Laut Österreichischem Integrationsfonds - Schüler aus sieben Bundesländern befragt - Konfliktpotenzial variiert nach Schultypen, nicht Herkunftsländern
Wien - Aggressiver, leistungsschwächer und nicht bereit,
Deutsch zu sprechen: Gängige Vorurteile wie diese, wonach sich
Schüler mit Migrationshintergrund angeblich schlecht auf das
Klassenklima in österreichischen Schulen auswirken, widerlegt eine
heute, Donnerstag, präsentierte Studie des Österreichischen
Integrationsfonds (ÖIF). Demnach gibt es keinen signifikanten
Zusammenhang zwischen hohem Migrantenanteil und schlechtem
Klassenklima. Konflikte innerhalb der Klassengemeinschaft treten
zudem nicht zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund auf,
sondern spielen sich vor allem innerhalb der Migrantengruppen ab.
Knapp 3.100 Schüler aus der dritten und vierten Klasse von
AHS-Unterstufe, Neuen Mittelschulen und Hauptschulen in ganz
Österreich - mit Ausnahme von Wien und Salzburg, wo die Genehmigung
durch die Landesschulräte fehlte - wurden u.a. zu Mobbing,
Freundschaften und Klassengemeinschaft befragt. Unterschiede in den
Antworten zeigen sich dabei vor allem zwischen Klassen mit wenigen
bzw. vielen Schülern mit Migrationshintergrund: Mobbing und Gewalt
kommen demnach in Klassen mit relativ hohem Migrantenanteil (67 bis
80 Prozent) oder keinem bzw. sehr geringem Anteil (0 bis 15 Prozent)
häufiger vor. Die ideale Situation scheint in Klassen mit einem
Migrantenanteil von 16 bis 35 Prozent zu herrschen. Mögliche Gründe
nennt die Studie nicht.
"Wenn ich einen Fehler mache, werde ich ausgelacht": Knapp die
Hälfte der Schüler mit türkischem Hintergrund (49 Prozent) bejahen
diese Aussage, während sich nur rund ein Drittel (31 Prozent) der
österreichischen Schüler mit Mobbing konfrontiert sehen. Lehrer, die
in 51 qualitativen Interviews Auskunft über Klassengemeinschaften
gaben, orten Konflikte häufig zwischen Migrantenkindern, während
österreichische Schüler nach ihrer Beobachtung als passive
Außenstehende agieren.
Signifikante Unterschiede sehen die befragten Lehrkräfte nicht
zwischen den Herkunftsländern, sondern den Schultypen: So sind
Schüler mit Migrationshintergrund in AHS engagierter und fleißiger
als ihre österreichischen Klassenkollegen, während sie in
Hauptschulen oftmals negativ auffallen und schlechtere schulische
Leistungen erbringen. Dasselbe Bild zeichnet sich auch bezüglich des
Elternhauses. Suchen Eltern mit Migrationshintergrund an AHS öfter
den Kontakt mit Lehrern als österreichische Eltern, meiden sie diesen
an Hauptschulen. Als Grund dafür nennen Lehrer das Sprachproblem,
wonach viele Mütter keine Gespräche auf Deutsch führen können,
während sich Väter tendenziell aus dem Schulleben heraushalten.
Zuhause sprechen Kinder mit Migrationshintergrund weiterhin
vorwiegend ihre Erstsprache - knapp die Hälfte gibt aber an, daneben
auch Deutsch zu sprechen. Das deckt sich laut Studienautorin Monika
Potkanski mit anderen Studien, wonach Kinder und Jugendliche mit
nicht-deutscher Muttersprache daheim zunehmend Deutsch sprechen. Auch
einen weiteren positiven Trend erkennt die ÖIF-Studie: Jugendliche
mit Migrationshintergrund, die im weiterführenden Bildungswesen laut
Studien derzeit stark unterrepräsentiert sind und häufiger die Schule
abbrechen, streben zunehmend an, nach der Unterstufe eine
AHS-Oberstufe oder eine berufsbildende höhere Schule zu besuchen. (APA)