Soziale Hängematte: Erste Woche, erste Probleme

30. Mai 2011, 06:42
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Erste Erfahrungsberichte jenes Salzburger Projekts, bei dem 20 Personen nur mit der Mindestsicherung auskommen wollen

Vor etwas mehr als einer Woche stellte derStandard.at das Projekt "Schaukeln Sie mit in der sozialen Hängematte" vor. Nun gibt es eine erste Zwischenbilanz: Die hochgerechneten 13 Euro pro Tag (eine teilnehmende Pensionistin hat 9 Euro zur Verfügung) lassen keine Extratouren zu. Ein Buch ist gerade noch drin, ein neuer Drucker für den Computer nicht. Essen im Restaurant geht sich kaum aus, an einem Getränk wird stundenlang festgehalten. Eines der Hauptprobleme: Gefühle von Scham und Peinllichkeit machen sich breit, wenn man sich etwas nicht mehr leisten kann. Und wer schummelt und sich dauernd einladen lässt, wird auf die Projektvorgaben hingewiesen.

Die Erfahrungsberichte der ersten Woche in alphabetischer Reihenfolge der teilnehmenden Personen:

Familie Bliem: Christine (Weltladeninhaberin), Sepp (Arbeitnehmer im Schärfdienst), Fabian (Schüler)

"Wir haben in sechs Tagen 137 Euro verbraucht und das eigentlich nur für Notwendigkeiten. Unser Luxus? Die Heuschnupfentabletten für Fabian - die waren homöopathisch (12,60 Euro). Der Tabak für Sepp (9,60 Euro) und mein Olivenöl (8 Euro). Wir brauchen 8 Euro am Tag für Essen. Da haben wir aber bisher an unseren Essgewohnheiten und vor allem auch am 2/3 Bio-Einkauf nichts geändert. Ich koche natürlich selber und es gibt nicht besonders oft Fleisch. Da ließe sich vielleicht trotzdem noch etwas einsparen. Besonders, wenn man bedenkt, dass mein Olivenöl eine ganze "Tagesration" ist. 

Ansonsten: kein Kino, kein Ausgehen, kein Einkehren beim Ausflug. Freunde würden natürlich ihre Unterstützung anbieten bzw. uns einladen. Aber das nehmen wir konsequenterweise nicht an - es wäre uns auch peinlich. Eine Ausnahme wird das Champions-League-Finale, das wir bei Freunden schauen, wo wir allerdings so wie immer unser eigenes Bier mitnehmen.  Eine gewisse soziale Vereinsamung ist/wäre absehbar. Einen Abend 'musste' ich etwas konsumieren (2 Euro für einen gespritzten Apfelsaft, an dem ich mich den ganzen Abend festgehalten habe). Ich bin im Vorstand eines Vereines und wir hatten Sitzung bei einem Wirt. In diesem Vorstand säße ich allerdings sicher nicht als Mindestsicherungsbezieherin.

Das Auto ist natürlich vorhanden (wenn auch selten genutzt), einmal Tanken schlägt sich negativ zu Buche. Alleine die Vorstellung: kein Auto, keine Vorteilscard - ich wäre in Golling festgenagelt und Salzburg würde zum weit entfernten Luxus. Selbst mit Vorteilscard (und die müsste ich mir erst einmal leisten können) wäre die Fahrt zu teuer (5,60 Euro hin und retour). Ich wäre auf Golling und mein Fahrrad reduziert, mein Aktions-Radius, mein soziales Umfeld hieße nur mehr Golling und Umgebung.

Was mich nervt: Die Gedanken sind dauernd beim Geld. Das hatte ich zuletzt während meiner Studienzeit (damals hatte ich auch kein Geld und musste mir alles selber finanzieren) und während eines Jahres in England. Aber: Da war ich viel jünger, fand die Situation viel selbstverständlicher (Studium und kein Geld, das hat irgendwie zusammengehört). Ich hatte kein Kind und keinen Mann und war schlicht und ergreifend nur für mich selber verantwortlich. Ein Riesenunterschied!

Eines ist klar: Aus unserer jetzigen Situation dermaßen reduziert zu werden, öffnet viele Augen. Natürlich konnten wir uns theoretisch vorher gewisse Szenarien ausmalen und wissen nach wie vor, dass dieses eine Monat eine gewisse konstruierte Situation darstellt. Aber eine Ahnung davon, dass Mindestsicherung sicher nichts mit Hängematten-Feeling zu tun hat, bekommen wir allemal.

Unglaublich interessant und sehr motivierend ist die Reaktion unserer Umgebung. Ich komme beruflich mit sehr vielen Menschen in Kontakt und unser Selbstversuch wird überwiegend positiv aufgenommen und führt vor allen Dingen zu zahllosen Gesprächen und Diskussionen. Und das ist doch gut so: über ein Thema zu sprechen, das durch eine Vielzahl von Vorurteilen vorbelastet ist.

Wir haben übrigens trotz der, ich sage einmal: teilweise 'interessanten' Postings im derStandard.at-Forum, überaus positive Rückmeldungen zum ersten Artikel bekommen. Für uns ist dieser Selbstversuch eine absolute Bereicherung. Meinem Mann gehen die Augen auf, wie viel ein paar Euro mehr im Monat bedeuten und was vor allem die Unterstützung von besser gestellten Tanten, Omas und Opas für unser soziales Leben ausmacht. Fabian hat nach anfänglichem Boykott festgestellt, wie teuer unser reduziertes Leben ist bzw. realisiert er seinen Anteil an diesem Leben. Es ist ihm zwar noch immer peinlich, aber seinem besten Freund hat er es erzählt - aus dem einfachen Grund, weil die Mittagspausengestaltung nicht in der Weise wie bisher machbar ist."

Ingeborg Haller, Gemeinderätin der Bürgerliste

"Nach einer Woche geht es mir gut - was zeigt, dass die Realität von wirklich armutsgefährdeten Menschen nicht simulierbar ist und das Projekt nur der Bewusstmachung dienen kann. Ich führe ein kleines Bücherl, in das ich meine Ausgaben hineinschreibe. Allerdings habe ich die Spielregeln nicht ganz eingehalten, weil ich Essensvorräte und Einladungen nicht bewertet habe. Daher sind die von mir bisher ausgegebenen 60 Euro nach oben zu korrigieren - obwohl bei den Lebensmitteln, die ich einkaufe, auch welche für meine Tochter dabei sind.

Ich habe mir um 15,40 Euro ein Buch gekauft - ein Luxus. "Das demokratische Weinbuch" von Rainer Balcerowiak passt zufällig auch zum Thema. Geht es doch dabei um ein Plädoyer für eine umfassende Teilhabe aller Menschen am Weingenuss, denn guter Wein muss nicht unbedingt teuer sein. Dennoch muss man sich bei umgerechnet 13 Euro pro Tag für den Gesamtbedarf schon überlegen, ob sich eine halbwegs gute Flasche Rotwein auch wirklich ausgeht."

Inge Honisch, Schuldenberaterin und Sozialarbeiterin

"Ich bin über dem Limit dessen, was ich brauchen darf. Ich schaue zwar beim Essenseinkauf sehr genau, würde es aber nur schaffen, wenn ich mich extrem einschränke und auf so manches verzichte. Dass der Test bei nur einem Monat eine Gratwanderung ist, wussten wir von Anfang an. Selbstverständlich wollten wir das nie ins Lächerliche ziehen - ganz im Gegenteil. Ich habe ja seit Jahren eine gute Kostentransparenz mithilfe eines Haushaltsbuchs - nur muss ich normalerweise nicht monatlich mit so wenig auskommen. Andere Teilnehmer sind sicher bessere Beispiele als ich."

Thomas Jedlizka, Schuldenberater

"Da meine Familie nicht mitmacht, versuche ich wie ein einzelner berufstätiger Erwachsener mit den 400 Euro durchzukommen und grenze alles, was mich betrifft, möglichst genau ab. Ich bewerte alles, was ich konsumiere und (ver)brauche, täglich beim Eintrag ins Haushaltsbuch (z.B. Abendessen mit Familie € 2,50 ...). Seit letzten Freitag denke ich von Tag zu Tag in 13-Euro-Schritten. Während der Arbeitswoche gehe ich mittags in eine Kantine um 4 bis 5 Euro warm essen. Das brauche ich unbedingt, um in der Arbeit genug Energie zu haben. So habe ich für Ernährung bisher täglich um die 7 bis 8 Euro gebraucht.

Gleich am ersten Tag hatte ich einen Reifenplatzer am Fahrrad, der sich nicht durch Kleben reparieren ließ. Der Schlauch kostete 5,99 Euro. Am selben Abend hat der Drucker beim PC seinen Dienst versagt und ich habe ihn bis dato nicht reparieren können. Möglicherweise wird ein neuer Drucker fällig. Den kann ich mir aber in diesem Monat sicher nicht kaufen. Nachdem ich - ohne viel zu überlegen - versprochen habe am Wochenende meine Tochter ins Stadion zum Match RB Salzburg - SV Ried zu begleiten (diese hat in der Schule eine Freikarte erhalten) bin ich erstmals stark aus meiner 13-Euro-Rechnung ausgebrochen. Ich saß zwar im Stadion ohne weitere Konsumationen, aber allein der Eintritt hat ein Loch ins Budget gerissen. Vorgestern war ich bei mir in der Nähe an einem Kletterturm klettern, das übliche Bier danach ist sich aber nicht mehr ausgegangen. In diesem Fall war der Freund erheitert, jedoch wenn das immer so wäre, käme auch etwas Peinlichkeit und Scham ins Spiel.

Kurzum, das Denken hat sich in den letzten Tagen ziemlich verändert. Was geht sich aus, was kann ich mir leisten? Und vor allem, wie wäre es, wenn das ein längerer Zustand wäre, wenn man wirklich von Armut betroffen ist. In einer netten Wohnung mit Terrasse mit funktionierender Infrastruktur lässt sich natürlich auch viel leichter Verzicht üben, als wenn ich solche Ressourcen in einer Sozialwohnung nicht hätte."

Elfriede Konderla, Pensionistin

"Eine Woche habe ich nun schon versucht mit 9 Euro pro Tag zu leben. Da ich nicht berufstätig sondern Pensionistin bin, soll ich mit monatlich 270 Euro das Auslangen finden.
Eigentlich ist das ganz einfach. Für vier Wochen schiebe ich alle Ausgaben, die 'Luxus' betreffen, weg. Ich gehe nicht auswärts essen, kauf mir keine Klamotten, das Benzin fürs Auto zahlt mein Mann, verlängerte Wochenende (sprich Kurzurlaube) mache ich nach den vier Wochen. Doch wie schaut's aus, wenn das ein ganzes Jahr gehen soll? 

Ein kleines Beispiel: Gestern war ich auf der Schranne. Nur ein bisschen rumschauen. Gegen Mittag meldete sich der Hunger und ich wusste, für den heutigen Tag sind die 9 Euro schon anderwärtig verplant. Da sind ein paar Würstel nicht mehr drin. Ich hab es geschafft, nichts zu essen, aber leicht ist es mir nicht gefallen. Die nächsten drei Wochen werden sicher noch einige Erfahrungen für mich bringen. Ich lerne sicher viel aus diesem 'Überlebenstest'."

Daniel Pfeifenberger, Geschäftsführer einer Telefonanlagenfirma

"Das größte Problem sehe ich in Salzburg bei den Wohnungskosten, mit 380 Euro kommt man nicht weit und muss erstmal eine entsprechende Wohnung finden. Bei den anderen Ausgaben vermute ich, dass die gefühlte Armut das größere Problem ist. Wenn ich mir bewusst mache, in welcher Situation ich sein könnte, wenn ich auf die Mindestsicherung angewiesen bin, ist auch klar, dass es deutliche Einschränkungen im Komfort geben muss. Meine Beobachtung der letzten Monate sagt mir, dass ich mit gut 250 Euro für Lebensmittel und Haushalt auskomme und der Rest dann sparsam eingesetzt werden muss.

Die Grundregel für meinen Versuch ist, Geld sehr bewusst auszugeben aber nicht massiv zu sparen oder Gewohnheiten zu ändern. So erledigen wir unseren Wocheneinkauf immer samstags am Grünmarkt und achten sehr auf gute Qualität und hochwertige Produkte. Nun muss ich also auch mit diesen Einkäufen zurechtkommen, wobei gefühlt der Einkauf bei Metzger und Gemüsestand finanziell deutlich effizienter ist, als der (Groß-)Packungseinkauf im Supermarkt. Da wir wirklich nur Samstag einkaufen und unter Woche nur mal schnell Milch besorgen, kann ich jetzt noch nicht so gut abschätzen, wie weit ich mit dem Budget kommen werde. Nächste Woche wird sich hier schon ein deutlicheres Bild zeigen. Im Haushaltsbuch wird mitgeschrieben."

Renate Pleininger, FPÖ-Gemeinderätin

"Meine Erfahrung der ersten Woche war nicht gerade berauschend. Ich habe mir beim Einkaufen sehr schwer getan und bereits am Freitag, meinem Einkaufstag, mehr als ein Viertel meines Budgets ausgegeben. Die restliche Woche habe ich versucht, so gut es ging, mit meinem Geld zu haushalten, was bei meinen vielen Terminwahrnehmungen nicht leicht war.

Jeden Cent vorm Ausgeben zwei Mal umzudrehen, genau darauf zu achten, was man in den Einkaufswagen legt, vor allem Preise zu vergleichen und alles, was man ausgibt, aufzuschreiben, fällt mir ziemlich schwer. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Verzicht, Kontrolle und Einteilung für mich ein Problem darstellen können. Ich habe es mir leichter vorgestellt und hoffe, dass es mir in der kommenden Woche besser geht."

(Aufgezeichnet von Martin Obermayr, derStandard.at, 30.5.2011)

  • Die Bilanz von Christine, Fabian und Sepp Bliem nach einer Woche: kein Kino, kein Ausgehen, kein Einkehren beim Ausflug, trotzdem wird es knapp.
    foto: privat

    Die Bilanz von Christine, Fabian und Sepp Bliem nach einer Woche: kein Kino, kein Ausgehen, kein Einkehren beim Ausflug, trotzdem wird es knapp.

  • Bürgerliste-Gemeinderätin Ingeborg Haller hat sich am Anfang einige Male einladen lassen - eine "Verletzung der Spielregeln".
    foto: privat

    Bürgerliste-Gemeinderätin Ingeborg Haller hat sich am Anfang einige Male einladen lassen - eine "Verletzung der Spielregeln".

  • Schuldenberaterin Inge Honisch gesteht, dass sie sich nur schwer auf die neue Situation einstellen kann: "Ich würde es nur schaffen, wenn ich mich extrem einschränke."
    foto: privat

    Schuldenberaterin Inge Honisch gesteht, dass sie sich nur schwer auf die neue Situation einstellen kann: "Ich würde es nur schaffen, wenn ich mich extrem einschränke."

  • Schuldenberater Thomas Jedlizka ist bereits an einige Probleme gestoßen: Ein neuer Drucker ist nicht drin, genausowenig das gewohnte Bier nach dem Klettern.
    foto: privat

    Schuldenberater Thomas Jedlizka ist bereits an einige Probleme gestoßen: Ein neuer Drucker ist nicht drin, genausowenig das gewohnte Bier nach dem Klettern.

  • Weil Elfriede Konderla als Pensionistin nur 270 Euro im Monat, also 9 Euro am Tag, zur Vergügung stehen, bedeutet das vollkommenen Luxusverzicht - da sind nicht einmal extra Frankfurter drin.
    foto: privat

    Weil Elfriede Konderla als Pensionistin nur 270 Euro im Monat, also 9 Euro am Tag, zur Vergügung stehen, bedeutet das vollkommenen Luxusverzicht - da sind nicht einmal extra Frankfurter drin.

  • Die erste Woche hat für FPÖ-Gemeinderätin Renate Pleininger wenig berauschende Details aufgezeigt: "Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Verzicht, Kontrolle und Einteilung für mich ein Problem darstellen können."
    foto: privat

    Die erste Woche hat für FPÖ-Gemeinderätin Renate Pleininger wenig berauschende Details aufgezeigt: "Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Verzicht, Kontrolle und Einteilung für mich ein Problem darstellen können."

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