In der nationalen Falle

Thomas Mayer, 25. Mai 2011, 18:28

Oettingers Stresstests sind zahnlos, weil AKW-Sicherheit kein EU-Recht ist

Eines muss man EU-Energiekommissar Günter Oettinger lassen: Er hat bei der Präsentation des Konzepts der EU-Stresstests für die Atomkraftwerke in der Union gar nicht erst so getan, als habe er damit eine weltbewegende Reform oder Neuigkeit in der europäischen Nuklearpolitik eingeführt. Sein Bericht über den von Kommission, Mitgliedstaaten und nationalen Prüfbehörden erzielten Kompromiss, wer was wann wo und mit welchen Konsequenzen prüfen wird, fiel sehr nüchtern aus.

Menschen, die sich vor Nukleartechnik und Atomkraftwerken fürchten, werden sagen: sehr ernüchternd.

Denn der deutsche Kommissar aus Baden-Württemberg, der als Ministerpräsident einst selbst für eine bedeutende Atomindustrie verantwortlich war und diese auch befürwortete, sprach klar aus, was Sache ist. Weder haben er oder die EU-Kommission in Brüssel die Kompetenz, in Sachen Nuklearsicherheit direkt in das Handeln der Mitgliedstaaten einzugreifen, noch hatte er einen besonderen Auftrag dazu, eventuell weiter zu gehen, als es die EU-Verträge erlauben.

Eher im Gegenteil: Die Staats- und Regierungschefs der Union haben ihm Ende März - übrigens mit der Stimme Werner Faymanns - die klare Anweisung gegeben, gemeinsam mit den von ihnen kontrollierten Atomkontrollbehörden und den AKW-Betreibern solche Stresstests zu entwickeln.

Genau das ist geschehen: Spielmacher bei dieser Operation war nicht die Kommission, sondern waren die Delegierten jener EU-Staaten, die selber Atomkraftwerke betreiben - voran Frankreich und Großbritannien. Sie haben von vornherein festgelegt, dass es ein transnationales Eingreifen in ihre Vorstellungen von AKW-Sicherheit nicht geben wird - und schon gar nicht in ihre Entscheidungsautonomie, ob sie als riskant eingeschätzte Atommeiler vom Netz nehmen oder nicht.

Die Stresstests werden zunächst nicht viel mehr sein als eine europaweite Zusammenfassung von Analysen und Daten, die es bereits gibt. Möglicherweise werden sie aber trotzdem die eine oder andere Einsicht bringen, wie man die Sicherheit in einzelnen Teilen verbessern kann.

Insofern ist die radikale Kritik von Grünen und Umweltorganisationen à la Greenpeace oder Global 2000, die Oettinger jetzt totales Versagen und Nachgeben vorwerfen, nicht gerecht. Sie hauen einen Unzuständigen.

Wenngleich: Oettinger hätte am Auftrag vorbei mutiger sein können, indem er etwa eine große Enquete unter Einbeziehung der Kernkraftgegner veranstaltet. Das steht der Kommission frei. Hoffentlich kommt es noch.

Aber in Wahrheit müssten die Kritiker scharf gegen nationale Regierungen protestieren, die sich weigern, das Risiko von Atomkraftwerken endlich als grenzüberschreitende Angelegenheit anzuerkennen und nukleare Sicherheitspolitik als dringend nötigen Bestandteil gemeinschaftlicher Politik. Das würde aber bedeuten, dass man sich in dieser Frage geradezu offensiv für mehr Europa, für mehr Verlagerung von Kompetenzen auf EU-Institutionen ausspricht.

Womit wir beim billigen Anti-Atom-Populismus wären. Weiß der Himmel, was Umweltminister Nikolaus Berlakovich reitet, von einem "neuen Zeitalter" zu sprechen, eingeleitet von ihm selber, der in Brüssel wegen seines Aktionismus milde belächelt wird. Oettinger hat das sogar öffentlich angesprochen. In der Krone mag man damit punkten, der Sache dient es nicht. (Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2011)

 

Kommentar posten
20 Postings
barbara klaric
00
26.5.2011, 16:48
Die Grünen wollten verhindern, dass ihnen die EU in ihre österr. Anti-Atompolitik dreinreden kann.,.

Deshalb wurde diese Materie aus dem EU-Recht herausgenommen und genau deswegen können auch umgekehrt die Grünen nicht den anderen Eu-Staaten dreinreden. Ein politischer blow-back Effekt.

Nik M
00
26.5.2011, 13:55
Zwei Probleme seh ich bei dem Kommentar

Obwohl es natuerlich wuenschenswert waere, dass Bau und Betrieb von KKWs EU-weit einheitlich geregelt werden, muss man sagen

a.) hat die EC derzeit nicht die Infrastruktur, um Stress-Tests definieren oder bewerten zu koennen. Zur technischen Unterstuetzung gibts lediglich zwei JRCs, die aber im Nuklearbereich in erster Linie im Internet frei verfuegbares Material graphisch aufbereiten. Dh, fuer Stress-tests wird man derzeit um die nationalen Aufsichtsbehoerden nicht herum kommen

b.) groesstes Interesse am Nuklearbereich hat Frankreich, und wenn es einmal soetwas wie ein Europaisches Atomgesetz (plus Behoerde und Infrastruktur) geben wird, wird das Frankreichs Handschrift tragen. Da soll man sich keine falschen Hoffnungen machen.

Wirtschaftsminister
00
26.5.2011, 10:20
atomausstieg.at

Und im übrigen bin ich der Meinung, dass man unter atomausstieg.at unterschreiben soll!

Wirtschaftsminister
02
26.5.2011, 10:18
Schlägt dem Faß den Boden aus

Weltweit wurde auf Grund von Terrorismusdrohung die Privatspäre eingeschränkt bzw. in selbige eingegriffen.

Jetzt geht's um wirklich viel bzgl. Sicherheit und diesmal ist Terrorismus nicht relevant?

Es geht scheinbar nur um Vorwände um die Bürgerrechte einzuschränken und die tatsächliche Sicherheit ist den Regierungen sowas von egal.

Fühlte mich ohnmächtig und wütend!

Pierre d´Aubusson
11
26.5.2011, 09:41
Zum Lachen, aber nicht lustig

Ich könnt mir große Kongruenz zwischen den Mengen der Gegener dieser EU-Verfassung und den Kritikern dieses Mangels an Kompetenz der EU vorstellen. Zumindestens in diesem Fall.
Debatte noch erinnerlich? Ich hab den Staatenbund kritisiert und den Bundesstaat gefordert, die fehlende Parlamentskompetenz, Anträge bei sich selbst einzubringen etc.
Man kann sich für Atomanlagen keine andere Verfassung aussuchen, in der etwa stünde, daß diesmal die EU das Sagen hätte. Entweder das EU-Parlament hat in allen Fällen die Kompetenz, die Kompetenzen zu verteilen oder in keinem. Und so isses jetzt genau so, wie es eben ist.
Wenn ich vom Schaden nicht betroffen wäre, ich hätt meine Freude.

Dormouse
00
26.5.2011, 08:32

hoffentlich wirds bald dem grössten deppen klar, wo die verbrecher sitzen, und wer die wahren kriminellen sind...

astemp79
00
26.5.2011, 08:12
Eben.

Die Betreiber haben das Sagen, die EU-Politiker liegen hechelnd vor ihnen auf dem Boden und warten auf Befehle - und auf Belohnungen finanzieller Art.
Das ist - und nicht nur bei Energiebetreibern, sondern bei allen anderen Großkonzernen auch - Fakt.
Die Bürger in den Händen der Konzerne (und Banken - und von Banken ernannten Rating-Agenturen. Der Zusammenschluss zu einer "Union" hat dieses Verhalten nur gefördert - denn es gibt kaum mehr Eigeninitiativen der einzelnen Staaten. Dafür gibt es eine handaufhaltende EU.

Alexander R
 
00
26.5.2011, 08:04
...das spiel auf zeit wirds wieder richten.

hauptsache der spin geht einmal mehr in die völlig falsche richtung... dass der pazifik kontinuierlich mit verstrahltem "kühlwasser" versorgt wird, die gesammte region nicht mehr bewohnbar ist, geht leider unter...dafür sorgen die braven "arbeitsameisen" welche zum tode geweiht, irgendwelche bilder von zerstörten fabrikshallen...und kühlbecken abfilmen müssen...die macht der bilder. "schlimm kanns nicht sein weil unsere mitarbeiter kümmern uns darum..". und ebendiese stresstests sind wieder nur eine beruhigungspille für den gemeinen proleten, stimmbringer, volk. und anscheinend auch für den berlakovich....

Nutze den Tag
02
26.5.2011, 07:24
Bitte keine Stresstests, sondern ruhig auslaufen lassen.

In Tschernobil machten sie tatsächlich auch nur einen Streßtest. Ergebnis ist bekannt.

Elisabeth.Kerschbaum
00
26.5.2011, 01:53
sicherheitspolitik

warum muss man am flughafen jede zahnpastatube untersuchen lassen - und warum diskutiert man in der eu über körperscanner - wenn die sicherheit kein gemeinsames thema ist?
stresstests würden nur dann sinn machen, wenn bei negativem ausgang risikoreaktoren abgeschaltet würden. aber berlakovich ist ja begeistert von der öttinger idee - dass das ganze null konsequenzen hat (und die betreiber sich wieder mal selber und gegenseitig prüfen) hat er entweder nicht geschnallt, oder es ist absicht

Pierre d´Aubusson
11
26.5.2011, 09:57
Lassens mir den Öttinger in Ruh, der macht, was er darf!

Sie sind selbst schuld, daß es so ist!
Hätten Sie mehr Druck gemacht, als es um die EU-Verfassung (Lissabon etc) ging und wären Sie für einen EU-Bundesstaat eingetreten, dann dürften Sie sich jetzt auch beschweren. Aber so?

Jetzt darf die Kommission das, was sich die Regierungschefs erlauben, das Parlament darf nichteinmal Anträge bei sich selbst einbringen und ist an die Kommission gebunden. Also regieren die Regierungschefs/Fachminister und es geschieht das, worauf sich diese gerade noch einigen können.
Oben stehts ja: "In der nationalen Falle"
(Damit nix falsches aufkommt: in der sind auch die Grünen gewesen bei Lissabon. Ich kann mich gut erinnern....)

Smoothies? Obst gehört gebrannt
02
25.5.2011, 21:22
Was man aber auch dazusagen muss:

Daran, dass die Atomfragen in der Hand der Nationalstaaten geblieben sind, ist auch Österreich schuld (weil wir ja die Atome verbieten, und da lassen wir uns nix dreinreden, daber Blockade jedes Vorstoßes in Richtung gesamteuropäische Zuständigkeit).

Pierre d´Aubusson
11
26.5.2011, 10:21
OT, aber es muß sein:

Obst kann, muß aber nicht gebrannt werden.
Gebranntes Obst fällt unter das Lebensmittelrecht.
Es gibt ein Menschenrecht auf die Herstellung der eigenen Lebensmittel (Eigenbedarf)
Also gibt es ein einklagbares Recht aufs Schnapsbrennen, sofern man nur sich selbst (samt Family) damit einreibt. Aber bitte nicht äußerlich, denn dann wärs ein Medikament......

märchenonkel
13
25.5.2011, 20:58
Was ist das für ein Quatsch! Bürgerrechte einschränken (STichwort: VDS) kann die EU - und alle finden das OK. Nur wenn's der Atomlobby ans leder geht, dann ost die EU plötzlich ach so machtlos.

Ar Mutschgerl
03
26.5.2011, 01:00
Die "EU" ist nur so stark, wie die Regierungen es zulassen (der Rat).

Die Vorratsdatenspeicherung wird von den Regierungen gewünscht, also wird die EU diese forcieren. Die Atomkraft zu kontrollieren oder gar einzuschränken wird von den Regierungen nicht gewünscht, wie klar im Artikel festgehalten wurde.
Entsprechend hauen Sie die falsche Institution. Kritisieren Sie besser unsere Regierung.

EU-Feindlichkeit und Atomgläubigkeit gehen in der Politik meist Hand in Hand, entsprechend ist die Wahl einer EU-feindlichen Partei übrigens mit großer Sicherheit eine Stimme für die Atomlobby. Die blauschwarze Regierung hat in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie gerne Geld annimmt, egal von wem. Und sei es die Atomlobby.

Pierre d´Aubusson
10
26.5.2011, 10:08

Na, dann sollt uns Minister Niki sagen, welchen Staaten die Vertreter der Atomlobby angehören, damit wir vor den entsprechenden Botschaften demonstrieren können....
Das würden dann die dortigen Rundfunkanstalten berichten (hoffentlich) und vielleicht bewegt sich dann was......
Und man sollt vielleicht dem EU-Parlament das Initiativrecht freundlicherweise zugestehen, damit man wenigstens ein bisserl mehr als den demokratischen Anschein hat. Das EU-Parlament ist so bloß ein "Oberster Sowjet". Und wenns bei den Russen undemokratisch war, dann isses das auch jetzt bei uns: eine Ratsdiktatur!

Einer von Vielen
00
25.5.2011, 22:36

VDS=Vorratsdatenspeicherung

Pierre d´Aubusson
00
26.5.2011, 10:16
Rechnungen sind 7 Jahre aufzubewahren. Sagt das Finanzamt.

Und wenn mir die Telephongesellschaft innert 3 Jahren eine Rechnung schickt, dann ist diese Forderung, sofern sachlich berechtigt, auch zu bezahlen.
Das heißt, daß die Telephongesellschaft die Verbindungsdaten (was sonst wäre ein Nachweis der Berechtigung einer Forderung?) mindestens 3 Jahre aufhebt und das Finanzamt ab Rechnungslegung weitere 7 Jahre Nachprüfbarkeit fordert.
Und das halbe Jahr wär Ihnen zu viel?

märchenonkel
00
26.5.2011, 17:14
Sie wissen offensichtlich worum es bei der VDS geht.

Pierre d´Aubusson
00
26.5.2011, 22:18
Auch wenn ichs von hinten aufzuzäumen begonnen habe:

es ist ein Pferd!

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