Wiesentheater mit Erdäpfelpüree

26. Mai 2011, 17:13
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Der finnische Regisseur Kristian Smeds baut in der Gartensiedlung Macondo in Simmering soeben sein Festwochen-Gastspiel "Der Kirschgarten" auf

Margarete Affenzeller hat ihn dort in einer schattigen Freiluft-Küche besucht.

Wien - Ein Regisseur, der beim Interview Kartoffeln schält, ist im Theaterbetrieb eine Seltenheit. Kristian Smeds aber ist sowieso anders. Der 40-jährige Finne, dessen Kirschgarten am Samstag Premiere bei den Wiener Festwochen hat, versucht oktroyierte Arbeitsstrukturen so gut wie möglich zu unterwandern. Deshalb macht er Theater nur so, wie er sich das vorstellt. Und dazu gehört Kartoffelschälen unter freiem Himmel, damit die Schauspieler sich alsbald am Püree stärken können. In der Gartensiedlung Macondo in Simmering hat er mit seinen Leuten neben der "Bühne" (ein Gartenhäuschen als Quasi-Datscha) eine Open-Air-Küche eingerichtet. An deren mit Camping-Utensilien beschattetem Tisch sitzt er und denkt über die ihm gestellten Fragen jeweils sehr lange nach.

Besonders über die Frage, warum er sich als Finne der mitteleuropäischen Kultur gegenüber fremd fühlt. Dieser Empfindung hat Kristian Smeds bereits bei Linz 09 in Mental Finland, einer verstörenden schwarzen Komödie über die Zukunft Europas, freien Lauf gelassen. "Also wenn ich die Wahl habe, in Deutschland oder in Estland zu arbeiten, würde ich Estland bevorzugen, diese Mentalität ist mir einfach näher. Ich sage nicht, dass das eine besser als das andere ist, sondern nur, was ich subjektiv fühle. Oder zum Beispiel", sagt er und zeigt mit dem Erdäpfelschäler auf zwei Männer, die auf der angrenzenden Rasenfläche Erde verteilen: "Wir müssen diese kleine Stufe im Rasen einebnen. So sind die Bühnenvorschriften in Österreich! Es gibt so viele Regeln hier, und es ist so wichtig, all diese Regeln einzuhalten und sich wie ein guter Bürger zu verhalten!"

In der an die Küche angrenzenden Datscha herrscht geruhsame Stimmung. Hund Loki schläft. Der mit alten Sofas gemütlich gemachte Raum wird das Herzstück der Aufführung sein. Hier werden die Schauspieler Anton Tschechows Kirschgarten lesen und darüber reflektieren: Die alten Obstbäume auf dem hochverschuldeten Gut der Ranjewskaja erwartet ein neues Zeitalter. Als ein verbliebenes Symbol für den um 1900 unbedeutend gewordenen russischen Adel sollen sie einer einträglichen Tourismusidee des Kaufmanns Lopachin zum Opfer fallen.

Das Schicksal dieser Zeitenwende hat Smeds in einem Haus nahe Vilnius wiederentdeckt. Zehn Kilometer außerhalb der litauischen Hauptstadt, wo Smeds gerne arbeitet, blieb inmitten von modernem Siedlungsbau ein Häuschen aus einer anderen Zeit übrig. Hier hat sich Smeds mit seinem Ensemble für zwei Wochen angesiedelt, um in einem Workshop Tschechows Drama zu erarbeiten. Daraus ist, unbeabsichtigt, ein Stück geworden, das nun neu auf der Simmeringer Erde entstehen wird.

Verweise auf litauische Kunst

Premiere in Vilnius war im Mai 2009, und bisher gab es nicht mehr als drei (!) Vorstellungen. Typisch Smeds: "Ich wehre mich gegen den eng getakteten Theaterbetrieb. Ich höre ja, wie meine Kollegen ächzen, wenn in fünf, sechs Wochen eine Inszenierung herausgepresst werden muss. So will ich nicht arbeiten, und deshalb sitze ich hier."

Dieser litauische Kirschgarten ist "kein fixes Ding, sondern eine fließende Probe", so Smeds, eine Mischung aus Stückelesen, Live-Movie und Musizieren. Und da wird auch gleich die Soundanlage mit Super Trouper getestet. Funktioniert klaglos. Ein Kollege kommt vorbei und zeigt dem Regisseur stolz einen selbst geschnitzten Holzklöppel. Dies soll ein Erdäpfelstampfer sein, der alsbald das Weichgekochte zum Püree machen wird. "Im Supermarkt kostet das entsprechende Gerät 25 Euro!", beschwert sich Smeds. Da behilft man sich eben selbst.

Der ungewöhnliche Umstand, dass sich ein Regisseur freiwillig einer fremden Sprache aussetzt, stört Smeds nicht. "Ich spreche kein Wort Litauisch, aber ich habe eine wundervolle Übersetzerin." Sie schält ebenfalls Erdäpfel.

Und um die im Stück vorkommenden Verweise auf litauische Kunst und Geschichte besser vermitteln zu können, werden gezielt österreichische Litauer ins Publikum eingeschleust. "15 Prozent der Litauer haben in den letzten Jahren das Land verlassen, ähnlich wie in anderen baltischen Staaten, das ist dramatisch." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2011)

  • Bespiegelt vom Wasserbecken, in dem noch viele ungeschälte Erdäpfel 
schwimmen: Kristian Smeds in Macondo.
    foto: ville hyvönen

    Bespiegelt vom Wasserbecken, in dem noch viele ungeschälte Erdäpfel schwimmen: Kristian Smeds in Macondo.

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