Der unbeugsame Journalist

24. Mai 2011, 21:00
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Mein Freund Ali Lmrabet ist ein Vollblutjournalist und als solcher die schwarze Bestie des marokkanischen Königshauses. Der 51-jährige ehemalige Diplomat aus dem nordmarokkanischen Tetuan hat eine unbändige Lust auf Pressefreiheit. Ein gefährliches Geschäft im Reich von Mohamed VI. 1998 begann er zu schreiben und wurde Chefredakteur von Le Journal, der ältesten unabhängigen Publikation Marokkos. 2000 gründete er mit Demain (Morgen) und später Demain Magazine seine eigenen Blätter, die neben französisch auch auf arabisch erschienen. Demain Magazine traute sich erstmals in Marokko an politische Satire heran.

Das ging nicht lange gut. 2003 wurde die Zeitschrift geschlossen, und Lmrabet wegen verschiedener Artikel über das Königshaus zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach einem Hungerstreik kam er wieder frei. 2005 wurde von einem marokkanischen Gericht ein zehnjähriges Berufsverbot gegen ihn verhängt. "Der einzige Journalist weltweit, dem untersagt wurde in seinem eigenen Land seinen Beruf auszuüben" - präsentiert sich Ali, der mittlerweile in Spanien lebt, deshalb auf Facebook.

Jetzt hat er trotzdem einen Weg gefunden, wieder in Marokko präsent zu sein. Eine Webseite mit dem Namen Demainonline ist der würdiger Nachfolger des verbotenen Demain Magazin. Einmal mehr bedient sich Ali der Satire. Als Vorbild dient die beim Publikum beliebte und bei Politikern gefürchtete französische Zeitung "Le Carnard enchaîné". Ob Kritik an der Monarchie von Mohamed VI., der islamischen Religion oder der Besetzung der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara, Ali ignoriert alle roten Linien bewusst.

Als erster arabischer Journalist interviewte er einen israelischen Ministerpräsidenten. Als erster marokkanischer Reporter reiste er ins algerische Tindouf, um einen Bericht über die Flüchtlinge aus der besetzten Westsahara zu schreiben, ein Interview mit dem Präsidenten der sahrauischen Exilregierung, Mohamed Abdelaziz, inklusive. Ali macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für den arabischen Frühling.

Demainonline hat Erfolg. Immer wieder bricht die Seite zusammen, so hoch ist der Besucherandrang. Neben Berichten über Korruption, Menschenrechtsverletzungen und die Machenschaften des marokkanischen Königshauses sowie die Verstrickung der Islamisten in Staat und Gesellschaft, sind es die Karikaturen, die die Leser anziehen. Keiner ist vor der Spitzen Feder der Zeichner sicher. Von Marokkos König Mohamed VI., über Gaddafi bis hin zum französischen Präsidenten Sarkozy oder dem Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn - alle werden auf die Schippe genommen.

Die beliebteste Kolumne ist das "Fast echte Interview". "Wir legen hier bekannten Persönlichkeiten Antworten auf unsere Fragen in den Mund, von denen unsere Leser wissen, dass diese Menschen so denken", erklärt Ali Lmrabet, was er mit dieser Satireform bezweckt. Bisher wurde der als Demokrat geltende Cousin von Mohamed VI., Moulay Hicham, sowie der englische Prinz Charles "interviewt".

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