Ackerbau im Hochhaus

25. Mai 2011, 19:48
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In Koreas erster "vertical farm" wird Gemüse mitten in der Großstadt zu 100 Prozent ökologisch angebaut

In einem siebenstöckigen Gebäude in Yongin, einer Satellitenstadt vor den Toren Seouls, wird die Zukunft der urbanen Landwirtschaft erprobt. Vor dem Betreten der ersten "vertikalen Farm" Südkoreas müssen Besucher eine "Luftdusche" passieren, die mögliche Bakterien auf der Kleidung entfernt. Zusätzlich müssen sich Besucher Laborkleidung überstreifen. Erst dann gehen die Türen auf.

Bis auf diese Eintrittsprozedur gleichen die 169 Quadratmeter großen Räumlichkeiten einem traditionellen landwirtschaftlichen Betrieb: Mitten in der Stadt gedeihen hier monatlich bis zu 1,2 Tonnen Blatt-, Koch- und Schnittsalat sowie Basilikum und Salbei - bis zu zehnmal mehr, als ein traditionelles Gewächshaus von gleicher Größe produzieren könnte. Dabei werden in der vertikalen Farm in Yongin zwischen Anbau und Ernte keinerlei Pestizide und nur recyceltes Wasser verwendet.

Indios waren die Ersten 

Vertical Farming ist an sich eine alte Idee, denn Etagenanbau gab es schon bei den Indios im Regenwald. Aktuell wurde das urbane Landwirtschaften im Jahr 1999 durch Dickson Despommier, einen Professor an der Columbia University New York. Zusammen mit seinen Studenten errechnete er, dass ein 30-stöckiges Hochhaus 50.000 Menschen ernähren könnte, 160 solcher vertikaler Landwirtschaftsbetriebe, die unabhängig von Kälteeinbrüchen und Trockenperioden das ganze Jahr über betrieben werden können, sogar ganz New York.

In absehbarer Zukunft wird man um die in die Himmel ragenden Bauernhöfe wohl kaum herumkommen. Selbst nach konservativen Schätzungen wird bis zum Jahr 2050 eine Milliarde Hektar an Landmasse - etwa die Hälfte Südamerikas - nötig sein, um die gestiegene Bevölkerung zu ernähren. Wo diese Fläche herkommen soll, weiß bis jetzt niemand.

Die Salate aus Yongin werden trotz des doppelten Preises, verglichen mit der Konkurrenz, eifrig gekauft. "Unsere Produkte sprechen besonders dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein der neuen Mittelschicht Seouls zu. Die Nahrungsmittel sind chemisch unbehandelt und daher sicher", sagte Hyung-chu Ahn im Gespräch mit dem Standard. Ahn ist Angestellter der Firma Insung Tec, die die Farm leitet. Seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima und regelmäßig grassierenden Lebensmittelseuchen ist die koreanische Bevölkerung mehr als gewillt, für ökologische und saubere Nahrung etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

Teure Nahrungsmittel 

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind die Nahrungsmittelpreise auf einem Allzeithoch. Südkorea, welches einen Großteil seiner Lebensmittel aus dem Ausland importieren muss, hatte im März den zweithöchsten Preisanstieg aller OECD-Länder nach Estland zu verzeichnen. Vertical Farming kann für das Land am Fluss Han einen wichtigen Schritt in Richtung Selbstversorgung bedeuten.

Laut Wissenschaftern könnte die neue Form des Ackerbaus daher für die koreanische Regierung interessant werden. Vertical Farming hätte beispielsweise die Kimchi-Krise verhindern können, von der das Land aufgrund von Unwettern im vergangenen Jahr heimgesucht wurde. Die Nationalspeise, die in Korea zu jeder Mahlzeit als Beilage gereicht wird, wurde wegen der Missernte knapp und um ein Vielfaches teurer. Dies löste einen mittleren Skandal aus und wurde in den Medien ähnlich heftig diskutiert wie Nordkoreas Angriff auf die Insel Yeongpyeong.

Feintuning mittels iPhone 

Für die Zukunft plant Insung Tec, das Sortiment zu diversifizieren. Außerdem entwickelt die Firma in Zusammenarbeit mit dem koreanischen Telekommunikationsgiganten KT Corp. eine Smartphone-Application. So können bald auch vom Handy aus Temperatur, Licht, Luftfeuchtigkeit und Bewässerung der Farm vom Handy aus gesteuert werden. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD Printausgabe, 26.5.2011)

  • Auf 169 Quadratmetern werden monatlich 1,2 Tonnen Blatt-, Koch- und 
Schnittsalat sowie Basilikum und Salbei geerntet
    foto: insung tec

    Auf 169 Quadratmetern werden monatlich 1,2 Tonnen Blatt-, Koch- und Schnittsalat sowie Basilikum und Salbei geerntet

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