Die westliche Welt hat anscheinend schon die Ereignisse im japanischen Fukushima verarbeitet. Haben wir nichts daraus gelernt?
Als ich das erste Mal den Namen Fukushima gehört habe, bin ich in meinem Bett gelegen. Ich habe Radio gehört, es waren gerade Nachrichten. Ich habe gehört, dass von dem Erdbeben und der Flutwelle in Japan ein Kernkraftwerk betroffen ist. Und dann habe ich mir gedacht, dass wir sehr lange von diesem Ort reden würden. Nun, ich habe mich offenbar geirrt. Wir in der westlichen Welt sprechen schon länger kaum noch von dem havarierten Atomkraftwerk, zumindest nicht in meiner näheren Umgebung. Für uns hat wohl schon "das Leben danach" begonnen. Wir haben die Katastrophe schon mehr oder weniger aufgearbeitet, denn was können wir noch großartig tun? Ja, wir können Grün wählen. So geschehen in Deutschland. Ja, wir können Geld an Japan spenden. Ja, Fukushima ist passiert. Und nun? Leben wir damit? Einfach so?
Die ganze Welt ist von einem Reaktorunfall betroffen
Rede ich mit Bekannten darüber, erlebe ich immer wieder Reaktionen, die von "Nein, wie schrecklich!" über "Was soll ich machen?" sogar bis hin zu "Ich kann's schon nicht mehr hören!" reichen. Nun ja, wir können es uns leisten, es nicht mehr hören zu wollen. Wir schon, die wir tausende Kilometer entfernt von dem havarierten Atommeiler leben. Die Japaner können das nicht. In der Provinz Fukushima ist ein riesiges Gebiet verstrahlt. Es ist für Generationen unbewohnbar. Uns war klar, dass der Unfall in Japan einer riesigen Katastrophe gleichkommt. Wir haben die Japaner bemitleidet, wir haben mit ihnen gefühlt und im gleichen Moment haben wir uns gedacht: Gott sei Dank ist es nicht bei uns passiert. Und langsam verdrängen und vergessen wir die Ereignisse. Dabei haben wir doch schon erlebt, wie es ist, wenn sich in unmittelbarer Nähe eine Atomkatastrophe ereignet. Gerade wir sollten wissen, wie das ist. Damals, 1986. In der damaligen Sowjetunion. Tschernobyl. Die ganze Welt ist von einem Reaktorunfall betroffen, wir dürfen so etwas nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sei es durch erhöhte Toleranzwerte der Radioaktivität im EU-Raum bis hin zu verstrahlten Lebensmitteln. Doch wir müssen daraus Konsequenzen ziehen, für uns und unsere Nachwelt.
Und was sind die Konsequenzen?
Konsequenzen zu ziehen, ist einfacher zu sagen als zu tun. Momentan sieht es so aus, als kämen wir um den Atomstrom nicht herum. Es gibt zu wenig Innovationen auf anderen Gebieten, zu wenig großflächige Lösungen. Einer der Mitbegründer von Microsoft, Bill Gates, erklärte etwa in einem Interview mit dem Wired Magazine, dass er kaum Alternativen zur Kernenergie sehe, da es an ebendiesen großflächigen Lösungen, wie Solaranlagen in der Wüste oder Windkraftanlagen auf dem offenen Meer, mangle. Es werde an den falschen Ecken und Enden investiert, was dazu führe, dass es kaum brauchbare Alternativen gäbe. Eine Energiekrise wäre mit der aktuellen Politik nicht zu meistern. Wie dann? Durch uns, durch die Konsumenten.
Um Atomstrom überflüssig zu machen, können wir einen immens großen Beitrag leisten: Wir sparen Strom. Und was wir alles tun können, um Energie zu sparen, haben wir schon sehr oft gehört. Wir tun es oder wir lassen es, mehr Möglichkeiten gibt es auch schon nicht mehr. Ob man stromsparende Maßnahmen trifft oder nicht, ob man auf alternative Energien setzt oder nicht, ist jedermanns eigene Entscheidung. Aber eines muss uns allen klar sein. Was wir tun können mag nicht nach viel klingen. Doch irgendwo muss man anfangen. Irgendjemand hat einmal gesagt, dass jede Reise mit dem ersten Schritt beginnt. Und es liegt in diesem Fall an uns, an niemandem sonst, diesen ersten Schritt zu setzen. Denn wenn wir es nicht tun, wer tut es dann? Solange sich hier in unserer Einstellung und im internationalen Bewusstsein nichts ändert, solange wird es immer wieder neue Fukushimas und Tschernobyls geben. Und das betrifft letztlich uns alle. (Leser-Kommentar, Raphael J. Spötta, derstandard.at, 27.5.2011)