25 Stunden zur Rettung der Welt

25. Mai 2011, 21:40
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Eine vorläufige Bilanz der G-8 fällt eher negativ aus, vor allem wenn es um den Kampf gegen Armut geht

Eine vorläufige Bilanz der G-8 fällt eher negativ aus, vor allem wenn es um den Kampf gegen Armut geht. Dennoch bleibt das Forum im Schatten der G-20 bestehen. Und berät über allerlei politische und andere Fragen.

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Auf der offiziellen Agenda des G-8-Gipfels finden sich nur die ganz großen Themen. Die Regierungschefs der acht mächtigsten Industrienationen wollen über Atomkraft, die Lage in Nordafrika und Syrien sowie den Libyen-Einsatz verhandeln. Weil es auch um Datenschutz im Internet geht und sich der Klub fortschrittlich geben will, wurden Web-Größen wie Marc Zuckerberg (Facebook) und Eric Schmidt (Google) eingeladen, um mit den Polit-Granden zu debattieren.

Doch hinter den Kulissen dürften sich die Diskussionen allen voran um eine Abwesende drehen: Um Christine Lagarde und ihre Kandidatur für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF). Gut möglich also, dass Nicolas Sarkozy, Barack Obama und Co nur auf jenen Moment warten, in dem der russische Präsident Dimitri Medwedew das Zimmer verlässt, um ohne seine Querschüsse über die künftige IWF-Führung zu beraten.

Entwicklungshilfe stirbt

Das große Problem der G-8 ist freilich, dass ihnen nicht mehr viele Themenblöcke geblieben sind. In den wesentlichen wirtschaftlichen und ökologischen Fragen hat die 2008 aufgewertete G-20, bei der die führenden Schwellenländer mit am Tisch sitzen, der Achtergruppe längst das Heft aus der Hand genommen. Verblieben sind den G-8 die Themen Sicherheit und Armutsbekämpfung. Doch gerade bei Letzterem bahnt sich eine neue Ära an.

Die internationale Zusammenarbeit sei "im Aussterben begriffen" , konstatierten die Forscher Jean-Michel Severino und Oliver Ray vom Washingtoner Forschungsinstitut Center for Globale Development. Dafür machen sie nicht zuletzt die gebrochenen Versprechen des Entwicklungshilfeklubs und damit primär die G-8 verantwortlich.

2005 haben die Acht auf Drängen des damaligen britischen Premiers Tony Blair bei ihrem Treffen im schottischen Gleneagles zugesagt, 50 Milliarden Dollar zusätzlich für Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen. Bis 2010 sollte dieses Ziel erreicht sein. Die OECD rechnete unlängst vor, dass die Achtergruppe ihr Ziel um 19 Mrd. Dollar verfehlt hat. Gerade im Falle Afrikas ist die Kluft zwischen Versprechen und Realität gewaltig. Statt der zugesagten 25 Mrd. flossen "nur" elf Milliarden mehr. Nur ein kleiner Teil dieses Fehlbetrages sei auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen, so die OECD. Allen voran Frankreich, Deutschland und Italien sind massiv säumig.

Auf wen kein Verlass ist, verspielt seine Kreditwürdigkeit, so die US-Forscher. Vor allem weil inzwischen neue Akteure zu globalen Playern aufgestiegen sind. China, Indien und Brasilien haben in den vergangenen Jahren ihre internationale Hilfe - trotz verbreiteter Armut im eigenen Land - massiv aufgestockt. Die G-7 (ohne Russland) zahlten 2011 88 Mrd. Dollar für internationale Armutsbekämpfung. Aus Schwellenländern kamen 30 bis 60 Mrd. Ein Großteil dieses Geldes dürfte ohne jede Auflage vergeben worden sein, erzählen OECD-Experten. "Wenn wir über Menschenrechte sprechen wollen, reden wir mit den Europäern. Wenn wir eine Straße haben möchten, wenden wir uns an China" , formulierte es unlängst ein afrikanischer Beamter in Wien. Zu Chinas Hauptpartnern in Afrika zählen neben klassischen ölreichen Staaten wie Nigeria, Angola und Sudan inzwischen auch Länder wie Äthiopien und Sambia.

Auch die OECD, die über die Entwicklungshilfeagenden wacht und entscheidet, was als Hilfe verrechnet werden darf, spricht bereits von einer neuen Ära. Neben Staaten haben sich vor allem private Organisationen und Unternehmen als große und unübersichtliche Spendergemeinde etabliert. Save the Children, Global Fund, die Gates-Foundation: Allein im Gesundheitssektor tummeln sich inzwischen mehr als 100 Hilfsorganisationen.

Brian Atwood, Chef des OECD-Entwicklungshilfeausschusses, spricht von einem "eigenen Industriezweig" , der Westen habe seine Vorreiterrolle eingebüßt. Das Problem sei, dass es zwischen neuen und alten Gebern, zwischen G-8, Schwellenländern und privaten Spendern wenig bis gar keine Koordination gebe. "Die gegenseitigen Erfahrungen beruhen oft nur auf anekdotischen Erzählungen."  (Andreas Schnauder, András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2011)

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    Den Armen steht das Wasser weit über den Kopf, die G-8-Chefs schauen weg. So sieht das zumindest die NGO Oxfam bei einer Demonstration in Bangladesch.

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