Ales Michalewytsch, einer der sieben Präsidentschaftskandidaten der Opposition, im STANDARD-Interview
"Als würden meine Bänder reißen"
Ales Michalewytsch, einer der sieben Präsidentschaftskandidaten der Opposition in Weißrussland, wurde in der Haft gefoltert. Im Gespräch mit Ingo Petz schildert er seine Erlebnisse.
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STANDARD: Sie waren einer der sieben Präsidentschaftskandidaten, die am Wahlabend in Minsk verhaftet wurden. Nach Ihrer Freilassung haben Sie öffentlich erklärt, dass Sie gefoltert wurden.
Michalewytsch: Ich und andere Gefangene wurden im Gefängnis fünf-, sechsmal täglich einer Leibesvisitation durch Männer mit schwarzen Masken unterzogen. Dabei mussten wir nackt mit gespreizten Beinen stehen, wobei unsere Beine zu einer Spreizung fast im Spagat gezwungen wurden. Wenn unsere Beine aus dieser Stellung gelöst wurden, hatte ich ein Gefühl, als würden meine Bänder reißen, und es war schwer, danach zu gehen. Wir mussten nackt einen Meter von der Wand entfernt stehen, maskierte Männer zwangen uns, uns mit den Händen gegen die Wand zu lehnen. In einem Raum, dessen Temperatur zehn Grad nicht überstieg, wurden wir auf diese Weise 40 Minuten lang festgehalten, bis unsere Hände angeschwollen waren. Mehrmals wurde mir befohlen, meine Hände mit den Handflächen nach oben an die Wand zu stützen und in dieser Position stehenzubleiben. Es gab aber auch noch andere Foltermethoden.
STANDARD: Am 19. Februar 2011 wurden Sie entlassen, nachdem Sie eine Erklärung unterschrieben hatten, mit der Sie dem KGB Ihre künftige Zusammenarbeit bestätigten.
Michalewytsch: Ich habe diese Erklärung unterschrieben. Ich wurde durch keinerlei Druck oder Folter dazu gezwungen. Mir ging es darum, nach meiner Entlassung die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie die Gefangenen vom KGB behandelt wurden, wie die Haftbedingungen waren. Ich habe diese Erklärung also als Mittel zum Zweck benutzt. Hätte ich sie nicht unterschrieben, säße ich wohl immer noch im Gefängnis. Ich war nie ein Agent des KGB und hatte keinerlei Absicht, einer zu werden.
STANDARD: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Repressionswelle?
Michalewytsch: Das Regime hat durch die Ereignisse seit Dezember nur verloren. Mit der schweren Wirtschaftskrise, dem Terroranschlag im April in der Minsker U-Bahn und den sich verschlechternden Beziehungen zur EU und den USA befindet es sich in einer sehr heiklen Situation.
STANDARD: Wird es die Wirtschaftskrise überleben?
Michalewytsch: Das Regime hängt nun von russischen Krediten ab, aber die können die Situation nicht nachhaltig verbessern. Wir brauchen eine ernsthafte wirtschaftliche, soziale und politische Modernisierung. Aber das Regime wird diese kaum anstoßen, da es damit sein Ende besiegeln würde.
STANDARD: Was fordern Sie von der EU?
Michalewytsch: Die EU muss das Regime schnellstens dazu bringen, die Folter zu stoppen und alle politischen Gefangenen zu entlassen. Mittlerweile bin ich auch für Wirtschaftssanktionen der EU. Die demokratischen Kräfte, die Zivilgesellschaft und unabhängige Medien müssen viel stärker unterstützt werden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)
Ales Michalewytsch (35) trat bei den Präsidentschaftswahlen 2010 für die
"Union für Modernisierung" an. Am Wahltag, dem 19. Dezember, wurde er
zusammen mit den sechs anderen Oppositionskandidaten verhaftet. Nach
seiner Freilassung floh er über Russland und die Ukraine nach Prag.