"Wann ist ein Nein ein Nein?"

27. Mai 2011, 17:51
49 Postings

Hat Jörg Kachelmann seine Exgeliebte vergewaltigt? - Von Christa Nebenführ

Hat Julian Assange seine beiden Geliebten vergewaltigt? Hat Dominique Strauss-Kahn das Zimmermädchen vergewaltigt?

Als Robert Mitchum Marilyn Monroe vor der Kulisse des Studiowaldes zu küssen versucht, reißt sie sich los und rennt davon. Aber er setzt ihr nach, und als sie schließlich zu Boden gehen, gibt sie ihren Widerstand auf und damit zu, dass dieser gar nicht ernst gemeint war. Diese Szene bekomme ich nicht aus dem Kopf. Otto Premingers River of No Return von 1954 hat mich sozialisiert. In Dornenvögel war's auch nicht viel anders. Da rennt die erblühte Megan dem Pater Ralph am Strand davon, bis er sie erwischt, niederwirft und, wenn ich mich recht erinnere, endlich macht, was sie die ganze Zeit von ihm gewollt hat. Zumindest codiere – oder decodiere – ich das so. Schließlich wurde mir das männliche Vorrecht der "Aufforderung zum Tanz" seinerzeit mit dem Balzszenario aus dem Tierreich erklärt: Das Weibchen flüchte stets vor dem Männchen, allerdings nur bis an jene Grenze, an der es von diesem noch eingeholt werden kann. Kann, soll, darf oder will?

Diese Grenze beschäftigt derzeit die Gerichte. Und sie ist nicht die einzige. Wann beginnt das Leben, und wann endet es? Historisch haben wir es mit einer geradezu unüberschaubaren Bandbreite an Grenzziehungen zu tun, aber was machen wir jetzt? Hat Jörg Kachelmann seine Exgeliebte vergewaltigt? Hat Mosche Katzav seine Mitarbeiterin vergewaltigt? Hat Wilfried Berchtold seine Parteikollegin vergewaltigt? Hat Julian Assange seine beiden Geliebten vergewaltigt? Hat Dominique Strauss-Kahn das Zimmermädchen vergewaltigt? Der letzte Fall ist anders gelagert als die ersten vier, aber davon später.

Frage eins soll am 31. Mai verbindlich beantwortet werden, zwei und drei wurden schon entschieden, und vier geht in die nächste Runde. Was auch immer herausgekommen ist oder herauskommen wird, der Richterspruch ist in jedem Fall performativ. Er schafft den Sachverhalt, den er behauptet – wie ein Standesbeamter bei der Eheschließung. Es geht nicht darum, zu entscheiden, ob sie's getan haben, sondern ob das, was sie getan haben, Sex oder Gewalt war. Sex ist gestattet, Gewalt ist geächtet. Und das ist noch nicht so lange her. Soll sich die Gesellschaft bei der Unterscheidung raushalten oder einschalten?

Anfang März hat Marie Schmidt in der Zeit eindrucksvoll den Bogen von der Unterstellung der klammheimlichen Komplizenschaft des Opfers zu Germany's next Topmodel gespannt: Mit "Wir sehen einfach nicht, dass du es wirklich willst", treibt Heidi die Mädchen nicht nur an, sich bis zur Selbstverleugnung zu verausgaben, sondern sich in der Selbstverleugnung zu verausgaben. Sie dürfen auf keinen Fall ihre Wut, Angst, Enttäuschung und Unsicherheit durchblicken lassen. Im Dezember des Vorjahres wurde in ebenjener Zeit konstatiert, dass eine von Jörg Kachelmanns Geliebten, die als Zeugin einvernommen wurde, am 29. März 2010 lediglich einen "Geschlechtsverkehr, bei dem sie passiv dagelegen und geweint habe, weil sie das Treffen zum Reden über die Beziehung habe nutzen wollen" geschildert hätte. Hätte Kachelmann das nicht merken müssen?

Wer hat sich also verschätzt?

Jemand der nicht erkenne, ob eine Frau mit ihm schlafen möchte, sei als Bürgermeister und Gemeindeverbandspräsident untragbar, sagte die sozialdemokratische Gesundheitssprecherin Gabriele Sprickler-Falschlunger laut Vorarlberg.orf.at vom 9. 3. 2011 in Bezug auf Wilfried Berchtold. Während also Heidi hoch dafür bezahlt wird, zu erkennen, was ein Mädchen möchte, scheitert ein Bürgermeister daran, das nicht erkannt zu haben. Woran erkennt sie das eigentlich? Woran hätte Kachelmann erkennen können, dass seine damalige Geliebte das Treffen eigentlich zum Reden nutzen wollte? Daran, dass sie weinte? Das tun die in den CastingShows dauernd und machen trotzdem weiter, weil sie es wirklich wollen.

Ende März berichtete dann Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen für den Spiegel von "Kripobeamtinnen, die sich von den Tränen und dem Zittern der angeblich von Kachelmann vergewaltigten Claudia D. unmittelbar nach der 'Tatnacht' hatten beeindrucken lassen." Für Funk und Fernsehen qualifizieren sie sich damit nicht. Da heißt es draufhalten. Irgendwie ist das alles gar nicht so weit entfernt vom Milgram-Experiment. Im Gegensatz zum Milgram-Experiment, bei dem gemessen wurde, wie viele Schmerzen die Versuchspersonen jemand anderem zuzufügen bereit sind, wenn es ein Versuchsleiter fordert, illustriert Germany's next Topmodel, wie weit sich die Versuchspersonen demütigen lassen, wenn es die Quote fordert – und natürlich auch, wie weit die Nutznießer eines Medienapparates zu gehen bereit sind. Auf der einen Seite die etablierte Macht, auf der anderen Seite das Interesse, daran zu partizipieren. Wen das nicht interessiert, der/die klärt die Bedingungen: Besprechung im Besprechungszimmer, Beziehung unter bestimmten Rahmenbedingungen. Natürlich ist die Wut von Frauen zu verstehen, die dem Kerl nachgegeben haben und trotzdem nicht aus dem Nachtclub auf die Farm geholt wurden, wie Marilyn von Robert. Aber was berechtigte sie zu dieser Hoffnung?

Wer hat sich also verschätzt? Vier Typen, bei denen es sich nicht um hormonverwirrte Jungs, sondern um Männer in Machtpositionen handelt? Oder vier Frauen, die es anscheinend genau wissen wollten? Auch wenn ich mit meinem Ex aufs Zimmer gehe, werde ich nicht mit ihm schlafen! Könnte hinter einem solchen Vorsatz die Reinszenierung eines alten Traumas stecken? Oder hinter den Übergriffen der Elder Boys eine bodenlose Selbstüberschätzung in Bezug auf die Loyalität der Vasallinnen? Auch wenn sie plärren, sie werden nicht so weit gehen, die Show zu sprengen! Und auf welche Seite schlage ich mich?

1973 brachte die Theatergruppe Rote Grütze den mehr oder weniger kollektiven Sinneswandel, missbrauchten Kindern nicht mehr das Gefühl der Mitschuld an etwas Unaussprechlichem zu geben, mit ihrem Theaterstück Darüber spricht man nicht auf den Punkt. Neue Kinderbücher thematisierten Missbrauch, Gewalt, Sucht u. v. m. Die Kinder sollten erkennen, dass sie sich nicht zu schämen brauchen, dass sie Fragen und Anschuldigungen formulieren dürfen. Das führte natürlich auch zu falschen Anschuldigungen. Intime Übergriffe sind praktisch nicht nachzuweisen, sonst wären sie ja nicht intim.

Ich frage mich eigentlich, ob es vorstellbar ist, dass ein respekt- und verständnisvoller Partner seine Geliebte nach elf Jahren plötzlich vergewaltigt, ich frage mich, warum eine Frau, die von einem Mann bereits einmal im Büro vergewaltigt wurde, diesen im Hotel aufsucht, ich frage mich, ob es wirklich hinterlistig ist, sich der schlafenden Geliebten zu nähern. So hinterlistig, wie geheime Dokumente öffentlich zu machen? Geheimnisse haben ihren Grund, aber es ist nicht ausgemacht, dass das immer ein guter ist. Ebenso wenig ist ausgemacht, dass es immer einen guten Grund gibt, sie auszuplaudern. Assange kennt beide Seiten.

Wie kann man nur so blöd sein, den Code falsch zu knacken, sodass das Ding in die Luft fliegt? Einem Mann vertraut zu haben, der es nicht wert war? Die eigene Unwiderstehlichkeit nicht infrage gestellt zu haben? Vorauszusetzen, dass er merkt, was sie hofft oder vorauszusetzen, dass sie will, was er hofft? So blöd, im Privaten Respekt und Loyalität zu erwarten, wenn Respektlosigkeit und Illoyalität öffentlich vorgetanzt werden? Oder so gerissen, zum eigenen Vorteil privat und öffentlich umzucodieren? "Richter wälzen die Last der Entscheidung auf Gutachter ab", beklagte Martin Klingst 2003 in der Zeit. Allerdings ging es in diesem Essay um die Sicherheitsverwahrung pathologischer Triebtäter, zu denen wohl keiner der ersten vier Verdächtigen zu zählen ist. Die massakrieren keine Passantinnen, die wüten in ihrem Revier wie die gute alte Mafia. Beim Chef des IWF bin ich mir da nicht so sicher. Da verfestigt sich bei mir der Eindruck, er hätte in der scheinbaren Gewissheit, dass sich sein Opfer nicht wehren kann, echt Beute zu machen versucht.

Ansonsten frage ich mich, was leben die Leute für Beziehungen? Aber das geht mich nichts an – zumindest nicht, bis die Beziehung vor dem Strafrichter landet. "Ein Autor, der ... die betroffene Person aus eigenem sexuellen Erleben kennt, hat ... praktisch keine Möglichkeit, die Darstellung von Sexualität so zu fiktionalisieren, dass der verfassungsrechtliche Schutz greift", argumentierte Richter Hoffmann-Riem in Bezug auf Maxim Billers verbotenen Roman Esra und die Freiheit der Kunst. Das heißt im Klartext, dass man die eigene Sexualität nicht öffentlich machen darf, sofern man sich nicht nur selbst die Hand geschüttelt hat oder es sich um Nötigung handelt. Maulkorb oder Anschuldigung. Ich bin dafür, die Show zu sprengen! Aber ich frage mich, ob die diskutierten Prozesse nicht nur eine andere Show im selben Theater sind. (Christa Nebenführ, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

Christa Nebenführ, geb. 1960 in Wien, ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie lebt seit 20 Jahren zufrieden monogam, hatte aber davor genug Zeit für Recherchen. Zum Thema hat sie in der Wissenschaftsreihe des Milena-Verlages das Sachbuch "Sexualität zwischen Liebe und Gewalt" herausgebracht. Im Sommer erscheint ihr Kinderbuch "Ludwig ist zu laut", in dem weder Suff noch Sex vorkommen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mai 2011: Wettermann Jörg Kachelmann auf dem Weg zum Gericht.

    Share if you care.