Regionale Prägung und internationaler Austausch: Die von Roberto Ohrt kuratierte Ausstellung "Die Unsichtbaren Vier" in der Galerie Senn will dieses Sowohl-als-auch sichtbar machen
Wien - Über den Umweg East by South West hat das diesjährige
curated by -Projekt das alte Label "Kunst aus Osteuropa" insgesamt recht
erfolgreich umschifft: Neben einigen differenzierten historischen
Bestandsaufnahmen waren die Kuratoren auch darum bemüht, die Gegenwartskunst von
überkommenen "Ost"-Typisierungen zu befreien.
Auf sehr exemplarische Weise ist dies Kurator Roberto Ohrt gelungen. Seine
Ausstellung Die Unsichtbaren Vier geht davon aus, dass man weder die
Kunst in den unterschiedlichen Ländern noch deren Geschichte über einen Kamm
scheren kann. Und so hat er vier aktuelle künstlerische Positionen versammelt,
für die polnische Populärkultur ein gemeinsamer Bezugspunkt darstellt. Damit
stand auch nicht die polnische Konzeptkunst der 1970er-Jahre Pate für die
Ausstellung, sondern die figurative Malerei.
Die hat ebenso Eingang in die Populärkultur gefunden, wie der osteuropäische
Konstruktivismus die Formensprache des Alltags prägte. Betritt man die Galerie
Senn, blickt man auf zwei Bilder, denen man zunächst nur allzu gerne den Stempel
"Ostkunst" aufdrücken möchte. Eigentlich handelt es bei den abstrakten Farb- und
Materialkompositionen aber um Arbeiten des deutschen Künstlers Philipp Schwalb
(geb. 1984), der sichtlich unbeschwert und respektlos (u. a. mit Titeln wie
Kartoffel-brei, Apfel-muß, Blau-kraut, Wasser-melone: Cash Money) mit
Formen des Konstruktivismus experimentiert.
Dorota Jurzcak (geb. 1978) hingegen hat tatsächlich an der Akademie in
Warschau studiert und ihre spezifische Formensprache dort entwickelt:
Mittlerweile lebt die Künstlerin, die mit ihren feingliedrigen Radierungen
international bekannt geworden ist, jedoch in Westeuropa, wo sie mit
surreal-düsteren Bildinhalten auch über ihre formalen Vorbilder hinausgeht.
Von den vier versammelten Künstlern leben damit eigentlich nur Tomasz
Kowalksi (geb. 1984) und das Kollektiv Strupek in Polen, schlagen aber auch
unterschiedlichste Wege ein: Während Kowalski sich mit seinen melancholischen
Bildern auf eine lokale Bildtradition jenseits der dominierenden Konzeptkunst
bezieht, haben sich Strupek eine mobile Miniatur-Galerie gezimmert: Über die
darin präsentierten Kleinformate (u. a. Aufnahmen lustbetonter Begegnungen)
tauschten sie sich auch schon mit Dorfbewohnern in Ecuador aus. (Christa Benzer/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2011)