Erkenntnisse über das Chaos des Lebens

25. Mai 2011, 17:41
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Das 8. Wiener VIS-Festival zeigt die außergewöhnlichen Kurzfilme von Semiconductor

Wien - Es ist wie beim Sprichwort mit dem Baum, der lautlos umfällt, wenn niemand hinhört: Sind nicht alle Dinge in Bewegung, auch wenn das menschliche Auge ihren Stillstand vortäuscht? Bilden nicht alle Zahlen, Daten und Fakten eine Art unsichtbare, aber sich ständig in Bewegung befindliche Parallelwelt?

An der Aufgabe, diese scheinbar unsichtbare Ordnung der Dinge zu zeigen, arbeitet sich vor allem das Kino seit seinen Anfängen ab. So führte der britische Fotograf und Techniker Eadward Muybridge mit seinen legendären Serienaufnahmen eines galoppierenden Pferdes bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Einzelbilder wieder in Bewegung zurück.

Diese besondere Form der Blickforschung hat sich in Großbritannien zur Tradition entwickelt, die etwa auch der sich nicht zufällig zwischen Dokumentation und Fiktion bewegende Filmemacher Peter Whitehead aufgriff: Nach seinem Studium der Physik und Kristallografie drehte er seinen ersten Film The Perception of Life ausschließlich durch ein Mikroskop, um die Wahrnehmung des Lebens zu erforschen.

Dass es nun im Rahmen des Wiener Kurzfilmfestivals Vienna Independent Shorts (VIS) eine Hommage an die britischen Filmemacher Ruth Jarman und Joe Gerhardt zu sehen gibt, die es unter dem Künstlernamen Semiconductor im Bereich des digital animierten Kurzfilms zu internationalem Ruhm gebracht haben, passt hervorragend in diese Linie. Wiederholt spüren Jarman/Gerhardt in ihren Arbeiten, die sie auch vielfach im Rahmen von Installationen präsentieren, diesen für das Auge unsichtbaren Bewegungen der physikalischen Welt nach - und lassen dabei lustvoll die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst verschwinden.

Wer also wissen will, wie es aussieht, wenn sich eine Landschaft durch Ton verändert, dem sei dringend das kleine Meisterstück All the Time in the World nahegelegt: Seismografische Aufzeichnungen, die tektonische Erschütterungen der urtümlichen Gegend von Northumbria festhalten, werden nach wissenschaftlichem Prinzip in Töne übersetzt, die wiederum die Landschaft digital erbeben lassen. So werden die unmerklichen Verschiebungen der Erdoberfläche sichtbar gemacht: Ein leises Zittern pflanzt sich durch die Gräser, wächst sich wellenförmig aus und versetzt schließlich buchstäblich Berge.

Für den bereits mehrfach prämierten Brilliant Noise wiederum quartierte sich das Duo in einem Raumforschungslabor der Nasa ein. Als Ausgangsmaterial dienen Satellitenbilder der Sonnenoberfläche, die als Film wieder in Bewegung kommen. Das Ergebnis ist ein solarer Bildersturm in Schwarz-Weiß, bei dem Sonnenflecken, Lichtexplosionen und ins All geschleudertes Plasma unser Zentralgestirn beherrschen. Die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbaren Frequenzen der Sonne werden in einen Soundtrack umgewandelt - Bilder und Töne, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen und gehört hat.

Falsche Wahrnehmungen

Semiconductor spielen auch stets mit der "falschen" menschlichen Wahrnehmung, wenn etwa in Heliocentric die Kamera mittels Zeitraffer den scheinbaren Verlauf der Sonne unterwandert, oder im großartigen Magnetic Movie unsichtbare Magnetfelder mittels eigens entwickelten Grafikprogramms veranschaulicht werden. In leuchtenden Primärfarben pflanzen sich Wellen durch die Labors fort, wechseln die Gestalt und veranstalten ein Treiben, zu dem aus dem Off die Wissenschafter der Eliteuniversität Berkeley gelehrte Kommentare abgeben. Wenn man das Chaos des Lebens schon nicht erklären kann, so sind die Filme von Semiconductor die gelungenen Experimente, eben dieses Chaos zu zeigen. (Michael Pekler/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)

Bis 1. Juni im Metro- und Schikaneder-Kino

  • Unsichtbare Magnetfelder durchwandern farbenfroh den Raum: "Magnetic 
Movie" 
vom britischen Filmduo Semiconductor.
    foto: vis

    Unsichtbare Magnetfelder durchwandern farbenfroh den Raum: "Magnetic Movie" vom britischen Filmduo Semiconductor.

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