Hells-Bells aus dem D-Wagen

1. Juni 2011, 16:53
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Bei den ganzen "Trotteln" auf den Straßen von Wien, macht Straßenbahnfahren auch keinen Spaß mehr

Eine der interessantesten Unternehmungen bei Städtereisen sind Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und natürlich stellt man auch Vergleiche mit den Linien zu Hause an - und stellt fest: Wien ist anders. Wieder einmal. So viel spröden Charme, wie in manchen Wiener Straßenbahnen mitfährt, gibt's kaum auf der Welt.

"Ned deppad werd'n! Trottel, bleda!". Alles untermalt von permanentem Gebimmel, das einem Autofahrer gilt, der gerade verzweifelt versucht, seinen Fiat in eine Parklücke zu schieben - sehr zum Missfallen des D-Wagen-Steuermanns. Der sitzt höher. Das merkt man. Und sein Läutwerk ist auch größer und mächtiger als das des gestressten PKW-Fahrers. Dauerläuten vom Kärntner Ring bis zum Südbahnhof - dem hat mein iPod trotz extra Volumen nichts entgegenzusetzen. Der Fahrer, der vergangenen Donnerstag den D-Wagen über den Ring, durch die Prinz-Eugen-Straße und hinauf zur Endstation getreten hat, hatte entweder einen langen, stressigen Tag im Wiener Verkehrsgetümmel hinter sich - oder einfach nur schlechte Manieren.

Auf Facebook freuen sich die Wiener Linien über Lob und Kritik. Die Reaktionen auf meine Anfrage, ob man den Straßenbahnfahrern vermitteln könnte, dass Dauerbimmeln und Schimpftiraden für Fahrgäste lästig, nevenaufreibend und schlichtweg unerträglich sind, sind süffisant und wenig kundenfreundlich. Die "Wiener Linien" erklären, dass das Läuten der Sicherheit dient. Warum aber sekundenlanges Gebimmel einer stehenden Straßenbahn inmitten einer verstopften Kreuzung der Sicherheit dient, habe ich trotzdem nicht verstanden.

Auf den Hinweis, dass besagter Fahrer sämtliche Kraftausdrücke in bestem Wiener Jargon gegen die Windschutzscheibe mault, hat man auf der Facebook-Seite der Wiener Linien auch nur eine wenig kundenfreundliche Antwort: "Und was das Fluchen angeht: Dieses Match verlieren unsere Fahrer gegen die Fahrgäste vermutlich haushoch ;-)".

Verstehen sich die Wiener Linien und ihre Mitarbeiter als Serviceunternehmen der Stadt Wien? Meinen die Fahrer, in ihren Privatkutschen unterwegs zu sein, in denen ja bekanntlich jeder Verkehrsteilnehmer seine ganz persönliche Welt des Zorns ausleben kann? Bezieht sich der Slogan "Die Stadt gehört Dir" auf die Fahrer oder auf die Fahrgäste? Und was nehmen wohl Wien-Touristen mit, wenn sie die Stadt an Bord der öffentlichen Verkehrsmitteln entdecken? (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/01.06.2011)

  • Der Höllenritt im D-Wagen.
Die Wiener Linien auf facebook.
    foto: nistl/derstandard.at

    Der Höllenritt im D-Wagen.

    Die Wiener Linien auf facebook.

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