einmal war vor mir eine Frau mit steifen Hals in Behandlung. Nach der Behandlung konnte sie den Kopf ohne Schmerzen wieder bewegen. Alles ohne jegliche Medikamente...

Arjuna, the beautiful
00
30.5.2011, 17:48
Negative Folgen

Die möglichen und tatsächlichen negativen Folgen der sog. Schulmedizin sind ebenfalls hinreichend dokumentiert.

motzmotz
00
30.5.2011, 13:05
dr. hieke hat mehrfach mein leben gerettet

nach schmerkhaften hexenschüssen.
und seine assistentin ist die best-organisierte & schnellste der welt

Mirstetta Toni
00
30.5.2011, 17:17

mir hat er meinen tennisarm weggeknaxt nachdem schon einige seiner kollegen das messer ansetzen wollten.

Sir Robert von Locksley
00
30.5.2011, 16:34
Wer ist jemals an einem Hexenschuss GESTORBEN???

Graf Robert von Donnerstag-Dachsenstein
00

Erschossene Hexen.

Hildegard Fatahtouii
 
01
30.5.2011, 12:09
Phantastischer Arzt

Ich bin sehr froh, dass es noch Ärzte gibt, die einen schmerzgeplagten Patienten nicht zuerst zum Röntgen, zur MRT und zur physikalischen Therapie schicken, sondern wie Dr. Hieke mit seinem Wissen und seiner Erfahrung eine Diagnose stellen können und auch wollen, den Patienten zuerst einmal von den ärgsten Schmerzen befreien und dann erst die üblichen Überweisungen schreiben.
Was für Schmerzpatienten auch sehr wichtig ist: Man bekommt innerhalb weniger Tage einen Termin und die Wartezeit in der Ordination ist dann sehr kurz.
Bei dieser Gelegenheit auch ein Dankeschön an seine Assistentin, deren Telefon ständig klingelt, die aber trotzdem immer freundlich bleibt und den Überblick nicht verliert.
Ich kann Dr. Hieke wärmstens empfehlen.

seebaer
00
30.5.2011, 11:41
Katastrophale Behandlung!

Ich war mit Knieproblemen dort und die Behandlung hat insgesamt, also mit Begrüßung und Verabschiedung, keine drei Minuten gedauert. Die Diagnose von Knieproblemen dürfte bei Ihm standardmäßig ablaufen. Ein kleines "Jaukerl" mit einem Anästhetikum und das war es dann?!? Nie wieder!!! Eine Diagnose bzw. anschließende Therapie sieht anders aus. Noch dazu müßte er bei Gabe einer Spritze dem Patienten vorher über das verabreichte Mittel bescheid geben. Sein Kommentar war " ist praktisch wie eine Akkupunktur".

Arjuna, the beautiful
00
30.5.2011, 10:36
Erfahrungen

Kenne Hr. Hieke noch nicht, möchte aber meine Erfahrungen mit mehreren "normalen" Orthopäden wiedergeben:

Es gibt offensichtlich nur 2 Standard"lösungen":
- "Wollen Sie eine Spritze"
- "Machen Sie Gymnastik"

Der Gipfel war jener erfolgreiche "Dr.", bekannt aus Internet und Fernsehen, dessen erste und einzige Frage lautete "hamms a Privatversicherung?" Danach erklärte er mir, was er auf Kasse alles nicht macht. Übrig blieben "Spritze und Gymnastik".

Hilfreich waren bislang hauptsächlich ein von der Ärztekammer angefeindeter echter Chiropraktiker (mehrjähriges Studium statt Wochenendkurs), Dorn Preuss Massagen und moderates Krafttraining.

Dirty Sanchez
 
14
30.5.2011, 10:21
Die Behandlung

im Asia-Massage-Studio hat immer wahre Wunder gewirkt. Die wissen halt, wozu Hände gut sind! Und die Behandlung ist billiger als die beim Osteopathen/Chiropraktiker, aber ungleich entspannender.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.