"Wir kämpfen auf der Probe um einzelne Silben"

26. Mai 2011, 15:57
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Ulrich Matthes im Interview über die Salzburger Proben zu Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen"

Ulrich Matthes gibt in Roland Schimmelpfennigs neuem Stück "Die vier Himmelsrichtungen" Ende Juli sein Debüt bei den Salzburger Festspielen. Im Gespräch mit Bert Rebhandl gesteht er auch Musical-Gelüste.

Standard: Sie proben gerade das Stück "Die vier Himmelsrichtungen" von Roland Schimmelpfennig, in dem Sie bei den Salzburger Festspielen auftreten werden. Ihre Rolle heißt ganz einfach "ein Mann" - was hat es denn mit diesem Mann auf sich?

Matthes: Der Autor, der in diesem Falle auch der Regisseur ist, erzählte auf der ersten Probe, dass er mal in Mexiko in einem Urlaub in einer Dorfkneipe saß. Die Tür ging auf, und es kam ein Mensch herein mit lauter Luftballons, einem weißen Anzug, und einer blauen Zunge, die er sich in den Mundwinkel geschminkt hatte. Da hat Schimmelpfennig zu seiner Freundin gesagt: Über den schreib ich ein Stück! Und den Mann spiel ich nun. Das ist jetzt keine Charakterisierung der Figur, aber auch mehr als nur eine Anekdote, denn es charakterisiert die Art dieses Stücks. Manchmal denke ich, es ist wie ein moderner Western, etwas Archaisches. Es könnte auch ein Märchen sein. Oder ein Traum.

Standard: Ein Traum, der sich nacherzählen lässt?

Matthes: Es geht um vier poetische Randexistenzen. Diesen Mann, dann gibt es eine Kellnerin, in die er sich ein bisschen verliebt, dann gibt es einen Lkw-Fahrer, der einen Unfall hat, und eine ältere Frau mit hellseherischen Kräften. Aus dem Kraftfeld dieser vier Figuren wird eine gleichzeitig reale, aber auch total surreale Szenerie entwickelt. Ich habe das Stück ja nun schon eine Weile, aber immer wenn ich gefragt wurde, wovon es denn nun eigentlich handelt, komme ich in eine gewisse Verlegenheit. Das heißt nicht, dass ich das Stück nicht mag - im Gegenteil.

Standard: Beim Lesen dieses Stücks entsteht nicht sofort eine Figur wie "aus Fleisch und Blut"?

Matthes: Nein, klares Nein. Normalerweise rattert bei mir beim Lesen eines Stücks sofort eine szenische Fantasie los. Dieses habe ich eher gelesen wie ein Stück Literatur. Es handelt sich ja auch überhaupt nicht um Dialoge, sondern um - allerdings hochmusikalische - Textflächen. Heute hatten wir eine Einzelprobe, da haben wir um einzelne Silben gekämpft. Ich habe geglaubt, diesen Autor, der ohnehin sehr musikalisch ist, noch musikalischer machen zu können, indem ich eine Silbe streiche - das wurde mir dann auch erlaubt. Das ist eine rhythmisierte Prosa, die auch mit extremen Wiederholungen und Variationen arbeitet. Da bin ich sehr von den Proben abhängig, um meine Fantasie starten zu können. Dort fällt mir dann auch durchaus eine Menge ein. Zu Hause saß ich aber noch etwas traumverloren da mit dem Text.

Standard: Wie viel Inszenierung hatte Schimmelpfennig denn bei Probenbeginn schon im Kopf?

Matthes: Jeder Regisseur lässt sich gern überraschen! Selbst ein hartgesottener Konzeptionalist wie Thalheimer. So vorbereitet kann ein Regisseur doch gar nicht sein, dass er nicht auch wie ein Mensch reagieren würde. (lacht) Schimmelpfennig ist ja durch Jürgen Gosch gestählt, der viele seiner Stücke uraufgeführt hat, und Gosch ließ uns häufig auch erst einmal machen. Trotzdem wusste er genau, wohin er wollte. Bei der allerersten Probe war Schimmelpfennig beinahe überpingelig, sodass ich dachte: Ach herrje. Das hat er aber selber gemerkt, später war es dann freier und offener.

Standard: Sie werden zum ersten Mal in Salzburg auftreten. Können Sie denn etwas anfangen mit der Idee von Festspielen?

Matthes: Ich bin da total altmodisch. Ich muss gestehen, dass mich sämtliche ironischen Bemerkungen, die zum Teil aus meinem Umfeld zum Thema Salzburg kamen, in keinster Weise von meiner Vorfreude abhalten können. Null! Die Vorstellung, dass da in einem herrlichen Umfeld im Sommer die tollsten Leute aus allen darstellenden Künsten zusammenkommen und an diesem allgemein aufgewühlten, hoch erotisierten Ort ihrem Beruf nachgehen, das ist doch großartig!

Standard: Waren Sie denn schon einmal als Besucher dort? Und haben gar den "Jedermann" gesehen?

Matthes: Ja selbstverständlich! Der Jedermann ist allerdings noch eine Nummer für sich.

Standard: Punkt?

Matthes: Punkt.

Standard: Im Deutschen Theater in Berlin sind Sie derzeit in neun Inszenierungen zu sehen. Welche ist Ihnen besonders teuer?

Matthes: Ich nenne eine alte und eine frische. Die alte ist Wanja von Gosch. Die neue ist Kinder der Sonne von Stephan Kimmig. Obwohl beide Regisseure ganz unterschiedlich sind, habe ich in beiden Aufführungen ein enormes Gefühl von Freiheit auf der Bühne. Beide sind sehr präzise gearbeitet, ich komme aber fast jedes Mal in eine Art von reinem Spiel hinein, ich denke dann null über Wirkung, über Arrangements oder Verabredungen nach. Das ist ein idealer, ich hätte fast gesagt: utopischer Zustand von Theater - wenn man sehr genau gearbeitet hat, das dann aber einfach durch reines Spiel ausatmet.

Standard: Für das Deutsche Theater haben Sie, so wird erzählt, sogar eine Rolle als Schurke in einem James-Bond-Film ausgeschlagen.

Matthes: Na ja, ich will das nicht zu hoch hängen. Man hat mir diesen Schurken angeboten, und ich habe mit einer merkwürdigen Mischung aus Loyalität zu meinem Theater (da ging es um viele Vorstellungen, um eine Südamerika-Tournee) und diffuser Furcht, dass an diesem Angebot irgendetwas doch nicht ganz zu mir passt, abgelehnt. Eine Entscheidung, innerhalb von zwölf Stunden gefällt, die ich oft bedauert habe. Es nagt aber noch an mir, denn ich habe oft das Gefühl, ich müsste mehr und auch andere Filmangebote bekommen, als es der Fall ist.

Standard: Trotz Goebbels in "Der Untergang", trotz der Triumphe mit Volker Schloendorffs "Der neunte Tag". Wenn Sie sich eine Rolle aussuchen könnten, was würden Sie denn gern spielen im Kino?

Matthes: Musical! (lacht) Ich liebe das amerikanische Musical, ich kann sie alle auswendig mitsingen. Das ist eine Seite von mir, die man mir nicht - Stichwort: Typecasting - zutraut. Dabei war eine meiner absoluten Lieblingsrollen in den dreißig Berufsjahren der Conférencier in Cabaret, den ich als Anfänger gespielt habe.

Standard: Wir vermelden exklusiv: Sie stehen für ein Remake von "Singing in the Rain" zur Verfügung.

Matthes: Oder Prof. Higgins in My Fair Lady. Ich bin da ganz offen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)

 

  • Ulrich Matthes, in Berlin daran gewöhnt, Achttausender der Dramatik zu erklimmen, über ein Schimmelpfennig-Märchen. Matthes (52), geboren in Berlin, maßgeblicher Charakterdarsteller, ist seit 2004 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters.
 
 
    foto: declair

    Ulrich Matthes, in Berlin daran gewöhnt, Achttausender der Dramatik zu erklimmen, über ein Schimmelpfennig-Märchen. Matthes (52), geboren in Berlin, maßgeblicher Charakterdarsteller, ist seit 2004 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters.

     

     

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