"Notfallmedizin behandelt nicht nach Zeitpunkt des Kommens"

26. Mai 2011, 19:20
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Der Rektor der Medizinischen Universität Wien antwortet der grünen Gesundheitssprecherin Sigrid Pilz bezüglich der drohenden Kürzungen der Nachtdienste im AKH ("Kranke Strukturen, falsches Rezept", 17.5.2011)

Tagelang blieben die Angriffe der Wiener Landtagsabgeordneten Sigrid Pilz, Gesundheitssprecherin der Grünen, auf die Ärztinnen und Ärzte der Medizinischen Universität Wien und auch auf das erfolgreiche Modell der Zusammenarbeit von Bund und Land via Med- Uni Wien und AKH auch vonseiten der Rathauskoalition unkommentiert. Darüber kann man sich wundern, aber stehen lassen darf man es so nicht. Denn wer schweigt, stimmt zu.

Als Rektor der Medizinischen Universität Wien muss ich insbesondere den Vorwurf zurückweisen, dass die Med-Uni Wien gültige Verträge nicht einhält, wenn sie Ärztedienstposten einspart oder Nachtdienste reduziert. Aufgrund einer politischen Vereinbarung aus dem Jahr 2005 hat die Med-Uni Wien für das AKH alle Ärzte zur Verfügung zu stellen, die Stadt Wien alle Pflege- und Verwaltungskräfte. Jetzt zwingt das künftige Universitätsbudget, für das der Bund verantwortlich ist, die Med-Uni Wien bei den ÄrztInnen zu kürzen. Dabei hatte die MedUni Wien in den vergangenen Jahren den Ärztestand im AKH sogar erhöht, um die zunehmende Verschiebung von Leistungen aus den anderen Wiener Spitälern in das AKH bewältigen können.

Gerade weil Frau Pilz Gesundheitspolitikerin ist, darf man auch ihre Kritik an der Notfallaufnahme, einem der Aushängeschilder des Hauses, und den dortigen Wartezeiten nicht einfach unwidersprochen lassen: Eine Notfallmedizin behandelt nach Dringlichkeit, nicht nach Zeitpunkt des Kommens.

Von Ruhe nach 13 Uhr ist im AKH keine Spur

Die Notfallmedizin des AKH ist jedenfalls die einzige in Österreich, in der jeder Patient untersucht und, falls erforderlich, behandelt wird - und zwar auch dann, wenn es sich um gar keinen Notfall handelt. Darüber hinaus erfolgt jede Untersuchung in der Notfallmedizin des AKH durch einen zuständigen Facharzt.

Ihren Höhe- bzw. Tiefpunkt - eine reine Geschmacksfrage - erreicht die Kritik von Sigrid Pilz, wenn die aufgrund der Unterbudgetierung der Universitäten ab 2013 notwendig gewordenen Einsparungsmaßnahmen an der Med-Uni Wien zum Anlass genommen werden, das Thema Nebenbeschäftigungen der im AKH tätigen ÄrztInnen anzugreifen. Abteilungs- und Klinikleiter sollten ihre angeblich ab 13 Uhr gepflegte Nebenbeschäftigung einstellen, dann wären Personaleinsparungen nicht mehr notwendig, schlägt Pilz vor. Dieser Rechnung fehlt allerdings jeder reale Hintergrund. Von Ruhe nach 13 Uhr ist im AKH keine Spur. An der Med-Uni Wien gibt es schon seit fünf Jahren eine strikte Regelung für Nebenbeschäftigungen, die mit Betriebsrat, Ärztekammer und Wissenschaftsministerium abgestimmt ist und selbstverständlich auch eingehalten wird. Hier verwechselt offensichtlich jemand das Universitätsspital AKH mit anderen Wiener Spitälern. (Kommentar der Anderen, Wolfang Schütz, DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)

Wolfgang Schütz ist Rektor der Medizinischen Universität Wien

  • Rektor Wolfgang Schütz: "Falsche Rechnung"
    foto: hendrich

    Rektor Wolfgang Schütz: "Falsche Rechnung"

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