Junge Frauen wie unter Wasser

27. Mai 2011, 18:27
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Die Schweizer Schriftstellerin Stefanie Sourlier debütiert mit einem Band von Erzählungen, die fein gewirkt, aber auch etwas eintönig wirken

Was bringt ein elfjähriges Mädchen dazu, sich beharrlich das Leben nehmen zu wollen? Und warum ausgerechnet durch die Einnahme von Kupfersulfat? Die blauen Kristalle stammen aus dem Chemiekasten ihres Bruders Paul - vielleicht hängt es damit zusammen. Ein Jahrzehnt später jedenfalls verbindet die Geschwister eine rätselhafte, von Sprachlosigkeit geprägte Nichtbeziehung.

"Paul sitzt mir gegenüber und starrt an mir vorbei in das Blau des Schwimmbeckens. Er ist blass, seine Haut sieht aus wie durchsichtiges Papier, und sie fühlt sich auch so an, glatt und kühl. Aber das weiß ich nicht, ich habe meinen Bruder nie berührt, seit Jahren habe ich ihn weder umarmt noch geküsst oder auch nur seine kalte trockene Hand gehalten. Ich weiß nicht einmal, ob seine Hand kalt und trocken ist, ich kann es mir nur vorstellen." Minuten später wird der Bruder bewusstlos aus dem Wasser gezogen. Während der Bademeister um Pauls Leben kämpft, steht seine Schwester im Hintergrund. Wie betäubt hört sie die Frage laut werden, ob jemand den jungen Mann kennt, und verliert sich in Erinnerungen an Kindheitstage, in denen sich die Geschwister näher standen als in der Gegenwart.

Kupfersulfatblau ist die erste von neun Erzählungen der Schweizer Autorin Stefanie Sourlier. Ihre Texte wirken selbst ein wenig, als stammten sie aus einem Chemiekasten - als würde jemand eine überschaubare Zahl an Motiven und Elementen immer neu kombinieren, darunter die narzisstisch-regressive Sehnsucht nach dem Einssein mit einem Bruder. All diese Ich-Erzählerinnen sind von eigentümlicher Gefühlserstarrung befallen, einer Vereisung der Seele. Es sind junge Frauen um die zwanzig, die einander ähneln, ohne deshalb zwingend identisch zu sein. Sie alle leben wie unter Wasser. Mit aufgerissenen Augen lassen sie sich dorthin treiben, wohin rätselhafte Lebensströme sie tragen wollen.

Unerhörte Ereignisse wie der Tod oder das Ende einer Liebe dringen nur gedämpft zu ihnen durch. Es gibt eine Stille innen, heißt es einmal, die mit keinem Frequenzzähler messbar ist. Sourliers feingewebte Prosastücke entstammen nicht nur diesem einsamen Ort voller verborgener Ängste und Abgründe - sie wollen ihre Leser auch eben dorthin führen.

Sourliers Figuren schweben beständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Ein ästhetisches Verfahren, das den Leser nötigt, Stück für Stück Lebensgeschichten zu rekonstruieren, das allerdings auf Dauer ein wenig eintönig wirkt. Gelungen ist das feine Netz an motivischen Ähnlichkeiten, mit dem die Autorin ihre Geschichten verknüpft. Von einem Kind wird gesagt, es sei leicht autistisch: Das scheint auch auf Sourliers Erzählerinnen zuzutreffen. Ihre jeweiligen Gesprächspartner erfahren viel, aber selten das Entscheidende.

Die letzte Geschichte, Unter Wasser, handelt von Folgendem: Zwei Kinder, Bruder und Schwester, haben sich eine eigene Sprache, Rosam, geschaffen und glauben, dem nahen Mondsee zu entstammen. Eines Tages gehen die beiden mit ihrem Geschwisterchen, das als Nachzügler der Familie ihre symbiotische Einheit stört, zum See, offenbar, um es zu ertränken. Sourliers poetische Sprache ist wie eine Hand aus dem Dunkel: Sie packt den Leser behutsam, aber unnachgiebig, um ihn dann hinabzuziehen in die Untiefen der Seele. Das beeindruckt und fasziniert, lässt einen am Ende aber etwas ratlos zurück. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

  • Stefanie Sourlier, "Das weiße Meer. Erzählungen". € 19,90 / 150 Seiten. 
Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt 2011
    foto: frankfurter verlagsanstalt

    Stefanie Sourlier, "Das weiße Meer. Erzählungen". € 19,90 / 150 Seiten. Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt 2011

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