Chiangs Millionenadler

27. Mai 2011, 18:08
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Politisch motivierte Ehrenbilder und Symbole der Alltagskultur stehen in der Volksrepublik hoch im Kurs. Vor allem beim chinesischen Geldadel

Qi Baishi war 86 Jahre alt, als er 1946 kurz vor Ausbruch des innerchinesischen Bürgerkriegs dem damaligen Staatschef Chiang Kai-shek ein Geburtstagsbild verehrte. Der weltbekannte Maler malte dem Generalissimo zum sechzigsten Lebensjahr einen Adler auf Kiefernbaum. Dazu pinselte er seinen Gratulationswunsch: langes Leben und Frieden in der Welt. Als Chiang 1949 vor den kommunistischen Truppen seines Gegenspielers Mao Tsetung nach Taiwan fliehen musste, nahm er das Ehrenbild mit. Qi Baishi blieb in der Volksrepublik. Er malte von da an für die neuen Herrscher. Revolutionär Mao erhielt von dem zum "Maler des Volkes" ernannten Qi auch ein solches Bild.

Den Adler für Chiang Kai-shek erwarb ein Schanghaier Investor 2005 in den USA. Vergangenen Sonntag erzielte das formatmäßig größte Werk des 1957 gestorbenen Qi Baishi den höchsten Preis, der jemals für neuere chinesische Malerei geboten wurde. 30 Minuten brauchte das Auktionshaus "China Guardian" (Peking) im Zuge der aktuellen Frühjahrsauktion, um es von 88 Millionen auf 425,5 Millionen Yuan (rd. 45 Mio. Euro) hochzutreiben.

Noch vor nicht langer Zeit wäre die Geburtstags-Hommage für Chiang Kai-shek gar nicht in die Volksrepublik hineingelassen worden: Viele Chinesen kennen die Tuschemalerei noch von Karikaturen aus der Kulturrevolution. Rotgardisten hatten Qi Baishi posthum symbolisch als "bourgeoisen Maler" geschmäht und dabei die Szene karikiert, als er sein Geburtstagsbild Chiang überreichte. Der Coup war ein gelungener Auftakt für die viertägige Auktion, in der man für 3700 Objekte einen Umsatz von 5,32 Milliarden Yuan (590 Mio. Euro) einspielte. Unter Chinas großen Auktionshäusern hat China Guardian (2010: 800 Mio. Euro Umsatz) damit weiter die Nase vorn.

Das Preisniveau sei laut Sprecherin Deng Jing für Verkäufer mittlerweile so attraktiv, dass etwa die Hälfte der Einlieferungen aus dem Ausland kommt. Weitere Rekorde erzielten vier Ölbilder von Chen Yifei. Sein Motiv einer tibetischen Familie, das schon 1994 von Guardian für 2,86 Millionen Yuan versteigert wurde, brachte jetzt 81,6 Millionen ( neun Mio. Euro). Eine 700 Jahre alte, dem berühmten Kalligrafen Zhao Mengfu zugeschriebene Abschrift einer Chronik der Han-Dynastie mit 80 Eigentumsstempeln namhafter Besitzer, verfünffachte den Rufpreis auf 48 Millionen Yuan und gilt nun als teuerstes chinesisches Buch der Welt.

Dominanz des Geldadels

Auf dem Kunstmarkt gibt der volksrepublikanische Geldadel den Ton an. Ein Kritiker der "Kanton Zeitung" schrieb vom "Blasenmarkt", ein Spielfeld für Investoren und auch für heißes Geld, bei dem Chinesen unter sich zocken - nicht nur wegen der Preise. Reiche Japaner bleiben derzeit dagegen aus. Guardian-Chefin Wang Yannan beobachtet, wie heute auch Symbole für Chinas Kultur zu exklusiven Liebhaberobjekten werden. So feiert etwa das klassische Musikinstrument Guqin (seit 2003 Unesco-Kulturerbe) nicht nur musikalisch seine Wiederauferstehung. Uralte Guqin-Zithern sind heute Millionen wert. Guardian ließ eine 1200 Jahre alte Guqin versteigern. Die Auktion war nach nur zwei Bietgängen zu Ende. Der erste startete mit 58 Millionen. Yuan, der zweite, konterte mit 100 Millionen (inkl. Aufgeld rd. 13 Mio. Euro). 2003 hatte Guardian dieselbe Guqin für knapp eine Millionen Euro versteigert. Damals hatte sich ganz China darüber echauffiert. (Johnny Erling, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

  • Geburtstagsbild für Chiang Kai-shek: 1946 malte Qi Baishi "Adler auf 
Kiefernbaum", ein Tuschbild das diese Woche in Peking für umgerechnet 45
 Millionen Euro den Besitzer wechselte.
    foto: china guardian

    Geburtstagsbild für Chiang Kai-shek: 1946 malte Qi Baishi "Adler auf Kiefernbaum", ein Tuschbild das diese Woche in Peking für umgerechnet 45 Millionen Euro den Besitzer wechselte.

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