Die Lektionen der Stille

27. Mai 2011, 18:27
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Karl Dedecius, der große Vermittler polnischer Literatur, ist neunzig: Würdigung und Hinweis auf sein jüngstes Werk, ein polnisches Lesebuch

Karl Dedecius ist unbestritten der bedeutendste Vermittler polnischer Literatur und Geistestradition im deutschen Sprachraum. Als er Ende der 1950er-Jahre in der feindseligen Atmosphäre des Kalten Krieges begann, polnische Autoren ins Deutsche zu übersetzen, hätte er es sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass Deutschland und Polen einmal zu festen Bestandteilen eines gemeinsamen Europas werden würden. Am 20. Mai hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert und kann auf ein Lebenswerk zurückblicken, das in seiner kulturellen und kulturpolitischen Dimension einzigartig dasteht.

Seine Leidenschaft für den literarischen und kulturellen Kosmos der Polen kam nicht von ungefähr. Dedecius wurde 1921 als Sohn einer deutschstämmigen Familie in der Textilmetropole Łódź geboren, jener "schmerzgeborenen Stadt", der Władysław Reymont in seinem großen, von Andrzej Wajda verfilmten Roman Das gelobte Land ein literarisches Denkmal setzte. "Die Stadt war reich, zugleich auch bettelarm", erinnert sich Dedecius. "Die meisten ihrer Einwohner kamen aus verschiedenen Ländern, Verhältnissen, Glaubensrichtungen, Sprachen und Berufen."

Dieses multikulturelle Milieu, geprägt vor allem von Deutschen, Polen, Russen und Juden, sollte für Dedecius zukunftsbestimmend werden. Doch zunächst machte der Krieg für ihn alle Zukunftspläne zunichte: Nach dem deutschen Einmarsch in Polen 1939 erfolgte seine Einberufung in die Wehrmacht. 1943 geriet er in Stalingrad in Gefangenschaft. Er überlebte sieben Jahre in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern, lernte Russisch und bekannte später, er habe, während er die Gedichte des russischen Romantikers Michail Lermontow ins Deutsche übertrug, über dessen Jugendwunden die eigenen Entbehrungen vergessen.

Von den Sowjets 1950 in die DDR entlassen, ging er zunächst nach Weimar, wo er Oberassistent und wissenschaftlicher Redakteur am Deutschen Theater-Institut wurde. Angesichts des zunehmenden ideologischen Drucks übersiedelte er zwei Jahre später in die BRD. Seine Tätigkeit als Angestellter bei einer großen Versicherungsgesellschaft in Frankfurt am Main ließ ihm "nach Feierabend" und an den Wochenenden immerhin genügend Zeit, sich mit der Übersetzung später so berühmt gewordener polnischer Autoren wie Zbigniew Herbert, Stanisław Jerzy Lec, Czesław Miłosz, Tadeusz Różewicz und Wisława Szymborska zu beschäftigen. 1959 erschien die erste von ihm herausgegebene Sammlung neuer polnischer Lyrik unter dem berühmt gewordenen Titel Lektion der Stille. Seither hat er mehr als 200 Bücher übersetzt oder herausgegeben. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Essays zur Literatur und Übersetzungstechnik. Zwar wurde sein Name als der eines ausgewiesenen Kenners der polnischen Kultur- und Geisteswelt immer bekannter, doch stand sein Engagement unter den Umständen des Kalten Krieges dem herrschenden Zeitgeist entgegen.

"Aus meiner Liebe zur polnischen Sprache und Literatur, die ich nach meiner Vertreibung aus dem Osten als gute Erbschaft mit nach Deutschland brachte, erwuchs ein persönlicher 'politischer Auftrag'", bekannte er einmal in einem Interview. "Denn wenn wir unsere Nachbarn missachten und uns zu keinem Gespräch mit ihnen bereitfinden, werden wir in Europa niemals miteinander ins Reine kommen." Das waren zur damaligen Zeit höchst provokante Ansichten, und Dedecius geriet bei gewissen westdeutschen Instanzen zeitweise fast in den Ruch eines kommunistischen "fellow traveler". Gerade weil er den direkten Dialog mit polnischen Schriftstellern, Publizisten, Übersetzern, Theater- und Filmleuten suchte, wirkte seine Vorgehensweise auf viele irritierend. Dabei betrachtete er die Kultur Polens - die "offizielle", die im Untergrund und die in der Emigration - stets als Ganzheit.

1979/1980 gründete er - seine Position bei der Versicherungsgesellschaft hatte er aufgegeben - das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt, dessen Direktor er bis 1999 blieb. Als innovative Kraft für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschen und Polen kam dem Institut unter seiner Ägide eine kaum zu unterschätzende Bedeutung zu. Hier wurde die Herausgabe der 50-bändigen "Polnischen Bibliothek" geplant und vorbereitet, die von 1982 bis 2000 bei Suhrkamp erschien und auf rund 25.000 Seiten eine repräsentative Auswahl an polnischer Literatur vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert bietet.

Ergänzt durch Autorenbiogramme und Kommentare, stellt die Reihe bis heute eine der wichtigsten Sammlungen polnischer Kulturgeschichte in deutscher Sprache dar. Der polnischen Gegenwartsliteratur gewidmet ist das ebenfalls vom Deutschen Polen-Institut erarbeitete und zwischen 1996 und 2000 bei Ammann in Zürich verlegte siebenbändige "Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts". 1990 erhielt Karl Dedecius den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1999 den Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische Auszeichnung.

In einem anlässlich seines 90. Geburtstages bei Suhrkamp erschienenen Band Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten hat Karl Dedecius noch einmal zusammengefasst, was er als die Substanz, den bleibenden Wert der polnischen Literatur betrachtet. Die Anthologie versammelt die aus der Sicht des Jubilars wichtigsten Autoren der polnischen Kultur- und Geistesgeschichte vom Mittelalter bis in die 1990er-Jahre. Sie wird eröffnet mit Texten der ersten, noch lateinisch schreibenden Chronisten und mit ausgewählten Prosaminiaturen und Gedichten von Autoren wie Zbigniew Herbert und Sławomir Mrożek sowie den Nobelpreisträgern Wisława Szymborska und Czesław Miłosz beschlossen. "Als Herausgeber verstehe ich mich als Zeuge, Sammler und Antiquar, dessen Aufgabe es ist, Funde und Zeugnisse nicht verlorengehen zu lassen, sondern sie zu pflegen", schreibt Dedecius im Nachwort. "Die Deutung der Literatur, der schriftlich hinterlassenen Dokumente, Fallbeispiele und Wertsachen, ist Sache der jeweils folgenden Generation." (Adelbert Reif, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

  • Karl Dedecius, "Mein polnisches Lesebuch. Literatur aus neun 
Jahrhunderten". € 39,90 / 470 S. Suhrkamp, Berlin 2011
    foto: suhrkamp

    Karl Dedecius, "Mein polnisches Lesebuch. Literatur aus neun Jahrhunderten". € 39,90 / 470 S. Suhrkamp, Berlin 2011

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