Wenn eine Diva ausflippt, ist Gefahr in Verzug

25. Mai 2011, 17:52
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Die raumgreifenden (Film-) Dramatisierungen Ivo van Hoves sind gern gebuchte Festwochen-Ware. Seine Cassavetes-Adaption sorgt im Volkstheater aber trotz visueller Könnerschaft für ziemliche Langeweile

 

Wien - Die Verspätung, mit der Ivo van Hoves Filmadaption Opening Night nun zu den Wiener Festwochen gelangte, ist dem Werk bereits anzumerken. Die Premiere fand 2006 in Amsterdam statt, sie war für 2009 bei den Festwochen geplant, wurde damals allerdings "aus dispositionellen Gründen" verschoben. Nun wirkt das Multimediatheater, in dem Hochleistungsmonitore die Bühne umranken, schon ein wenig abgegriffen.

Das Gegenwartstheater ist voll von kleinen Schauspielergesichtern, deren kleinste mimische Regungen sich nebenan auf gigantischen Blow-ups wiederfinden. Im Fall von Opening Night kommen nun auch noch Übersetzungbildschirme hinzu, die das Niederländische der Toneelgroep Amsterdam bzw. des Koproduktionspartners NT Gent ins Deutsche übertragen. Das Zusammentragen der Bild- wie Textinformationen stellt für den Betrachter dieses zweieinhalbstündigen Abends eine Herausforderung dar.

Doch der Reihe nach: Opening Night des belgischen Regisseurs Ivo van Hove ist eine Übertragung des Films von John Cassavetes auf die Bühne. Eine in die Jahre gekommene Diva (Elsie de Brauw) flippt während der Endproben zu dem Stück "Die zweite Frau" völlig aus. Aus Theater-im-Film (bei Cassavetes) wird bei van Hove also mit viel Aufwand Theater (plus ein bisschen Film-Tamtam) am Theater.

Jan Versweyveld hat dafür die Volkstheater-Bühne weit ausgeräumt und auf ihr von links nach rechts den seitlichen Querschnitt eines Theaters arrangiert: Ganz links das Backstageareal, mittig die Bühne und ganz rechts der Zuschauerraum, in dem auf wenigen Tribünen tatsächlich (echtes Festwochen-)Publikum sitzt.

Die Fassung van Hoves fokussiert weniger auf die sich im Alkoholkonsum niederschlagende Existenzkrise der Starschauspielerin Myrtle Gordon als vielmehr auf deren durch die betreffende Rolle akut werdendes Problem mit dem Älterwerden. Ein Thema, dessen Fatalität sich in den verschwommen-trunkenen Bildern Cassavetes schön abzeichnet, doch hier am Theater wirkt es banal. Als Grund dafür mag auch die Aufwertung der als jugendliches Myrtle-Alter-Ego immer wieder traumhaft erscheinende Nancy (Hélène Devos) gelten, die im Halbdunkel sexy herumturnt. Diese dominierende Jugendfantasie engt die Erzählung ein. Die Dynamik generiert Opening Night eigentlich aus der komplexen Konfliktlage Myrtles: aus der Angst, höflich, aber bestimmt ins Altersfach weitergereicht zu werden, aus privatem Unglück gepaart mit dem professionellen Auftrag zur tiefen Empfindung, aus dem Gefühl des ständig Eingeordnet- oder Fremdbestimmtwerdens, das gerade an einer Schauspielerin mit doppeltem Gewicht haftet.

Jacob Derwig (als Schauspieler Maurice) und Fedja van Huet (als Regisseur Manny - im Film gespielt vom großen Ben Gazzara) gaben als männliche Kontraparts gute Figur ab; Elsie de Brauw hat als Myrtle ihre zornige, auch lächerlich überzeichnete Panik mit körperlicher Verausgabung ausagiert. Doch konnte all der Aufwand das Innerste des Filmstoffs nicht gänzlich freilegen. So bleibt am Ende vor allem das visuelle Grundkonzept zu bewundern, die verschachtelten Bildkompositionen aus Projektionen und Realität. (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)

  • Versteht er, was sie meint? Elsie de Brauw und Jacob Derwig (in 
Projektion) 
klären als Schauspieler auf der Bühne letzte Fragen: "Opening Night" 
nach John 
Cassavetes
    foto: jan versweyveld

    Versteht er, was sie meint? Elsie de Brauw und Jacob Derwig (in Projektion) klären als Schauspieler auf der Bühne letzte Fragen: "Opening Night" nach John Cassavetes

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