Österreichische Wissenschafter zählen zu internationalen Spezialisten - Arbeit an besonders blutschonender Kanüle
Wien - Rund drei Milliarden Mal schlägt das Herz eines Menschen im Laufe seines Lebens. In Ruhe bringt es etwa 1,5 Watt, bei Sport mindestens zehn Watt Leistung und pumpt dabei fünf bis 40 Liter Blut pro Minute durch den Körper. Funktioniert das lebenswichtige Organ nicht mehr, können die international führenden Spezialisten der Medizinischen Universität Wien (MedUni Wien) helfen: Ihre Transplantation des ersten Kunstherzens in Europa feiert dieser Tage 25-jähriges Jubiläum. Vor drei Wochen retteten sie so den bisher kleinsten Säugling in Österreich, wie die Experten bei einer Pressekonferenz in Wien berichteten.
Das 5,5 Kilogramm schwere und zehn Wochen alte Mädchen leidet vermutlich an einer angeborenen Herzmuskelschwäche. Nachdem Medikamente nicht mehr geholfen hatten, entschlossen sich die Mediziner, die mit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft an Innovationen forschen, zu einer künstlichen Herzpumpe. Diese hält das Baby am Leben bis sich die normale Herzfunktion erholt oder - falls dies nicht eintritt - ein passendes Spenderorgan gefunden wird.
"New Vienna Heart" im Jahr 1968
Die Herzchirurgen und Forscher, die am Wiener AKH arbeiten, zählen zu den weltweit führenden Spitzenkräften: Die Transplantation des in Wien entwickelten "New Vienna Heart" war 1968 der erste erfolgreiche Einsatz in Europa. Mit seiner pulsierenden Membran und Klappen einem echten Herzen nachempfunden war dies ein Totalersatz bis ein Spenderorgan zur Verfügung stand. Die Patienten lagen auf der Intensivstation. Weitere Meileinsteine: 1999 wurde in Wien weltweit erstmals ein Patient mit einer Rotationsblutpumpe entlassen, 2006 das weltweit erste solche Gerät mit hydromagnetischer berührungsloser Lagerung implantiert.
Heute wird der komplette Ersatz nur mehr beim klassischen Herzversagen eingesetzt, wenn das Organ so schwer geschädigt ist, dass die neueren Kunstherzen mit unterstützender Pumpfunktion nicht genügen. Letztere werden in den linken Herzventrikel eingesetzt und funktionieren wie ein Turbolader, erklärte Georg Wieselthaler, Leiter der Wiener Kunstherzprogramms. "Das unterstützte Herz und der gesamte Organismus können sich so wieder erholen." Sport und ein normaler Alltag werden möglich. Nicht immer ist danach eine Transplantation von Spenderorganen noch notwendig. Da diese Mangelware sind, sei dies ein entscheidender Vorteil: Im Vorjahr ging die seit längerem stagnierende Zahl an solchen Eingriffen sogar zurück.
Herzen werden dauerhafter
Die neuen Implantate werden laut dem technischen Leiter des Kunstherzprogramms immer mehr zur dauerhaften Therapieoption: Sie können sich an die Anforderungen emotionaler Situationen und den Tag-Nacht-Rhythmus anpassen. Die verbleibende Herzfunktion wird kontinuierlich gemessen. Vor zehn Jahren überlebten weniger als die Hälfte der Patienten zwei Jahre ohne Spenderorgan, heute sind es in Wien 85 Prozent, international 80 Prozent.
Einen großen Unterschied für die Patienten brachten technische Fortschritte. Das modernste Kunstherz der Wiener Spezialisten ist nicht größer als ein Daumen, wird über eine fotokamera-große Batterie in einer Umhängetasche betrieben und macht kein Geräusch. Die ersten Modelle waren nicht nur größer, sondern erinnerten auch an das laute Klappern kaputter Stoßdämpfer. Entwickelt werden derzeit besonders blutschonende Kanülen für zukünftige Systeme, die mit Knopflochchirurgie implantiert werden sollen.
Schädigungen oder Entzündungen des Herzmuskels, undichte Aortenklappen oder unbehandelter Bluthochdruck können den Einsatz eines Kunstherzens notwendig machen. Mit mehr als zehn Millionen Betroffenen ist die Herzinsuffizienz eine der häufigsten internistischen Erkrankungen Europas. Am Wiener AKH wurden bisher 300 Implantationen durchgeführt, aktuell werden 35 Patienten mit Kunstherzen versorgt. (APA)
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27. Mai ein Symposium statt: Gesellschaft der Ärzte, Frankgasse 8, 1090
Wien, 15.00 bis 19.00 Uhr, Eintritt frei.)