Der finnische Regisseur Kristian Smeds baut in der Gartensiedlung Macondo in Simmering soeben sein Festwochen-Gastspiel "Der Kirschgarten" auf
Margarete Affenzeller hat ihn dort in einer schattigen
Freiluft-Küche besucht.
Wien - Ein Regisseur, der beim Interview Kartoffeln schält, ist im
Theaterbetrieb eine Seltenheit. Kristian Smeds aber ist sowieso anders.
Der 40-jährige Finne, dessen Kirschgarten am Samstag Premiere bei den
Wiener Festwochen hat, versucht oktroyierte Arbeitsstrukturen so gut wie
möglich zu unterwandern. Deshalb macht er Theater nur so, wie er sich
das vorstellt. Und dazu gehört Kartoffelschälen unter freiem Himmel,
damit die Schauspieler sich alsbald am Püree stärken können. In der
Gartensiedlung Macondo in Simmering hat er mit seinen Leuten neben der
"Bühne" (ein Gartenhäuschen als Quasi-Datscha) eine Open-Air-Küche
eingerichtet. An deren mit Camping-Utensilien beschattetem Tisch sitzt
er und denkt über die ihm gestellten Fragen jeweils sehr lange nach.
Besonders über die Frage, warum er sich als Finne der mitteleuropäischen
Kultur gegenüber fremd fühlt. Dieser Empfindung hat Kristian Smeds
bereits bei Linz 09 in Mental Finland, einer verstörenden schwarzen
Komödie über die Zukunft Europas, freien Lauf gelassen. "Also wenn ich
die Wahl habe, in Deutschland oder in Estland zu arbeiten, würde ich
Estland bevorzugen, diese Mentalität ist mir einfach näher. Ich sage
nicht, dass das eine besser als das andere ist, sondern nur, was ich
subjektiv fühle. Oder zum Beispiel", sagt er und zeigt mit dem
Erdäpfelschäler auf zwei Männer, die auf der angrenzenden Rasenfläche
Erde verteilen: "Wir müssen diese kleine Stufe im Rasen einebnen. So
sind die Bühnenvorschriften in Österreich! Es gibt so viele Regeln hier,
und es ist so wichtig, all diese Regeln einzuhalten und sich wie ein
guter Bürger zu verhalten!"
In der an die Küche angrenzenden Datscha herrscht geruhsame Stimmung.
Hund Loki schläft. Der mit alten Sofas gemütlich gemachte Raum wird das
Herzstück der Aufführung sein. Hier werden die Schauspieler Anton
Tschechows Kirschgarten lesen und darüber reflektieren: Die alten
Obstbäume auf dem hochverschuldeten Gut der Ranjewskaja erwartet ein
neues Zeitalter. Als ein verbliebenes Symbol für den um 1900 unbedeutend
gewordenen russischen Adel sollen sie einer einträglichen Tourismusidee
des Kaufmanns Lopachin zum Opfer fallen.
Das Schicksal dieser Zeitenwende hat Smeds in einem Haus nahe Vilnius
wiederentdeckt. Zehn Kilometer außerhalb der litauischen Hauptstadt, wo
Smeds gerne arbeitet, blieb inmitten von modernem Siedlungsbau ein
Häuschen aus einer anderen Zeit übrig. Hier hat sich Smeds mit seinem
Ensemble für zwei Wochen angesiedelt, um in einem Workshop Tschechows
Drama zu erarbeiten. Daraus ist, unbeabsichtigt, ein Stück geworden, das
nun neu auf der Simmeringer Erde entstehen wird.
Verweise auf litauische Kunst
Premiere in Vilnius war im Mai 2009, und bisher gab es nicht mehr als
drei (!) Vorstellungen. Typisch Smeds: "Ich wehre mich gegen den eng
getakteten Theaterbetrieb. Ich höre ja, wie meine Kollegen ächzen, wenn
in fünf, sechs Wochen eine Inszenierung herausgepresst werden muss. So
will ich nicht arbeiten, und deshalb sitze ich hier."
Dieser litauische Kirschgarten ist "kein fixes Ding, sondern eine
fließende Probe", so Smeds, eine Mischung aus Stückelesen, Live-Movie
und Musizieren. Und da wird auch gleich die Soundanlage mit Super
Trouper getestet. Funktioniert klaglos. Ein Kollege kommt vorbei und
zeigt dem Regisseur stolz einen selbst geschnitzten Holzklöppel. Dies
soll ein Erdäpfelstampfer sein, der alsbald das Weichgekochte zum Püree
machen wird. "Im Supermarkt kostet das entsprechende Gerät 25 Euro!",
beschwert sich Smeds. Da behilft man sich eben selbst.
Der ungewöhnliche Umstand, dass sich ein Regisseur freiwillig einer
fremden Sprache aussetzt, stört Smeds nicht. "Ich spreche kein Wort
Litauisch, aber ich habe eine wundervolle Übersetzerin." Sie schält
ebenfalls Erdäpfel.
Und um die im Stück vorkommenden Verweise auf litauische Kunst und
Geschichte besser vermitteln zu können, werden gezielt österreichische
Litauer ins Publikum eingeschleust. "15 Prozent der Litauer haben in den
letzten Jahren das Land verlassen, ähnlich wie in anderen baltischen
Staaten, das ist dramatisch." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2011)